September 8, 2017 – 17 Elul 5777
Der Film „Die Unsichtbaren“


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Tausende Juden lebten während der Nazi-Zeit untergetaucht in Berlin 

Von Heike Linde-Lembke

Wolf-Heinrich Graf von Helldorf wurde zum Antisemiten erzogen und setzte alles daran Berlin „judenfrei“ zu machen. Damit begann er schon zwei Jahre vor Hitlers Machtergreifung. Er gilt mit Joseph Goebbels als Organisator des Kurfürstendamm-Krawalls vom 12. September 1931. Der Termin war bewusst gewählt, denn die Berliner Juden feierten ihr Neujahrsfest, und die SA verfolgte, schlug und drangsalierte Berlins Juden. Helldorf war Berliner SA-Führer, Joseph Goebbels Gauleiter von Berlin. Als der glühende Antisemit 1935 Berliner Polizeipräsident wurde, forcierte er die Verfolgung.

Am 16. Juni 1943 konnte Helldorff seinem „Führer“ melden, dass er Berlin „judenfrei“ gemacht habe. Doch der hasserfüllte Mann irrte. 7.000 Jüdinnen und Juden gingen in den Untergrund, 1.700 von ihnen konnten ihren Verfolgern als „U-Boote“ bis Kriegsende entkommen. Einige verschwanden einfach aus dem öffentlichen Leben, andere fanden Unterschlupf bei nichtjüdischen Nachbarn, wieder andere veränderten ihr Aussehen und begaben sich direkt ins Auge des Sturms.

Der Film „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ von Claus Räfle erzählt von dem Überlebenskampf von vier jungen Berlinern, die der braunen Mord-Maschinerie mit Mut und Verzweiflung, Furchtlosigkeit und pragmatischer Intelligenz entkommen konnten. Der knapp zweistündige, von der deutschen Film- und Medienbewertung mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnete Film startet am 26. Oktober in den Kinos. Das Buch dazu, ebenfalls von Claus Räfle, erscheint am 9. Oktober bei Suhrkamp im Elisabeth-Sandmann-Verlag.

Der Autor und Filmemacher spult aber nicht einfach das Leben der zwei Frauen und zwei Männer im Untergrund ab. Claus Räfle will mehr. Er will ihr Leben aus der Vergangenheit holen, sie erneut retten, diesmal vor dem Vergessen. In langer Recherchearbeit fand der Autor die vier Überlebenden Hanni Levy, Ruth Arndt, Cioma Samson Schönhaus und Eugen Friede an ihren Wohnorten und bat sie ihm und seiner Co-Autorin Alejandra López von ihrer Zeit als „Unsichtbare“ zu erzählen. Die Interviews schnitt er in den Film, den er ansonsten wie ein großes Kino-Drama anlegte, voller Emotionen und Spannung, die nicht nur durch eine fantastische Lichtregie und gute Kameraführung von Jörg Widmer – abgesehen von den ersten extrem unruhigen und überflüssigen Sequenzen – erzielt wird, sondern vor allem von dem dicht und individuell spielenden Schauspieler-Team.

Die Figuren im Einzelnen
Hanni Levy wird von Alice Dwyer gespielt. Hanni Levy, 1924 in Berlin-Tempelhof geboren, lebte als Waise in Berlin. 1940 starb ihr Vater an Zwangsarbeit, 1942 ihre Mutter. Als sie beschließt unterzutauchen, färbt sie ihre Haare blond, was sie zusammen mit den blauen Augen wie eine „Arierin“ aussehen lässt. Jetzt muss sie sich nur noch abgewöhnen, nicht angstvoll, sondern aufrecht und präsent durch Berlins Straßen zu laufen. Ihr Problem ist eine Wunde am Finger, ihre Rettung eine Kino-Anweiserin, die sie in ihre Wohnung aufnimmt. Heute lebt Hanni Levy in Paris.

Ruby O. Fee bringt die jüdische Arzttochter Ruth Arndt auf die Leinwand. Ruth irrt durch Berlin, wird fast verhaftet und tarnt sich fortan mit ihrer Freundin Ellen Lewinsky, gespielt von Viktoria Schulz, als Kriegerwitwe mit einem schwarzen Schleier vor dem Gesicht. Schließlich wagen sie sich ins Auge des Sturms und werden Hauswirtschafterinnen beim Wehrmachts-Offizier Wehlen (Horst Günter Marx), der oft ranghohe Offiziere in seiner Wannsee-Villa mit Delikatessen vom NS-Schwarzmarkt bewirtet. Mit denen dürfen die jüdischen Mädchen auch ihren von der Lebensmittelmarken-Verteilung ausgeschlossenen Familien helfen.

Ruths Eltern bietet Frau Gehre Unterschlupf, gespielt von Steffi Kühnert, die sie als einfache Frau zeigt, die still, aber entschlossen jede Gelegenheit nutzt, um den NS-Schergen Verfolgte zu entreißen. Ruth Arndt starb 2012 in San Francisco.

