Die Burka zieht einen ganzen Rattenschwanz an weiteren Problemen hinter sich her.  

Von Roger Letsch

Wenn man eine Offizierslaufbahn in der Bundeswehr anstrebt, erweist sich eine Ganzkörpertätowierung als eher hinderlich. Falls es Ihr Traum ist, im Kundenbereich einer Bank zu arbeiten, sind zwei Pfund Chromstahl im Gesicht nicht hilfreich und sollten Sie anstreben, die Nachrichten der Tagesschau vom Teleprompter abzulesen, wäre es eine schlechte Idee, Ihre Zunge vorher chirurgisch in die einer Schlange verwandeln zu lassen.
Es gibt „Diskriminierungen“ in unserem Land, die „Common Sense“ sind. Einzelfälle, Nichtigkeiten, die selbst von den Betroffenen nicht als solche wahrgenommen werden, weil diese kaum auf die Idee kämen, sich äußerlich einerseits stark zu verändern und dann andererseits die Akzeptanz der Mitmenschen bei der Berufswahl einzufordern. Es gibt sie aber auch dort manchmal: Fälle von auf die Spitze getriebenem Individualismus dem ein Widerspruch innewohnt: „Ich bin anders als du – behandle mich aber gefälligst nicht, als sei dir fremd, was ich tue oder wie ich aussehe“.

Wie verhält sich die Sache aber mit der Vollverschleierung, die von vielen deutschen Bürgern als ähnlich verstörend empfunden wird und warum wird aktuell versucht, eine Entscheidung über das Verbot von Burka und Niqab herbeizuführen, während niemand auch nur auf die Idee kommt zu verbieten, sich haufenweise Schrauben, Nägel und Bolzen ins Gesicht zu tackern? Ist es nicht so, dass in Deutschland jeder rumlaufen kann, wie er oder sie es will? Gibt es nicht die freie Wahl, sich in einer Castingshow zum Affen zu machen oder sich hinter einem Gesichtsschleier vor der Welt zu verstecken? Dem Mega-Piercing haftet meiner Meinung nach ein genauso berechtigtes „Ja, aber“ an, wie der Burka oder dem Niqab.

Vollverschleierung, mal ohne Tintenfischbezug
Eines merkt man unseren Politikern an: Sie befassen sich nur sehr ungern mit dem Thema. Immer wieder scheint in der Argumentation der Hauptgrund durch, nämlich, dass man dieses Feld des öffentlichen Diskurses nicht kampflos der AfD überlassen will. Ich kenne die Umfragewerte nicht, nehme aber an, dass die überragende Mehrheit der Deutschen nichts dagegen hätte, wenn die Vollverschleierung per Gesetz verboten würde. Wer in der Debatte also in dieses Horn bläst, weiß sich auf der sicheren Seite der Mehrheit.
Dabei ist das Thema bisher praktisch ja wirklich kaum relevant! Burkas bekommen wir hier nur zu Gesicht, wenn ein saudischer Prinz zum Shopping mit seinen Frauen nach Baden-Baden einfliegt oder den Service deutscher Kliniken in gesundheitlichen Fragen in Anspruch nimmt. Man sagt sich dann „Es sind unsere Gäste“, freut sich über den Extra-Umsatz und ist froh, wenn der exotische Fledermaus-Schwarm wieder die private „Gulfstream“ bestiegen hat. Die Anzahl der vollverschleierten Frauen, die in Deutschland wirklich leben, dürfte derzeit kaum die 2.000 übersteigen. Trotz der geringen Zahl schaffen es aber immer wieder Vorfälle in die Nachrichten, weil diese Vollverschleierung mit dem praktischen Leben in Deutschland kollidiert. Wenn zum Beispiel eine Frau im Niqab eine Bankfiliale aufsucht und gerade keine Mitarbeiterin Dienst hat, der gegenüber sich die Verhüllte in einem „sicheren Raum“ identifizieren könnte. Oder wenn ein Kindergarten darauf besteht, die Gesichter der Mütter sehen zu können, die irgendwelche Kinder aus dem Kindergarten abholen wollen. Als ebenso kompliziert erweist es sich, wenn voll verschleierte Frauen vor Gericht auftreten müssen oder durch Flughafenkontrollen gelangen wollen.

Die Befürworter der Burka berufen sich entweder auf die Religionsfreiheit oder die Freiwilligkeit. Diese Argumente sind schwach, denn man kann die Burka auch als Symbol für das Patriarchat und Gruppenindoktrination sehen. Beides sind Aspekte, die dem durchschnittlich individualistischen und feministischen Europäer sauer aufstoßen. Ringt man sich dennoch dazu durch, die Burka nicht abzulehnen, tun das viele nicht aus Toleranz, sondern aus Gleichgültigkeit. Man sieht ja sowieso keine Frauen so rumlaufen, also kann man es ja gestatten.

