März 4, 2016 – 24 Adar A 5776
Der Humanismus der israelischen Armee

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Sogar geistig behinderte und kranke Menschen finden ihren Platz in der Zahal  

  • März 4, 2016 – 24 Adar A 5776
  • Israel
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Von Monika Winter

Behinderte Frauen und Männer aus Israel sind neben Drusen , Beduinen, Arabern, Armeniern und Christen als Freiwillige in die israelischen Streitkräften der Zahal integriert. Sie sind hochmotiviert, unabhängig davon, welche Art der Einschränkung bei ihnen vorliegt, ob körperlich oder geistig. Für jeden, der es wünscht, wird eine geeignete Aufgabe gefunden. Darüberhinaus werden auch HIV-positive Personen künftig in der Armee dienen können. Viele Menschen, die aufgrund ihres Handicaps eigentlich vom Dienst in der Armee befreit sind, bestehen trotzdem darauf, ihrem Land in der Armee zu dienen und nutzen damit ihre Chance mit der Gesellschaft verbunden zu bleiben.

Jährlich melden sich etwa 4.000 bis 6.000 Freiwillige, um sich der Armee anzuschließen, darunter etwa 2.000 Menschen mit körperlicher Einschränkung. Sie dienen in verschiedenen Einheiten, je nachdem welche Aufgaben zu ihnen passen.

Einmalig, und auf der Welt nicht ein weiteres Mal anzutreffen, ist die Aufnahme von Menschen mit Down-Syndrom. Während anderswo über die Möglichkeiten von Abtreibungen von Embryos mit früh-diagnostiziertem, später möglichem Down-Syndrom heftig diskutiert wird, finden auch diese Menschen einen Arbeitsplatz in der israelischen Armee. Sie dienen im Regional-Service, oft in Küchen, Geschäften, in Versorgungsdepots und in der Logistik. Davon abgesehen gibt es keinerlei Einschränkungen, jeder kann die Tätigkeiten verrichten, denen er gewachsen ist. 

Der Welt-Down-Syndrom-Tag
Über diesen Weg lernen sie es ihre Fähigkeiten in die Gesellschaft einzubringen und stärken gleichzeitig ihre Menschenwürde, weil sie am Alltag, an der Normalität teilhaben. In welcher anderen Armee besteht diese Möglichkeit? Die breite Akzeptanz des Syndroms innerhalb Israels lässt sich daran erkennen, dass das Land Israel laut dem Radiosender „Arutz 7“ als Pionier des Welt-Down-Syndrom-Tages gilt. Das „Nationale Institut für Kindesgesundheit und Entwicklung in Israel“ sowie die „Gesellschaft für das Down-Syndrom“ in Singapur haben den Tag 2006 mit einer gemeinsamen Konferenz eingeführt. Seitdem wird der Tag jährlich am 21. März begangen. Seit 2011 ist er sogar von den Vereinten Nationen als internationaler Tag anerkannt, der jedes Jahr weltweit von zahlreichen Veranstaltungen begleitet wird.

2001 begann die Eingliederung von Menschen mit Down-Syndrom, als Oberstleutnant Ariel Almog im Jordantal einen Terroristen, der sich einem vollbesetzten Bus näherte, um einen Anschlag zu verüben. Der Terrorist trug drei Sprengsätze. Nach kurzem Kampf gelang es Almog auch den Terroristen zu neutralisieren, dann wurde Almog plötzlich von weiteren Terroristen aus einem nahegelegenen Olivenhain in den Kopf geschossen, konnte aber noch zurückschießen und auch diese Terroristen neutralisieren. Während seines mehrmonatigen Krankenhausaufenthaltes traf Almog auf viele verletzte Menschen mit Behinderungen. Dort kam ihm seine wunderbare Idee, behinderte Teenager in die Zahal einzubeziehen.

Hauptmann Omri Hotam hat eine andere Einschränkung. Er ist ein junger Mann, bei dem plötzlich nach einem ganz normalen und erfolgreichen jungen Leben als Student, Soldat, Kommandant und schließlich Offizier der Fallschirm-Brigade, ALS diagnostiziert wurde. ALS ist eine nicht heilbare degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems. Deshalb sitzt Omri Hotam im Rollstuhl. Trotzdem lässt er sein Leben nicht von der Krankheit bestimmen, sondern bleibt in der Zahal, in einer Stellung, in der er seine Fähigkeiten produktiv einsetzen kann. Er will es so, und die Armee ermöglicht es ihm.

