Nach dem Krieg wollten Juden in Niederschlesien ein Autonomiegebiet gründen.  

Von Miriam Magall

Im Alter von vier Jahren zieht Gabriel Berger 1948 mit seinen jüdischen Eltern aus Belgien in die damals schon polnische Stadt Wroclaw, dem ehemaligen deutschen Breslau. Der Vater will sich aktiv am Aufbau des Sozialismus in Polen beteiligen. Berger geht auf die erste religionsfreie Schule der Stadt, die überwiegend jüdische Kinder besuchen. Seine Eltern bewegen sich praktisch ausschließlich unter jüdischen Freunden und Bekannten, die genau wie sie nicht religiös sind. Man spricht Jiddisch. Im jüdischen Klub in Wroclaw gibt es Vorträge, Konzerte, Theateraufführungen und gesellige Abende – veranstaltet von Juden, über Juden, für Juden.

Damals ahnt Berger nicht, dass kurz zuvor das großartige Experiment, die Errichtung eines jüdischen Autonomiegebiets in Niederschlesien, gescheitert ist. Dieser Plan, im polnischen Niederschlesien Juden anzusiedeln, wird in der Zeit von 1945 bis 1949 dank des nachdrücklichen Bemühens von Jakob Egit in die Wirklichkeit umgesetzt. Anfangs ist sein Vorgehen erfolgreich und stößt in jüdischen Kreise auf eine positive Resonanz. Damit soll den Juden eine Alternative zur Emigration nach Palästina, seit 1948 nach Israel, geboten werden. Dank des Vormarsches der Roten Armee seit Anfang 1945 verlassen die meisten Deutschen fluchtartig die Ostgebiete und flüchten auf Gebiete westlich der Oder/Neiße, sodass Mitte 1945 kaum noch Deutsche zurückbleiben. Neben den Polen, die von den sowjetischen Truppen aus Ostpolen vertrieben werden, tauchen auch Juden auf, größtenteils Überlebende aus den Todeslagern, nachdem die SS-Bewacher ihre Posten aufgegeben haben und ebenfalls in Richtung Westen fliehen.

Ungefähr 5.000 bis 6.000 polnische Juden werden befreit, die Polen so schnell wie möglich verlassen wollen. Ungefähr 1.200 beschließen dagegen, sich in der weitgehend von ihren deutschen Bewohnern verlassenen niederschlesischen Kleinstadt Reichenbach niederzulassen. Hinzu kommen weitere Juden, die im Versteck überlebt haben, ebenso wie deutsche Juden sowie Rückkehrer aus der Sowjetunion, wohin sie sich vor den mordenden Nazis gerettet und überlebt hatten. Schon ein Jahr später leben mehr als 12.000 Juden in Reichenbach. Dank der tatkräftigen Organisation von Jakob Egit, zwischen 1945 und 1948 Vorsitzender des Wojwodschaftskomitees (Wojwodschaft ist in Polen ein Verwaltungsbezirk, ähnlich einem Bundesland in Deutschland) nimmt die Idee eines jüdischen Autonomiegebiets in Niederschlesien Gestalt an, was zu jenem Zeitpunkt auch von der polnischen Regierung unterstützt wird. Ein wichtiger Faktor für die Entscheidung vieler Überlebender, sich in Niederschlesien niederzulassen, statt in ihre ursprünglichen Heimatorte zurückzugehen, sind sicher die zahlreichen Übergriffe überall in Polen auf die unbeliebten Heimkehrer. Denn mittlerweile sind ihre Häuser von Polen bewohnt, die nur ungerne wieder ausziehen. In Nowy Targ werden 1945 fünf Juden brutal ermordet, in Stettin sieben jüdische Rückkehrer aus der Sowjetunion getötet, um nur zwei Beispiele anzuführen. Insgesamt wird die Zahl der Morde an Juden in Polen nach dem Krieg bis 1947, begangen in 115 Orten, auf 1.500 bis 2.000 Opfer geschätzt.

In Reichenbach in Niederschlesien kommt es unter polnischer Flagge dagegen zu einer neuen Blüte. Die Umgangssprache im Jischuw, der jüdischen Ansiedlung, ist Jiddisch. Ende 1946 wohnen bereits ungefähr 18.000 jüdische Menschen im Ort, die für eine Selbstverwaltung sorgen. Es entstehen jüdische Schulen, Krankenhäuser, Waisenhäuser, und man gründet landwirtschaftliche und Handwerksgenossenschaften. Hinzu kommen Theater, Zeitungen und ein Buchverlag. Es entstehen jüdische politische Parteien unterschiedlicher Ausrichtung. Die Synagoge dient wieder als Ort des Gebets. Auch die traditionelle Textilindustrie lebt wieder auf; hinzu kommt ein neuer Zweig: die Elektronik in Gestalt einer Fabrik für Rundfunkgeräte. Besonderen Wert legt das Jüdische Komitee Niederschlesiens auf die berufliche Bildung der Jugendlichen. Dafür ist die Institution ORT zuständig. Es werden praktische Lehrgänge angeboten in Schneiderei, Lederverarbeitung, der Herstellung von Miederwaren, Schuhmacherhandwerk, Weberei, Buchdruck, Friseurhandwerk, Bürstenmacherei, Kosmetik, und es gibt auch Kurse für Kraftfahrer und viele andere Richtungen. Zum ersten Mal begegnen sich jüdische Bergarbeiter, Stahlarbeiter und Straßenbahnfahrer. Hier in Niederschlesien wird aus dem jüdischen „Luftmenschen“ ein ganz normales Volk, bestehend aus einer wachsenden Zahl jüdischer Arbeiter. Es hört sich fast wie ein Paradies für Juden nach jenen bösen Jahren an.

Aber in jedem Paradies gibt es eine Schlange. So auch in Niederschlesien. Denn es kommen ebenfalls ehemalige Judenmörder und Kollaborateure, die in den neu besiedelten Gegenden leichter untertauchen können, um einer Strafe zu entgehen. Dazu zählen viele Ukrainer. Die polnische Bevölkerung ist durch Krieg, Besatzung und den von den Deutschen öffentlich verübten Massenmord demoralisiert. Hinzu kommt seit Ende 1944 der Terror unter anderem der polnischen Staatssicherheit. Es herrscht kriminelle Gewalt gegen alle, insbesondere gegen die Schwächeren. Im Sommer 1946 trifft eine antisemitische Welle ganz Zentral- und Ostpolen. Sie gipfelt am 4. Juli 1946 in dem Pogrom von Kielce. (…)

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben