Juli 2, 2014 – 4 Tammuz 5774
Der Jahrhundertmann

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Marko Max Feingold, Präsident der Jüdischen Gemeinde Salzburg, ist 101 Jahre alt. Er hält immer noch Zeitzeugen-Vorträge und kämpft beherzt gegen Antisemitismus. Die Mozartstadt stiftete ihm nun einen eigenen Preis 

Er ist ein Mann des vergangenen Jahrhunderts. Und des jetzigen. Wache Augen, humorvoller Blick, Figur und Haltung signalisieren Stärke und gleichzeitig eine unverbrüchliche Liebe zu den Menschen. Marko Max Feingold sitzt hin- ter seinem Schreibtisch und erzählt - engagiert und amüsiert, selbstironisch und sarkastisch, aber auch zornig. Ende Mai wurde der Präsident der Jüdischen Gemeinde Salzburg 101 Jahre alt. «Auf die Frage eines Bischofs, wie ich denn so alt und gleichzeitig so fit und gesund bin, habe ich ihm geantwortet, er solle sich eine junge Frau nehmen», sagt Feingold und schmunzelt wie ein Lausbub. Nach dem Tod seiner Ehefrau heiratete er ein zweites Mal. Seine zweite Ehe- frau Hanna ist 34 Jahre jünger als er.

Marko Max Feingold scherzt gern. Doch wenn er vom Antisemitismus in seiner Stadt erzählt, wird der humorvolle Mann sehr ernst. Beispielsweise, wenn er von den mehr als 200 antisemitischen Anschlägen in den letzten acht Monaten in der Stadt erzählt, davon, dass die blauen Davidsterne am Eingang der Synagoge gelb beschmiert wurden. Dass die Sprechan- lage verklebt wurde. Dass Stolpersteine mit schwarzer und roter Farbe übergossen und überall in der Stadt Nazi-Symbole und Horst- Wessel-Hymnen gesprüht wurden, sogar offen sichtbar am Festspielhaus, am Landestheater. Und dass sich niemand darum schere in der be- rühmten Festspiel-Stadt.
«Salzburg ist geblieben, was es immer war, ein Nazi-Nest», sagt Marko Feingold. Erfreut erwähnt er aber auch, dass 180 Menschen ge- gen den Nazi-Terror protestierten, als die Ge- gensprechanlage der Synagoge demoliert wur- de. Trocken stellt er zugleich fest, dass Salzburg mehr als 180.000 Einwohner hat. Einen der Neonazis hatte die Polizei gefasst, er gestand und ging in Haft. Aus der Zelle habe der Täter ihm geschrieben, einen netten Brief, fehlerfrei. Feingold vermutet, dass dahinter der Rechtsan- walt des Täters stand, um durch die schriftliche Reue eine Haftverkürzung zu erreichen. Der Täter wurde schließlich in einer Fördereinrich- tung untergebracht, was ihn in seiner Annah- me bestärkt, dass der Rechtsanwalt den Brief geschrieben habe. In einem zweiten Brief vom Täter erfuhr er, dass der Untersuchungsrichter nachsichtig gewesen sei. Er, Feingold, habe ihm dann sogar Arbeit verschafft, doch der Täter driftete wieder in die Nazi-Szene ab.

«In Wien wurde ein Forum für Antisemitis- mus gegründet, in dem solche Vorfälle gesam- melt werden. Seitdem stehe ich mit dem Forum in reger Verbindung», sagt Feingold. So könne jeder, der wissen wolle, wie es um den Antise- mitismus in Salzburg steht, dort nachfragen, und niemand könne mehr behaupten, er habe nichts gewusst.
Geschürt würde der Antisemitismus in Ös- terreich auch, weil vor zehn Jahren die Sympathien der Österreicher über Nacht zu den Palästinensern wechselten, was die Judenfeind- schaft abermals verstärkt habe. Gleichwohl ist Feingold der Meinung, dass der Staat Israel kritisiert werden dürfe. Wie jeder andere Staat eben auch.

Heike Linde-Lembke

Die Salzburger Synagoge an der Lasserstraße wurde 1901 erbaut und ist eine langgestreckte weiße Villa mit bodentiefen Fenstern in einem kleinen Park.

Von Heike Linde-Lembke

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