Der Grafiker Cioma Samson Schönhaus ist der Aufmüpfige der vier jungen Berliner. Als er deportiert werden soll, sieht er das so gar nicht ein und erklärt sich selbst als unverzichtbar für seinen Arbeitgeber. Der dreiste Trick gelingt, Cioma reißt sich den gelben Stern vom Mantel, gibt sich als Soldat aus, der gerade nach Berlin für seine Einberufung gekommen ist und dadurch ein Anrecht auf ein Zimmer hat. Das sucht er immer spät abends auf, damit er sich erst am nächsten Morgen bei den Behörden melden muss. Dann aber ist Cioma schon lange wieder in Berlin untergetaucht. Bis er an eine Vermieterin gerät, die keine Lust hat, die karge Zimmermiete zu versteuern und ihn vor die Wahl stellt: Melden – oder mieten. Cioma bleibt.

Eines Tages jedoch soll er zu Dr. Franz Kaufmann, dargestellt von Robert Hunger-Bühler, nach Wannsee kommen. Der weiß von seinem Jüdischsein und beauftragt ihn Pässe für Juden zu fälschen. Cioma rettet durch diese Arbeit unzähligen Berliner Juden das Leben. Und sein eigenes. Durch das geregelte Einkommen kann er ein fast normales Leben führen, in Restaurants gehen und sich sogar einen Herzenswunsch erfüllen – ein Segelboot.

Eine jüdische Nazi-Spionin
Gefährlich wird es allerdings für ihn, als seine Schulfreundin Stella Goldschlag ihn erkennt. Denn sie ist eine jüdische Nazi-Spionin, eine, die mit geradezu sportlichem Ehrgeiz untergetauchte Juden an die Nazis verrät und schon vielen den Tod gebracht hat. Doch Cioma rettet die Liebe, Stellas Liebe: „Hälst du das für eine gute Idee, dass ich mit zu dir komme?“, fragt sie ihn. Und geht.

Der Schauspieler Max Hauff zeichnet Cioma Schönhaus als Draufgänger, als einen, der immer einen Ausweg weiß, auch wenn er sich durch seinen Leichtsinn und seine Schusseligkeit immer wieder zu enttarnen droht. Stella Goldschlag setzt Laila Maria Witt als personifizierte Bedrohung um, getoppt nur noch durch ihre laszive Schönheit. Als Cioma Schönhaus‘ Werkstatt an die Gestapo verraten wird, fälscht er sich einen Wehrmachtspass und flüchtete in die Schweiz. Dort starb er im Alter von 93 Jahren im September 2015.

Die Retterin prahlt mit ihrer Hilfsbereitschaft
Der Vierte ist Eugen Friede, Sohn einer Jüdin mit einem nichtjüdischen Stiefvater. Er muss als einziger in der Familie den gelben Stern tragen. Als seine Eltern ihm eines Tages sagen müssen, dass sie ihn nicht mehr schützen können, taucht er bei der befreundeten nichtjüdischen Familie Horn unter. Doch die Mutter der Familie prahlt bei Nachbarn damit, einen Juden zu verstecken, bringt alle in höchste Gefahr, und Eugen muss schnell das Versteck wechseln.

Er kommt zum Ehepaar Winkler, das ihm die Hitler-Uniform des Sohnes anzieht und mit Flugblättern Widerstand gegen das Nazi-Regime leistet, angeregt vom Elektriker Werner Scharff, der es als einer der wenigen schaffte, aus dem KZ Theresienstadt zu flüchten und von den Deportationen ins Todeslager Auschwitz berichtete. Den spielt der bekannte Schauspieler Florian Lukas. Einer, der sofort an der Flugblatt-Kurbel dreht, ist Hans Winkler, den der Grimmepreis-Träger Andreas Schmidt trocken, aber sehr markant spielt. Eugen Friede wurde im Winter 1944/45 verhaftet, kam ins letzte jüdische Sammellager in der Iranischen Straße, wurde gefoltert – und endlich von den Russen befreit. Der 91-Jährige lebt in Frankfurt/Main.

Claus Räfle erzählt in seinem Film von Menschen, die dem NS-Regime ihr Leben abtrotzten, und er erzählt von Menschen, die still, aber entschlossen Widerstand geleistet haben. Aus den Interviews mit den vier Überlebenden einerseits und den dramatischen, gleichwohl dialogreichen Sequenzen andererseits ist ein packender Film mit opulenten Bildern entstanden, der als Dokumentation gelten kann, aber auch ein gut gemachter Film über den jüdischen und nichtjüdischen Widerstand ist.

Film „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ von Claus Räfle, Kinostart am 26. Oktober.
Das Buch dazu erscheint im Elisabeth Sandmann Verlag/Suhrkamp und ist ab 9. Oktober 2017 im Buchhandel.

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