Über die zahlreichen Menschen aus dem autistischen Spektrum, die ihre unglaublichen Fähigkeiten zu analysieren, zu interpretieren und Satellitenbilder und Karten auszuwerten einbringen, wurde in der JÜDISCHEN RUNDSCHAU bereits ausführlich berichtet.

Gerade die Tatsache, dass Menschen mit geistiger Behinderung in der Armee dienen können, ist äußerst ungewöhnlich in der Welt. Das israelische Militär hat erkannt, dass Menschen mit Behinderungen über besondere Stärken und Kompetenzen verfügen, selbst solche mit geistigen Einschränkungen. Blinde haben beispielsweise einen überdurchschnittlich gutes Hörvermögen, während Gehörlose über ein ausgezeichnetes Sehvermögen verfügen, Menschen mit Autismus wiederum verfügen über ein ausgeprägtes logisches Denken. Die Einsatzmöglichkeiten für die Betroffenen sind vielseitig. Aus diesen und anderen Gründen schwächen Menschen mit Handicap die Armee nicht, sondern stärken sie.

Aufgrund der vielfachen Tätigkeitsfelder in der Armee entstehen soziale Bindungen, auf die später zur Arbeitssuche zurückgegriffen werden kann. Menschen mit Behinderungen werden auch in Eliteeinheiten eingesetzt, Menschen mit Prothesen können sogar Führungspositionen übernehmen.
Israel kämpft täglich um sein Überleben. Während Terror und Morde gegen jüdische Bürger beinah täglich stattfinden, müssen Grenzen, Luft und Wasserwege gesichert und Waffentunnel ausfindig gemacht, Waffen und Sprengstoff gesucht und beschlagnahmt werden, Cyber-Kriminalität muss erkannt und bekämpft werden. Der Iran stellt nach wie vor eine Bedrohung dar, die Armee bereitet sich ständig auf den Notfall vor. Wie handeln Militär und Gesellschaft bei Angriffen mit Chemiewaffen? Diese und alle anderen Fragen müssen ständig neu gestellt und durchdacht werden.

Die israelische Armee muss an allen Fronten bereit sein und bereitet sich immer auf das Schlimmste vor. Das führt dazu, dass immer Not am Mann herrscht, Situationen ändern sich stündlich und minütlich, auch deshalb sind Menschen mit Behinderungen in der Zahal sehr willkommen – sie werden gebraucht.
Aber sie sind auch willkommen in der Gesellschaft, Israel ist mit gutem Recht stolz auf sie. Die Zahal ist ein Einsteiger-Gesamtpaket, eine Lebensversicherung für behinderte Menschen. Die Freiwilligentätigkeiten in der Zahal begründet ein ständiges gegenseitiges Geben und Nehmen. Der israelische Staat und seine zahlreichen Organisationen und Vereine ermöglichen ihnen ein Leben in Stolz und Würde, auch nach dem Freiwilligendienst. Damit werden auch Veteranen, die aus Kriegen mit Gebrechen und Behinderungen zurückkehren, in langwierigen Prozessen rehabilitiert.

Wer Israel ständig kritisiert, sollte sich einmal fragen lassen, wie der Umgang mit Behinderten und Minderheiten im eigenen Land geregelt ist. Der Betreffende wird sicherlich große Unterschiede feststellen.

Ein Beispiel erfolgreicher Integration eines Behinderten im Judentum findet sich bereits im babylonischen Talmud im Trakat Psachim (68b): Ein Ausspruch von Amora Rav Josef wurde von Raschi so erklärt, dass er Dank des Feiertages Schawout, die Thora studiert habe und sehr erfolgreich wurde. Rav Josef war aber blind. Als der Rosch Jeschiwa (Leiter der Religionsschule) gesucht wurde, kamen Rav Josef und Raba in Betracht. Raba war der Scharfsinnige. Rav Josef war – wie ausgeführt – der Blinde, der ja bereits so große Kenntnisse in der Thora hatte, dass man ihn Sinaj nannte. Der Ljubawitscher Rebbe erklärt die tiefere Bedeutung der Geschichte so, dass die Sehenden jetzt auf seine Kenntnisse und seine Entscheidungen angewiesen waren. Und dadurch war auch seine spirituelle Wirkung in dieser materiellen Welt viel größer, als er das wegen seiner Behinderung urspünglich erhoffen konnte. 

In diesem Sinne: Am Israel Chai!

Ein Hintergrundgespräch fand mit einem Zahal-Offiziellen der Manpower-Abteilung statt, für das ich mich ausdrücklich bedanke.

Vielen Dank auch an Rav Elischa Portnoy für den religiösen Blick auf die Thematik.

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