Das Argument der Freiwilligkeit ist auch aus einem anderen Grund kein starkes. Man muss dann nämlich fragen, ob man auf sein individuelles Recht auf gesellschaftliche Teilhabe und Gleichberechtigung einfach so verzichten kann. Wäre zum Beispiel ein Vertrag, den Sklave und Sklavenhalter freiwillig über einen solchen Verzicht schließen würden, hierzulande rechtlich bindend? Definitiv nicht!

Wer sich voll verschleiert, verzichtet aber „freiwillig“ auf einige verbriefte Rechte. Zum Beispiel ist es fast ausgeschlossen wählen zu gehen, von der Wahrnehmung des passiven Wahlrechts ganz zu schweigen. Wir hören vergleichsweise wenig von diesen Fällen, weil solche Frauen gesellschaftlich genauso unsichtbar werden oder bleiben, wie es ihre Verschleierung von ihnen verlangt. Wir hören aber von den anderen Fällen, wenn die Niqab-Trägerinnen trotz ihrer Verschleierung auf gesellschaftlicher Teilhabe bestehen – etwa in der Bank, im Kindergarten, in Behörden und Schulen oder Kliniken. Interessanterweise handelt es sich bei den lautstarken Fällen oft um Konvertitinnen, die es von früher wie selbstverständlich gewohnt waren, ihre Bürgerrechte selbstbewusst in Anspruch zu nehmen. Dass die Verschleierung aber nicht nur das eigene Bewusstsein beeinflusst, sondern auch die gesellschaftliche Wahrnehmung durch andere, können sie oft nicht begreifen. Es gibt aber keine Emanzipation unter dem Schleier.

Die deutsche Neigung, es allen irgendwie Recht zu machen, führt dazu, in solchen Noch-Einzelfällen klein beizugeben und die Sache irgendwie nach dem Motto „der Kunde ist König“ zu regeln. Was aber, wenn die Einzelfälle sich häufen? Ich fürchte, dann würde der deutsche Staat die entsprechende Infrastruktur schaffen, Banken „Frauen-Räume“ vorschreiben, spezielle Wahllokale nur für Frauen einrichten und spezielle Teams aus Rettungssanitäterinnen bilden, die medizinische Notfälle mit vollverschleierten Frauen abwickeln. Das kann man machen und es gibt bereits einen bewährten Begriff dafür, wenn wir ihn bisher auch aus anderen Zusammenhängen kennen: Segregation.

Regeln wir das noch kleine Problem mit der Vollverschleierung nicht rechtzeitig, kommt zum allgemeinen Genderwahnsinn mit seinem bunten Strauß an Geschlechtern sexueller, biologischer und gesellschaftlicher Art noch die religiöse Komponente hinzu. In dem Fall müsste sich unsere Gesellschaft irgendwann wirklich fragen, ob es in diesem Potpourri aus Interpretationen überhaupt noch jemandem auffällt, wenn Frauen diskriminiert werden. Der Feminismus verzettelt sich bereits heute in Themen wie Binnen-I und Unterstrich-Wortkonstruktionen. Der „freiwillige“ Verzicht auf gesellschaftliche Teilhabe durch Vermummung bräche ihm das Genick!

In dem unsäglichen Interview, dass Dr. Claudia Schmölders dem Deutschlandfunk gab, blitzte an einer Stelle ein Argument auf, dessen Funke leider schnell verglühte, weil Frau Schmölders ihn nicht für bemerkenswert hielt. Es ging um die Frage, ob auch „alleinstehende“ Frauen Burka tragen, oder ob dies immer nur bei „Paaren“ der Fall sei. Dies bringt uns nämlich auf die Frage, wie das Leben unter Burka und Niqab in den Ländern funktioniert, wo sie verpflichtend vorgeschrieben sind. Muss man in Saudi-Arabien etwa nicht „Gesicht zeigen“, um sich zu identifizieren? Doch, muss man. „Mann“ muss. Deshalb ist „Mann“ auch immer dabei, wenn „Frau“ etwas zu erledigen hat. „Mann“ ist entweder Vater, Onkel, Bruder, Ehemann oder später Sohn. Das Konzept der „alleinstehenden Frau“ ist in streng religiösen islamischen Ländern und Familien unbekannt – für alle Ausnahmefälle, in denen eine Frau auf den öffentlichen Raum trifft, gibt es die entsprechende Segregations-Infrastruktur. Eine Frau in Riad muss ihren Schleier nicht heben, weil der Mann neben ihr für sie sprechen kann. Wenn wir solches auch in Deutschland als Normalität zulassen, waren hundert Jahre Frauenbewegung für die Katz. (…)

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