Juni 8, 2018 – 25 Sivan 5778
Der heiße „Nichtkrieg“

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Erstmals kämpfDer heiße „Nichtkrieg“en Iran und Israel in Syrien direkt gegeneinander 

Von Ulrich Jakov Becker

Was braucht es für einen Krieg? Wie weiß man, ob man sich mit einem anderen Land im Krieg befindet? Im geordneten Europa mag das wie eine alberne Frage erscheinen. Oder heute auch schon etwas weniger? Hier im Nahen Osten auf jeden Fall, ist das nicht ganz so einfach.

Was war da gerade mit Israel und Iran? Militärischer, offener Schlagabtausch? Zig Raketen, Zig Flugzeuge, Zig Tote? Befinden sich Israel und Iran ab jetzt im Krieg? Oder noch nicht? Oder schon lange?

1914. Ein politischer Mord in Sarajevo – oder nennen wir es „Terroranschlag“ – durch einen politischen Aktivisten – oder nennen wir ihn „Terroristen“. Anlass zu einem Weltkrieg.

Eine einzige, nicht-staatliche Terroraktion, mit wenigen Toten, reichte in Europa aus, um ein ganzes Bündnisuhrwerk zum Ticken und Explodieren zu bringen und Millionen in die grausamste, jahrelange Kriege zu führen. Diesen „terroristischen Provokationen“ folgten auf dem Fuß die hochamtlichen Depeschen der Kriegserklärungen und danach dann die Jahre und Millionen (von Toten).

Iran hat vor wenigen Wochen Israel mit einer bewaffneten Drohne und dann einige Wochen später mit einer Boden-Boden-Raketensalve direkt aus Syrien angegriffen. Israel seinerseits bombadiert seit Monaten iranische Militärziele in Syrien, u.a. mit Toten und Verletzten der iranischen Armee oder iranischer Revolutionsgarden. Syrien beschießt israelische Flugzeuge mit Raketen und vernichtet u.a. eine israelische F-16I – beide Piloten werden verletzt, einer schwer.

Kein Wort von Krieg!
Die drei Länder haben sich zu den jeweiligen offenen Kampfhandlungen bekannt – aber Krieg? Kein Wort von Krieg! Alles geht normal weiter, auch wenn sich alle Seiten auf die nächste kriegerische Runde dieses Nichtkrieges vorbereiten. Oder ist das Teil der nahöstlichen Normalität?

Vor einem Monat wollte ich über die sich anbahnenden Zeichen eines nahenden Krieges schreiben. Israel warnte seit Monaten immer wieder auf allen nur erdenklichen Kanälen und in allen erdenklichen Weisen die Iraner und ihre Verbündeten, und vor allem die Europäer, dass alles auf eine offene, kriegerische Konfrontation hinausläuft, wenn Iran nicht aufhört – oder daran gehindert wird – vor den Golanhöhen in Syrien eine für Israel existentiell gefährliche und komplett inakzeptable iranische Front hochzurüsten.

Wie sagt man auf Jiddisch? „As, haste gesugt.“ Englisch: „So what?“
Der Anzeichen auf eine Eskalation gab es viele. Natürlich waren da die unzweideutigen Wörter Netanjahus, Liebermans und des Oberbefehlshabers Eisenkot. – Aber wir sind Drohungen und rhetorische Spiele gewohnt, nicht wahr? Seit Jahren reden und reden wir von der iranischen Bedrohung. Und die Europäer entpuppen sich immer wieder als Profis im Abwinken israelischer Warnungen.

Wegen Israels Nicht-Bekenntnis muss sich Syrien nicht „rächen“
Dann waren da natürlich die etlichen israelischen gezielten Luftschläge in Syrien. Ein Raketendepot hier, eine Waffenfabrik da, ein „hochwertiger“ Waffentransport dort. Aber in Echtzeit bekannte sich Israel nicht zu den Angriffen. Und so mussten die Iraner und Syrer nicht unbedingt „erwidern“, obwohl es ziemlich klar war, wer die Bomben schmiss und worauf sie fielen:

-Im September 2017 zerstörten angebliche israelische Luftangriffe eine Chemiewaffenanlage im Nordwesten Syriens.
-Im Oktober 2018 vernichtet Israel syrische Boden-Luftstellungen, die israelische Flugzeuge beschossen.
-Im November 2017 wurde eine Waffenfabrik bei Homs zerstört.
-Im Dezember 2017 bombadierte Israel eine iranische Armeebasis und Waffenlager bei Damaskus.

Warum bekannt sich Israel plötzlich zu den Luftschlägen?
Dann passiert etwas scheinbar Kleines, eine Änderung im Ton, aber diese ließ tief blicken: Israel begann in dieser Zeit sich offiziell zu den Luftschlägen in Syrien zu bekennen. Die jahrelange Politik der Uneindeutigkeit war auf einmal vorbei.
Aus geheimnisvollem Schmunzeln wurden offene Bekenntnisse und aus offenen Bekenntnissen wurde im April-Mai 2018 offene Herausforderungen des Irans.

Mitte April ein „Versprecher“ eines hohen israelischen Offiziers in einem „New York Times“-Interview nach dem Angriff auf die syrische Basis T4, in dem dieser Thomas Friedman gegenüber angibt, dass Israel dabei gezielt die sieben Mann einer iranischen Drohneneinheit getötet hat.
Gleichzeitig berichten Syrien und Hisb’Allah, und kurzzeitig sogar die russische Armee in Syrien, von israelischen Luftangriffen via Libanon, die mit zig Luftabwehrraketen abgefangen werden konnten. Aber der große israelische Luftangriff war nur echt in den Radaranlagen, das massive Abwehrfeuer ins Nichts aber ganz real, und bald beschuldigten Syrien und Co. Israel eines elektronischen Scheinangriffs.
Gleichzeit – am Unabhängigkeitstag – ruft Israel seine Reserveverbände (zum Krieg) ein, teilt aber kurz darauf mit, dass es sich nur um einen „Computerfehler“ handelte. Aber auch so werden überall Israelis zum Reservedienst gerufen.

Keine Flugzeuge nach Alaska
Ein paar Tage später dann verkündete Israel, keine seiner F15-Kampfflugzeuge auf die lange geplante gemeinsame Luftwaffenübung „Red Flag“ nach Alaska zu entsenden – „in Anbetracht der aktuellen Lageeinschätzung der Luftwaffe“.
Der Angriff aus Syrien und Iran bleibt aus. Irans Interesse ist der langsame, gründliche Aufbau seiner Bedrohung, nicht die schnelle, voreilige und potentiell gefährliche Einsetzung. Man dümpelt weiter mit einigen Scharmützeln hier und dort, aber heute kann man, vielleicht die nun folgende Entwicklung, in der Israel immer „angriffslustiger“ erscheint, verstehen:

Der Iran will – in seiner dunklen, geduldigen Weise – in Syrien eine vierte und potentiell vernichtenden Front gegen Israel aufbauen: Israels Feinde wissen, dass Gasa alleine gegen Israel keine Chance hat. Sie wissen, dass Israel eine mögliche, großflächige „Intifada“ in Judäa und Samaria unter Kontrolle bringen würde. Sie wissen, dass der Libanon alleine gegen Israel viel Schaden anrichten, aber letztendlich von Israel verheerdend besiegt werden würde. Sie wissen, dass ein offener Raketenbeschuss Israels aus dem Iran, wohl zu großen Teilen – auf Grund der relativ wenigen Raketen mit großer Reichweite und des langen Flugweges – von den verschiedenen Raketenabwehrsystemen neutralisiert werden würde. Aber wenn alle diese Fronten und Angriffe gleichzeitig losgehen würden, wäre Israel schon heute in einer sehr strapazierten Lage.

