Über die Restaurierung des jüdischen Friedhofs in Elmshorn  

Von Heike Linde-Lembke

Noch einige Wochen, dann soll der alte jüdische Friedhof am Feldweg in Elmshorn wieder in voller Pracht zu besichtigen sein. Umgestürzte Grabsteine werden aufgerichtet, die Inschriften wieder lesbar gemacht, die Gehwege geebnet. 2018 soll die historisch sehr wertvolle Friedhofshalle restauriert werden.

Dr. Margita Meyer, Mitarbeiterin der Gartendenkmalpflege des Landesdenkmalamts Schleswig-Holstein, hat den jüdischen Friedhof Elmshorn als den schönsten jüdischen Friedhof im nördlichsten Bundesland bezeichnet. Seit 2015 ist der mehr als 330 Jahre alte Friedhof in der Denkmalschutzliste eingetragen. Schon 2016 hat die jüdische Gemeinde von Elmshorn kleinere Arbeiten auf dem aschkenasischen Friedhof durchführen lassen. Im Gegensatz zu den sephardischen Friedhöfen wie dem jüdischen Friedhof im schleswig-holsteinischen Glückstadt hat der aschkenasische aufrecht stehende Steine. Der jüdische Friedhof in Elmshorn ist nach dem Glückstädter das zweitgrößte Beit Olam in Schleswig-Holstein.

„Wir haben die Grabsteine der Cohen-, Stern- und Oppenheim-Familie wieder aufrichten lassen“, sagt Alisa Fuhlbrügge, die seit vielen Jahren Vorsitzende der am 8. November 2003 wiederbegründeten jüdischen Gemeinde Elmshorn ist und sie zurück in die Öffentlichkeit der schleswig-holsteinischen Industriestadt an der Krückau, einem Nebenfluss der Elbe, geholt hat. Mit dem großen Betsaal am Flamweg, schräg gegenüber der während der Reichs-Pogromnacht am 9. November 1938 von den Nazis niedergebrannten Synagoge, hat Alisa Fuhlbrügge der Gemeinde eine repräsentative Heimat gegeben.

„Für mich gilt die Mizwa sachor, nach der kein Name verloren gehen soll. Natürlich tasten wir die Gräber nicht an, sondern nur die Grabsteine, denn wenn wir die Informationen, die Inschriften auf den Steinen jetzt nicht schnell sichern, sind sie für immer verloren“, sagt die pensionierte Schulrektorin. Besonders wertvoll ist die Cohen-Grabstein-Reihe, da sie wegen ihrer Geschlossenheit zur Rarität auf jüdischen Friedhöfen in ganz Deutschland geworden ist. Sie steht aufgrund des Priestergeschlechts Cohen, deren Nachfahren keinen Friedhof betreten dürfen, in der ersten Reihe zur Straße. Zu erkennen sind sie an den zwei Händen über der hebräischen Inschrift.

Namen erst ab 1835
Die ältesten Grabsteine stammen vom Beginn des 18. Jahrhunderts. Sie besitzen noch keine Inschriften. Erst ab 1835 wurden die Namen graviert, auf der einen Seite des Steins in lateinischer, auf der anderen in hebräischer Schrift. Dazu kamen Symbole wie die segnenden Hände der Familien Cohen oder Cohn, der Kohanim, die Leviten-Kanne und -Schale für Nachkommen der Familien Levi, ebenfalls eines der jüdischen Priestergeschlechter, und der Davidstern.

Das Gelände des 1.740 Quadratmeter großen Areals konnte die jüdische Gemeinde erst vom Grundbesitzer Detlev Graf zu Rantzau pachten, am 4. Februar 1828 aber kaufen. Damals existierte bereits ein Taharahaus, ein Leichenwaschhaus. 1906 baute die Gemeinde ein neues Taharahaus, die heutige Friedhofshalle. Seit 2007 ist die gesamte Anlage im Besitz der Jüdischen Gemeinde Elmshorn. Bis 1943 gehörte sie der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, ab 1944 dem Kreis Pinneberg, ab 1953 der Jewish Corporation for Germany, ab 1960 zur Jüdischen Gemeinde Hamburg, die ohnehin alle in ganz Schleswig-Holstein lebenden Juden zu ihrer Einheitsgemeinde zählte. Und die Landeszuschüsse dafür erhielt. 2002 aber gründeten die jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins einen eigenen Landesverband, der 2005 mit dem Land einen Staatsvertrag schloss. Und damit die Abkoppelung vom Hamburger Landesverband vollzog.

