März 4, 2016 – 24 Adar A 5776
Der Mann vom 200-Mark-Schein

image

Paul Ehrlich – Krimifan, Begründer der Chemotherapie und Nobelpreisträger  

Von Claudia Trache

Paul Ehrlich, der Mikroskopiker, Gewebefärber, Serumforscher, Immunologe und Chemotherapeutiker forschte mit Leidenschaft. Hartnäckig verfolgte er sein Ziel die „Zauberkugel“ zu finden, einen Wirkstoff, der allein die krankmachenden Erreger trifft und vernichtet, aber den Organismus selbst nicht angreift.

Einen Durchbruch schaffte er 1910 bei der Bekämpfung der Volkskrankheit Syphilis mit dem arsenhaltigen Salvarsan. Doch zunächst gelang es ihm mit Hilfe von farbanalytischen Versuchen, Ordnung in das System der weißen Blutkörperchen zu bringen. Damit schuf er Grundlagen für die moderne Hämatologie. Er etablierte eine Methode zur Färbung von lebenden Organismen und führte eine neue Harndiagnostik ein. 1908 erhielt er, gemeinsam mit dem russischen Zoologen Elias Metschnikoff, den Nobelpreis der Medizin für seine Verdienste in der Immunologie. Er entwickelte und optimierte Methoden zur Standardisierung von Antiseren gegen Diphterie- und Tetanustoxine.
Dabei konnte er auf die Erkenntnisse der passiven Immunisierung von Emil von Behring zurückgreifen.

Mit seiner Seitenkettentheorie der Antikörperbildung wurde Paul Ehrlich zu einem Mitbegründer der Immunologie. Er ging mit Neugierde durch die Welt, suchte den fachlichen Austausch unter Kollegen. Seine Arbeitsmaxime lautete: „Viel probieren, möglichste Genauigkeit der Versuche, möglichst wenig willkürliche Einschätzung. Viel arbeiten, wenig publizieren; keine ‚vorläufigen‘ Mitteilungen.“ (aus Martha Marquardt, „Paul Ehrlich als Mensch und Arbeiter“ S. 63).

Ein Markenzeichen von ihm war das ständige Rauchen von Zigarren, die ihn zum Denken anregen sollten. Um zu entspannen und von seiner Forschung abzuschalten, las er gern Kriminalgeschichten, unter anderem von Arthur Conan Doyle, selbst Arzt und Erfinder der Sherlock Holmes-Figur, mit dem er bekannt war. Mit Hedwig Pinkus, die er 1883 heiratete, hatte er zwei Töchter. „...sie trat völlig zurück vor seiner Lebensaufgabe. Sie schirmte ihn ab gegen alle Unbilden es Alltags. Sie machte es möglich, dass dieser Kopf in großartiger Ausschließlichkeit nur mit seinen medizinischen, biologischen und chemischen Problemen beschäftigt war.“ (aus: Heinrich Satter, Paul Ehrlich, Begründer der Chemotherapie, S. 16)

Chemische Experimente
Paul Ehrlich wurde am 14. März 1854 im niederschlesischen Strehlen als Sohn des jüdischen Likörfabrikanten und Lotterie-Einnehmers Ismar Ehrlich geboren. Seine Mutter Rosa, eine geborene Weigert, stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Er verlebte gemeinsam mit vier Schwestern eine glückliche Jugend und war sozial abgesichert. Im März 1867 feierte er seine Bar Mizwa, die im deutschen Reformjudentum als Konfirmation bezeichnet wurde. In seinem Nachlass wird ein entsprechendes Geschenk, Federhalter und Monogrammstempel, als „Confirmations-Geschenk“ bezeichnet. Doch in späteren Jahren schien er wenig religiös zu leben.

Paul Ehrlich legte 1872 sein Abitur an einem humanistischen Gymnasium in Breslau ab. In dieser Stadt begann er auch sein Studium. Dabei beschäftigte er sich zunächst mit Naturwissenschaften, einem Gebiet, das ihn bereits seit frühester Jugend faszinierte. Doch nach einem Semester entschied er sich Medizin zu studieren. Ermutigt wurde er von seinem neun Jahre älteren Vetter Carl Weigert, der Mediziner war, jedoch nicht als Arzt praktizierte, was sich auch Paul Ehrlich nicht vorstellen konnte. Er setzte sein Studium zunächst in Straßburg und Freiburg/Breisgau fort, ehe er nach Breslau zurückkehrte und ein Jahr später als üblich, 1877, sein Staatsexamen ablegte. Von Beginn an interessierte er sich sehr für chemische Fragestellungen, stellte aufwendige farbanalytische Experimente an. Bereits als Student entdeckte er die Mastzellen im Bindegewebe, veröffentlichte seine ersten wissenschaftlichen Arbeiten schon während der Studienzeit. Nach seiner Promotion in Leipzig 1878, ging er als Assistenzarzt an die Berliner Charité. Fast zehn Jahre behandelte er an diesem Krankenhaus Patienten, betreute Doktoranden und führte selbst Experimente durch.

Doch lieber stand er im Labor als am Krankenbett von Patienten. 1882 veröffentlichte er seine Arbeit zu Farbreaktionen im Urin, womit Aussagen und Prognosen zu bestimmten Krankheiten möglich wurden. Dabei übertrug er die Erkenntnisse des Farbstoffchemikers Peter Grieß auf die Medizin. Bei seinen Farbexperimenten profitierte Paul Ehrlich von der Industrialisierung im 19. Jahrhunderts. Zunehmend wurde Steinkohle in Gaswerken und Kokereien verarbeitet. Dabei entstand Teer als lästiges Nebenprodukt. 1856 entdeckte der englische Chemiker William Perkin einen ersten Teerfarbstoff und begann mit der industriellen Produktion. 1863 wurden die Farbwerke Hoechst als „Theerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co.“ gegründet. Mit diesem Unternehmen, das ihm nach seinen Wünschen die entsprechenden Reagenzien lieferte, arbeitete Paul Ehrlich eng zusammen. Aufgrund seiner Erfolge bei der Vitalfärbung wurde ihm 1884 der Professorentitel verliehen.

Kollegiales Miteinander und Freundschaft unter Nobelpreisträgern
Paul Ehrlich interessierte sich stets für die Forschungen seiner Kollegen und unterstützte diese mit seinem Wissen. Der aus der kleinen Harz-Stadt Clausthal-Zellerfeld stammende Robert Koch entdeckte 1882 den Tuberkulose-Erreger. Paul Ehrlich gelang es in kurzer Zeit dessen Erregernachweis zu vereinfachen. 1888 erkrankte Paul Ehrlich selbst an Tuberkulose – auf Anraten von Robert Koch ging er für längere Zeit nach Ägypten, um sich dort auszukurieren. Paul Ehrlich nutzte die Gelegenheit und studierte das Tuberkuloseproblem an sich selbst, erprobte unter anderem die Wirkung eines Klimawechsels. (…)

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben

Email This Page