Der Iran hat Zeit und Geduld
Wenn jetzt noch eine militärisch strukturierte syrische Front dazukommen, die die libanesische Bedrohung in den Schatten stellen würde: Hunderttausende von hochwertigen, zielgenauen Lenkraketen mit großen Sprengköpfen, die vor Ort in Massen produziert werden und ganz Israel in ihrer Reichweite haben. Parellel dazu ein neuaufgebautes, massives Chemiewaffenarsenal gleich an Israels Grenze. Die kurze Distanz und die Masse der Raketen könnten Israels Abwehrmechanismen schnell überfordern. Und zu alledem sollte man sich nicht einmal vorstellen, was passieren würden, wenn der Iran doch in den Besitz von Atomwaffen kommen würde, und sie mittels schneller, unidentifizierbarer Kurzstreckenraketen aus Syrien auf Israel abschießt. Der Iran hat seinen langjährigen Traum erreicht, endlich eine „direkte Front“ zu Israel zu haben, an die er ungestört Armee und Waffen bringen kann.

„Syrische Rebellen“ sind teilweise in Wirklichkeit amerikanische Kommandos
Bis jetzt halten „syrische Rebellen“ (es ist ein relativ offenen Geheimnis, dass es sich dabei zu großen Teilen um amerikanische Kommandos handelt) den strategisch wichtigen Grenzübergang im Dreieck Syrien/Jodanien/Irak, und der Iran kann hier nicht ungestört seine Einheite in den Golan kutschieren.
Iran scheint darauf gebaut zu haben, dass es mit einem „niedrigen Profil“ und ein paar kleineren Attacken über Dritte (Hisb‘Allah und Co.), ungestört eine Massenvernichtungsbasis vor Israels Haustür aufbauen kann, bis zum selbstgewählten Stichtag.
Anscheind hat Israel diese Taktik seit langem verstanden und seit Kurzem sich dazu entschlossen, nicht brav der Vernichtung abzuwarten, sondern einen Konfrontationskurs einzuschlagen.

Nur wenige Tage vor dem großen Luftschlag gegen den Iran in Syrien, formulierte Netanjahu, was offenbar die israelische Doktrin wurde:
„Wir sind fest entschlossen, die iranische Agression gegen uns abzublocken, selbst wenn dies zu einem militärischen Konflikt führen sollte. Besser jetzt, als später!“

Seit langem kennen wir Netanjahus Wertschätzung von Churchills Aktivismus und seine Warnungen vor Appeasement gegenüber mörderischen Terrorstaaten.
Aber die Rhetorik war nicht nur Rhetorik und es scheint, als habe Israel einiges unternommen, um den Iran in Kampfhandlungen zu verwickeln, bevor er es schafft, all seine Vorbereitungen abzuschließen.

Schon seit Beginn 2017 baut Israel energisch an einem neuen, verbesserten Grenzwall gegenüber Libanon, der zig Millionen Euro kosten soll und sich mit neugegrabenen Kliffs, Betonbarrieren und verbesserten Zäunen durch die Landschaft zieht.

Das erste abgeschossene Flugzeug seit 1982
Auch bei dem folgenschweren iranischen Drohnenangriff im Februar, reagierte Israel energisch und flog dabei aber anscheinend in eine iranische Falle, die Israel das erste abgeschossene Flugzeug seit 1982 kostete. Irans Außenminister Zarif feierte lautstark „das Zusammenbrechen des Mythos der Unbesiegbarkeit“ der israelischen Armee.

Es handelte sich um eine Tarnkappendrohne, die der amerikanischen Drohne nachempfunden war, die Iran in 2011 in seine Gewalt bringen konnte. Tarnkappe oder nicht, Israel ortete die Drohne binnen Sekunden und zerstörte sie via Helikopter. In den Stunden darauf ging Israel zum größten Luftschlag in Syrien seit 1982 über und zerstörte nicht nur die Drohnenbasis, sondern etliche Luftabwehrstellungen. Es sollte nicht der letzte und größte Luftschlag bleiben.

Aber gerade dieser Vorfall scheint für Israel ein „Point of no return“ gewesen zu sein, der auf eine Konfrontation hinauslief, an dessen Ende eine physische und politische Zerschlagung der iranischen Militärinfrastruktur in Syrien stehen soll. (…)

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