Dank eines vorgetäuschten „Seitensprungs“ seiner Großmutter wurde der jüdische Buchhändler Oswald Hess „nur als Halbjude“ eingestuft – das rettete sein Leben 

Von Heike Linde-Lembke

Ein „Seitensprung“ seiner Großmutter rettete Oswald Hess das Leben, und so kann der Buchhändler der Buchhandlung am Rathaus Norderstedt am Sonnabend, 30. Juni, seinen 88. Geburtstag feiern. Sein Leben verdankt er dem Mut seiner Großmutter Gertrud Henriette Wolfers, geborene Fränkel. Oswald Hess ist wie seine Familie jüdisch. Und wäre fast wie sechs Millionen Juden Opfer der Vernichtungsmaschinerie des NS-Rassenwahns geworden.

Doch seine Großmutter gab bei den Nazi-Behörden an, dass ihre am 23. August 1903 geborene Tochter Sigrid, Oswald Hess‘ Mutter, nicht von ihrem jüdischen Ehemann stamme. Sondern von einem John Petersen. Auf ihrer Hochzeitsreise im Oktober 1902 sei ihr Ehemann an Typhus erkrankt, und sie verkehrte mit besagtem John Petersen. Der sei zwar mittlerweile gestorben, aber „Vollarier“. Sie beantragte eine „Ehelichkeitsanfechtungsklage“, eine Abstammungsklage.

Aber die Gestapo glaubte Großmutter Wolfers nicht, sondern forderte Zeugen, zumal sowohl der Ehemann als auch der angebliche Liebhaber inzwischen tot seien. Großmutter Henriette lieferte der Gestapo eine Zeugin, und zwar ausgerechnet die NSDAP-Parteigenossin Martha Brinkmann, eine Hitler-Verehrerin. Aber was er mit den Juden plante, war ihr zuwider. Martha Brinkmann bezeugte, dass ihre Freundin Henriette ihr den „Seitensprung“ mit einem „reinen Arier“ gestanden habe, dass aus dieser Verbindung die Tochter Sigrid stamme, dass ihre Enkelsöhne Oswald und Werner Hess mithin keine „Volljuden“ seien, und ihr Schwiegersohn Walter Hess in einer „privilegierten Mischehe“ leben würde.

Er durfte den Judenstern wieder ablegen
Viele Rechtsanwalts-Schreiben später glaubte die Gestapo endlich der Großmutter. Doch da hatte die Familie Hess bereits die Deportationsbefehle erhalten und sollte sich am nächsten Morgen auf der Moorweide zum Weitertransport zum Hannoverschen Bahnhof einfinden. Der Vater Walter Hess – die Mutter war krank und saß im Rollstuhl – hatte schon die Koffer für die Familie gepackt, als Rechtsanwalt Dr. Paul Mendel die heißersehnte Bestätigung brachte, dass Mutter und Söhne „Halbjuden“ seien. „Meine Großmutter hat uns in letzter Sekunde gerettet“, sagt Oswald Hess dankbar. Den gelben „Judenstern“, den er und seine Familie bereits seit 19. September 1941 tragen mussten, konnte er ablegen. Auch die „Judenschule“ durften er und sein Bruder Werner wieder verlassen und zurück aufs Eppendorfer Gymnasium gehen. Doch eine Tante, Louise Hess, geborene Mecklenburg, nahm sich am 18. Juli 1942 das Leben, als sie den Deportationsbefehl ins KZ Theresienstadt erhielt. Für sie verlegte Oswald Hess an der Blumenstraße 31a in Hamburg-Winterhude einen Stolperstein. (…)

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