Der Holocaust-Überlebende hielt den Koran für eines der judenfeindlichsten Bücher überhaupt  

Von Chaim Noll

Vor etlichen Jahren rief ein alter Freund aus Deutschland in unserem Haus in der Wüste an, wie er es manchmal tat. Er kannte unseren kleinen Ort, hatte ihn einst besucht, war überhaupt gern nach Israel gekommen, als die Autofähre von Piräus nach Haifa noch verkehrte. Denn unser Freund litt unter Flugangst, unter Klaustrophobie, seit er als junger Mann im engen Kellerraum einer Hamburger Gartenlaube im Versteck gelebt hatte, viele Monate lang, weil er Jude war. Er hat darüber geschrieben, viele werden sich an ihn erinnern: Ralph Giordano.

Als die Intifada ausbrach, fast täglich ein Bus in die Luft flog, der Fährbetrieb von Europa eingestellt wurde und man Israel nur noch per Flugzeug erreichen konnte, versuchte sich Ralph durch Anrufe bei israelischen Freunden ein Bild von der Lage zu machen. Ich erinnere mich an ein Gespräch kurz nach der alljährlichen Al-Quds-Demonstration in Berlin, er wirkte aufgeregt, seine sonst ruhige Stimme klang entsetzt. Auf der Demonstration war erstmals ein palästinensisches Kleinkind mit umgeschnallter Bombengürtel-Attrappe vorgeführt worden, auf Vaters Schultern, als Versprechen für eine grandiose Zukunft. „Was ist das für ein Vater?“ fragte Ralph. „Mir wird langsam klar, mit was für Leuten ihr es da zu tun habt... Fängt das jetzt womöglich auch bei uns an?“

Bis dahin hatte Ralph, wie es sich für einen deutschen Intellektuellen gehört, den Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn eher distanziert gesehen, ohne Partei zu nehmen, kritisch gegenüber der israelischen Politik. Er äußerte bei jeder Gelegenheit Mitgefühl mit den „Palästinensern“, betonte ihre Leiden unter der israelischen Besatzung. Das Vorgehen der israelischen Armee sei brutal, die radikalen Siedler hätten zu viel Einfluss auf die israelische Politik. Nur so sei der Hass zu erklären, der dem Judenstaat entgegenschlug.

„Lies den Koran!“, sagte ich.
In dem Telefongespräch, an das ich mich erinnere, traten diese Gewissheiten plötzlich in den Hintergrund. Stattdessen stellte er Fragen. Ihn interessierte, sagte er, „die Mentalität“ von Menschen, die Säuglingen eine Bombenattrappe umbanden und sie so auf der Straße zeigten. Wie eine solche „Verachtung des Lebens“ zu erklären sei. Ob es womöglich Ursachen für den Hass gäbe, die wir nicht beeinflussen könnten, wo unser Entgegenkommen ins Leere ginge, weil ältere Prägungen alles Bemühen um Vernunft, Kompromiss und Frieden sabotierten.

„Lies den Koran“, sagte ich, nachdem er alle diese Fragen gestellt hatte. „Vielleicht findest du dort eine Antwort.“ Ich hatte den Koran selbst gerade gelesen, weil wir uns an der Universität in Beer Schewa mit dem Verschriftlichen und Archivieren bisher mündlich überlieferter Beduinen-Poesie beschäftigten und mich – nicht anders als Ralph – Fragen plagten, wie ich mir traditionelles arabisches Leben vorzustellen hätte, mit für unser Empfinden seltsamen Sitten wie dem Verkaufen von Frauen, Blutrache über Generationen und einem Stammesdünkel, der offen rassistisch ist.

Vonseiten muslimischer Theologen wird davor gewarnt, als Unberufener den Heiligen Koran zu lesen. Denn wir würden ihn missverstehen, falsche Schlüsse ziehen und dadurch Frevel begehen. Das Verdikt betrifft „Ungläubige“ wie mich, aber auch theologisch ungebildete Muslime. Ohnehin dürfe man das einzigartige Werk nur im arabischen Original studieren, jede Übersetzung sei Entstellung, was de facto bedeuten würde, dass hunderte Millionen Muslime, Türken, Perser, Afrikaner, die nicht arabisch lesen können, kein zutreffendes Bild von ihrer Religion hätten. Kritisches Nachdenken über den Heiligen Text ist ohnehin verboten und macht den, der es dennoch wagt, zum „Ungläubigen“, zum Feind, den Allahs grausame Strafen treffen sollen, auch gewaltsame Maßnahmen der „Gläubigen“, wie sie an vielen Stellen im Heiligen Koran aufgelistet sind.

Tatsächlich scheinen viele Menschen, die wir Muslime nennen, den Koran gar nicht zu kennen. Ich war überrascht, wie oft ich im Gespräch mit Türken, Arabern, Iranern an den Punkt gekommen bin, dass sie eingestanden, sie hätten keine oder nur sehr geringe Kenntnis von diesem Text. Entweder, weil er sie nicht interessiere oder weil sie sich mit dem begnügten, was ihnen Imame und andere Korankundige darüber mitteilten.

Verbotenes hat ihn immer interessiert
Als ich meinen textkritischen Essay „Bibel und Koran“ veröffentlichte, bat der Herausgeber einer Zeitschrift, der sich nach einigem Zittern und Zagen zur Veröffentlichung entschloss, einen bekannten Hamburger Schriftsteller, der Jahre zuvor zum Islam konvertiert war, um eine Gegen-Stellungnahme. Doch der neue Muslim kannte den Koran-Text eher vom Hörensagen als von eigener Lektüre. „Er wusste kaum, wovon die Rede ist“, erzählte mir der Herausgeber am Telefon, irritiert wie ich, dass hier offenbar jemand zu einer Religion übergetreten war, die er nicht genau kannte. Der Hamburger Schriftsteller trat dann in seiner Stellungnahme weniger meinen Argumenten entgegen, als dass er mich warnte, ich würde mich mit meinen unbefugten Text-Analysen auf „vermintes Gebiet“ vorwagen.

Das alles erzählte ich Ralph Giordano am Telefon. Ich verschwieg ihm nicht, dass die Lektüre des Heiligen Textes durch Unbefugte als Frevel gilt, erst recht das Äußern unberufener Meinungen, und dass viele Menschen deshalb davor zurückschrecken, ihn zu lesen. Auf Ralph machte das wenig Eindruck, Verbotenes hat ihn immer interessiert, das Äußern seiner Meinung – notfalls unerwünscht – hielt er nicht nur für sein Recht, sondern für seine Pflicht als denkender Bürger eines demokratischen Staates. Wir besprachen noch die Frage, welche der vielen deutschen Übersetzungen des Heiligen Koran zu empfehlen sei, dann hörte ich erst wieder von ihm, nachdem er sich durch die 114 Suren hindurchgearbeitet hatte.

Denn das war mein Vorschlag: Er solle den gesamten Text lesen. Vom ersten bis zum letzten Vers. Ich habe bisher nur wenige Menschen getroffen, die den Koran wirklich von Anfang bis Ende kennen. Die meisten lesen – falls überhaupt – darin herum, Ausschnitte, einzelne Passagen, vielleicht mal eine ganze Sure. Aber nur das Lesen des gesamten Textes von Anfang bis Ende kann die emotionale Wucht nachfühlen lassen, die jene Gesänge zum Auslöser eines einzigartigen militärischen Siegeszuges machten, der im siebenten Jahrhundert die antike Welt buchstäblich überrannte und die muslimischen Eroberer bis nach Südfrankreich schwemmte.

„Ich habe es mir angetan“
Wie die Koran-Lektüre auf Ralph Giordano gewirkt hat, ist allgemein bekannt. Er wurde im letzten Jahrzehnt seines Lebens, mit über 80 Jahren, einer der schärfsten Islam-Kritiker Deutschlands. Mit den zu erwartenden Folgen: öffentlichen Angriffen, Droh-Anrufen, anonymen Briefen. Er erzählte mir davon am Telefon, seine Stimme klang animiert, fast schien es ihn zu freuen, dass er als alter Mann nochmals seine Zivilcourage unter Beweis stellen konnte. Das Lesen des Korans, sagte er, hätte ihn in Bewegung gebracht. Er verstand manches besser als vorher. Er verstand, dass die geplante Monster-Moschee in Köln-Ehrenfeld nicht nur als harmloses Gotteshaus gedacht war, sondern als militanter städtebaulicher Akzent. Er nannte sie „eine Kriegserklärung, eine Landnahme auf fremdem Territorium.“

In einem Interview, das ich wenige Jahre vor seinem Tod für eine jüdische Zeitung mit ihm führte, traf er eine Reihe von Aussagen, die sich als zutreffend erwiesen und an die ich heute immer wieder denken muss. Etwa diese: „Die Schicksalsfrage, vor der Deutschland steht im 21. Jahrhundert, ist daher: Wird die türkisch dominierte muslimische Minderheit in Deutschland kollektiv integrierbar sein oder nicht. Und ich glaube, dass diese türkisch dominierte muslimische Minderheit in Deutschland nicht kollektiv integrierbar ist.“

Und er kam öfters darauf zurück, dass es die Lektüre des Koran gewesen sei, die ihm die Augen geöffnet hätte über das Problem Islam: „Ich habe es mir angetan und habe den Koran gelesen. Von der ersten bis zur letzten, bis zur 114. Sure. Es ist eine Lektüre des Schreckens und des Wahnsinns. Es wird fortwährend dazu aufgerufen, die Ungläubigen zu töten, vor allem aber die Juden, die Juden, die Juden (...) Ich sage euch, nachdem ich den Koran gelesen habe: der Koran ist das judenfeindlichste Buch, das mir in meinem langen Leben jemals vor die Augen gekommen ist.“

Und ihn beunruhigte der Demokratieverlust, den eine schleichende Islamisierung unweigerlich mit sich brächte: „Als ich den Bau der Großmoschee in Köln-Ehrenfeld kritisierte (...), bekam ich hunderte Briefe, die alle denselben Tenor hatten, nämlich, Giordano, wir fürchten wie Sie eine schleichende Islamisierung, wagen es aber nicht, öffentlich zu bekunden, weil wir dann in die rechte, neonazistische, rassistische Ecke gestellt werden. (…) Das heißt, wir haben es mit einem Status quo zu tun, wo die Leute, Millionen in Deutschland, nicht wagen, ihre Meinung, ihre Beunruhigung zu äußern, weil sie dann in die falsche Ecke gestellt werden. Was – um Himmels willen – ist in diesem Land los?“

P.S. Die vom Staat bezahlte Expertin und Leiterin des Berliner Instituts für Antisemitismus-Forschung, Juliane Wetzel, äußerte dieser Tage die Ansicht, es gäbe „keinen muslimischen Antisemitismus“. Ich bin sicher, sie hat den Koran nie gelesen.

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