Alisa Fuhlbrügge verwahrt auch den Schlüssel zum alten jüdischen Friedhof. „Der ist dank eines mutigen Menschen im Kieler Ministerium vor den SS-Schergen gerettet worden, sonst gäbe es den Friedhof nicht mehr“, sagt sie. Die SS wollte den Friedhof schleifen und zum Park umbauen.

Beerdigungen finden auf dem Friedhof nicht mehr statt, sondern auf einem jüdischen Friedhof am städtischen Friedhof Elmshorn.

Heute wird die Friedhofshalle als Dokumentationsort, betreut vom Elmshorner Industriemuseum, für die wechselvolle Geschichte der Elmshorner Juden genutzt. 1685 erhielt Behrend Levi einen Schutzbrief von Detlev Graf zu Rantzau, der als Reichsgraf das Recht erhalten hatte, Juden aufzunehmen. Behrend Levi durfte nun in Elmshorn wohnen, Handel treiben und Geld verleihen. Außerdem durfte er einen Begräbnisplatz für in Elmshorn gestorbene Juden erwerben.

1685 fing alles an
1685 soll sich die erste jüdische Gemeinde in Elmshorn gegründet haben. 1863, als die Emanzipation der Juden Holstein erreichte und sie in Städten ihrer Wahl leben und arbeiten konnten, zog es auch die Elmshorner Juden in größere Städte wie Altona, Hamburg, Lübeck und Kiel. 1838 lebten noch 204 Juden in Elmshorn. 1924 waren es nur noch 100 Personen, 1932 noch 80, und 1933 nur noch 56 Mitglieder. Das Hitler-Regime deportierte in der Reichspogromnacht fast alle jüdischen Männer ins KZ Sachsenhausen. 1940 lebten noch acht Juden in der Stadt. 1941 wurde die Gemeinde aufgelöst. Am 22. November 1943 meldete die Stadt Elmshorn, sie sei „judenfrei“.

Doch es gelang dem Regime nicht, den Friedhof zu schleifen. 1935 konnte Hamburgs Oberrabbiner Joseph Zwi Carlbach einen Antrag auf Schließung mit dem Hinweis auf den Schulchan Aruch, die Ewigkeit für jüdische Gräber, abweisen. Dann verhinderte ein Gesetz, nach dem ein Friedhof erst 40 Jahre nach der letzten Beerdigung geschlossen werden durfte, die Auflösung, anschließend der besagte mutige Beamte im Kieler Ministerium.

Die Kosten zur Restaurierung des Friedhofs und der Friedhofshalle werden von der Stadt Elmshorn und von der jüdischen Gemeinde mit Spenden finanziert. Die Stadt Elmshorn erhält vom Land Schleswig-Holstein für die Betreuung des Friedhofs eine Pflege-Pauschale von zirka 1.900 Euro pro Jahr. Damit allerdings kann der städtische Betriebshof gerade einmal die Kosten für Grünpflege, Erhalt der Einfriedung und der Zuwege finanzieren. Ein Zuschuss von 40.000 Euro, verteilt auf zwei Jahre, ist indes politisch beschlossen, und aufgrund dessen besteht die Hoffnung, dass sich das Landesamt für Denkmalpflege und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit je 30.000 Euro ebenfalls an der Restaurierung beteiligen. Schließlich wird mit der Restaurierung von Friedhof und Friedhofshalle ein Stück deutsche Kulturgeschichte erhalten, und die Gesamtkosten werden auf zusammen zirka 100.000 Euro geschätzt. Ein Gutachten der Firma Jacobs & Hübinger aus Berlin, das das Landesamt für Denkmalpflege in Auftrag gab, ergab für Restaurierung und Konservierung einen Aufwand von 85.000 Euro allein für die 170 historisch wertvollen Grabanlagen und Grabsteine.

Die Friedhofshalle ist an mehreren Stellen durchgefeuchtet und muss dringend nicht nur trockengelegt, sondern umfassend saniert werden.

„Die jüdische Gemeinde, die schon immer arm war, ist nur in der Lage, um Spenden zu werben, der Friedhof aber muss unbedingt erhalten werden, denn jeder Name zählt“, sagt Alisa Fuhlbrügge, die auch Gruppen über den Friedhof führt. Gegen Spenden für dessen Erhalt.

Der Elmshorner Historiker Harald Kirschninck hat die zweibändige Dokumentation „Was wollen uns die Gräber erzählen“, 1996, über den alten jüdischen Friedhof in Elmshorn erstellt. Sie ist ISBN-gelistet und über Book on Demands für zirka 100 Euro erhältlich.

Spenden für die Restaurierung von Friedhof und Halle werden an die Jüdische Gemeinde Elmshorn
Stichwort Alter jüdischer Friedhof, IBAN DE41221500000000123560, BIC NOLADE21ELH erbeten.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben