Sehr viele der vermeintlich islamischen Erfindungen sind in Wirklichkeit prä-islamisch und die sehr späte Zulassung des Buchdruckes im Osmanischen Reich 1727 ist ein weiteres Symptom der Wissenschaftsfeindlichkeit des Islam  

Von Paul Nellen

Nach Horst Seehofers frisch-ministerieller Einstandsinventarisierung („Der Islam gehört nicht zu Deutschland“) musste man nicht lange warten, bis sich das in solchen Fällen schnell ausschwärmende mediale und professorale Rettungspersonal ans Werk machte. Erneut ging es um die Ehre des Islam, des anscheinend wahren Kulturbringers, dem das aufgeklärte, wissenschaftlich tonangebende und demokratische Europa sich „letztlich“ zu verdanken habe. Weswegen der Islam selbstredend auch zu Deutschland gehöre.

EKD lobt Islam
Zuletzt äußerte sich vergangene Woche der Mittelalterhistoriker Michael Borgolte im Evangelischen Pressedienst mit dem Kernsatz, der Islam habe „einen geradezu grundlegenden Beitrag zur hiesigen Kultur geleistet“. Es seien „Araber und Syrer muslimischen Glaubens gewesen, die große Teile antiker griechischer Naturwissenschaften und Philosophie gerettet und der lateinischen Welt des westlichen Europas überliefert hätten“, so der Wissenschaftler laut einer Nachricht des Deutschlandfunks.

Die Gegengabe des Westens dagegen für jenen großzügigen Kulturtransfer: die „Kreuzzüge“ und der „Kolonialismus“. So lautet andernorts meist im gleichen Atemzug die Anklage. Und worunter die islamische Welt bis heute leide...

Es wird Zeit, mit diesem alten, seit dem Buch „Allahs Sonne über dem Abendland – Unser arabisches Erbe“ Sigrid Hunkes (1913-99), einer antichristlich-neuheidnischen Religionswissenschaftlerin mit lupenreiner Nazivergangenheit, durch alle „Dialog“- und sonstige Multikulti-Veranstaltungen geisternden Mythos aufzuräumen. Zunächst stellt sich die Frage, wie die Moslems damals überhaupt an die antiken griechischen Schriften gekommen waren, mit denen sie dem „finsteren Mittelalter“ zur Renaissance, zu Aufklärung und Humanismus angeblich verhalfen.

Wie kam die Moslems überhaupt an die antiken griechischen Schriften?
Waren sie voller Forscherdrang im Zuge der militärischen Ausbreitung des Islam über die griechischen Inseln und durch Süditalien gestreift, um antike Steintafeln, Schriftrollen und Textfragmente auszugraben oder zu entziffern? Natürlich nicht – viele bedeutende Schriften der griechisch-römischen Antike waren schon längst von Christen und Juden des Vorderen Orients in vorislamischer Zeit zusammengetragen worden.

Sie gerieten den Arabern als Kriegsbeute in die Hände, als sie die christlichen Städte des byzantinischen Imperiums überfielen. Die in Rede stehenden griechischen Schriften der Antike befanden sich oft als syrische oder hebräische Übersetzungen in den Bibliotheken der byzantinischen Städte. Sie wurden von den unterworfenen, nicht selten arabischen Christen (eben aber nicht von den muslimischen Arabern!) ins Arabische übersetzt, ehe sie in die Bibliotheken von Bagdad und Cordoba geschafft wurden.

Im Zuge der Reconquista und der Renaissance wurden viele dieser Texte aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt – dass es sich um einst erbeutete Manuskripte handelte, die sich schon immer im Besitz der Christenheit des Vorderen Orients befunden hatten, war längst im Vergessenheit geraten. Der Mythos vom Islam als dem Überbringer des Geistes der Antike konnte seinen Lauf antreten. Der Anteil der (christlichen) Araber und auch der Juden an diesem Wissenstransfer soll dabei nicht gering geachtet werden.

Die nur kurze Blüte der Mutaziliten
Nur war es zum allerwenigsten der Islam als Religion, der sich hier Verdienste erworben hätte. Die „Aufklärer“ des Islam, die noch am ehesten von der griechischen Antike, namentlich von Aristoteles, inspiriert wurden, die Mutaziliten nämlich (9.-11. Jh.), wurden nach kurzer Blütezeit verfolgt und verschwanden schließlich als geistige Strömung ganz aus dem Islam.

Die Europäer selbst hatten im Mittelalter nie den Kontakt zu den byzantinischen Griechen verloren; auf dieser Grundlage konnte die Renaissance schließlich ausgelöst werden. Zwar haben die meist christlichen Araber auch Werke der Griechen konserviert und übersetzt. Doch bevorzugten die Europäer ihrerseits direkte Übersetzungen vom Griechischen ins Lateinische, die sie selbst ohne den Umweg über die Araber anfertigten. Das antike Erbe war keineswegs verschollen, dass es sein Wiederaufleben etwa islamischen Rettern verdanken würde.

Und jetzt eine kleine Faktensammlung:

Der englische Mönch und Kirchenhistoriker Beda Venerabilis berichtet im 7. Jh. in seinem Werk „Ecclesiastical History“, dass einer der ersten Bischöfe von Canterbury, Theodor aus Tarsus, ein gebildeter Grieche war. Dieser Theodor war mit etwa 35 Jahren aus Tarsus vor den Muslimen nach Konstantinopel geflohen, wo er studierte. Konstantinopel blieb das Mittelalter hindurch Schatzkammer des alt-griechischen Kulturerbes. Der Student Theodor wird eben dieses Wissen studiert und nach England mitgebracht haben.

Der isländische Dichter und Historiker Snorri Sturluson, der im 12. Jahrhundert lebte, schreibt in seiner „Edda“, dass die nordischen Götter in Wirklichkeit trojanische Helden waren, die vor der Zerstörung ihrer Stadt durch Agamemnon geflohen waren. Diese Interpretation Snorris impliziert, dass er die Theorie des Euhemerismus (nach Euhémeos und dessen „Ansatz, die Entstehung von Gottesvorstellungen auf mythische Überhöhung historischer Personen zurückzuführen“) gekannt hat und somit, dass griechisches Wissen im hochmittelalterlichen Europa bekannt war.

Der Frankenkönig Karl der Kahle (823-877) war fasziniert von der griechischen Kultur, so dass er den irischen Gelehrten Joh. Scottus Eriugena („als Übersetzer und Kommentator leistete er einen gewichtigen Beitrag zur Verbreitung griechischen Gedankenguts aus der Epoche der Kirchenväter im lateinischsprachigen Westen. Damit stärkte er zugleich den Einfluss des Neuplatonismus in der abendländischen Geistesgeschichte“) bat, das Werk von Pseudo-Dionysius bis 855 zu übersetzen.

Der vielzitierte Kirchenlehrer Johannes von Damaskus (ca. 660-754) kannte (aus der Überlieferung durch einen italienisch-griechischen Kriegsgefangenen der Muslime und Mönch namens Kosmas) Aristoteles und übersetzte ihn 100 Jahre vor der ersten arabischen Aristoteles-Übersetzung ins Arabische.

Der italienische Humanist Giovanni Aurispa „machte sich vor allem um die Gewinnung des antiken Wissens verdient, indem er auf mehreren Reisen in das Byzantinische Reich Codizes erwarb und diese nach Italien brachte“. Er reiste 1421 ins von den Türken belagerte Konstantinopel und rettete über 200 Codices nach Europa, darunter Platons Politeia. „Aurispa, der das Lateinische und das Griechische gut beherrschte, hinterließ etwa 100 Briefe an verschiedene Humanisten sowie Übersetzungen Plutarchs und Lukians. Seine größte Bedeutung liegt jedoch zweifellos in der Sammlung antiker Texte, die dem europäischen Westen wieder zugänglich gemacht wurden.“

Als Byzanz 1453 endgültig zerbrach, flohen Gelehrte aus Konstantinopel vor den Muslimen und brachten mit, was sie retten konnten. Allenfalls auf ironische Weise „verdankt“ der Westen also den Muslimen die Überlieferung des griechischen Erbe, nämlich dadurch, dass jene die Gelehrten in den Westen vertrieben!

Der „Kulturbringer Islam“ ist zuhause extrem bedroht
Der Auslöser für die Renaissance war schließlich der Wille der christlichen Europäer, den brachliegenden griechischen Geist neu zu entzünden und das antike Erbe aufleben zu lassen. Dass der Islam hieran praktisch keinen Anteil hat, sieht man auch daran, dass die islamischen „Aufklärer“ des Hochmittelalters, namentlich die von griechischer Philosophie beeinflussten Mutaziliten, nach kurzer Blüte von den islamischen Kalifen verfolgt wurden und ihr Denken ausgemerzt wurde.

Im Übrigen: Selbst wenn die Behauptung vom „Kulturbringer Islam“ stimmen würde, so taugt sie allenfalls zum Beweis, dass die Blütezeit des Islam seit fast 1.000 Jahren endgültig vorbei und sein Erbe inzwischen – wenn es ein solches denn gegeben habe – längst von Europa und den Ländern angetreten wurde, die auf anderen Kontinenten europäisches Erbe mitverwalten.

Hinrichtungen eines islamischen Reformers
Wenn dieses Erbe nun seinerseits wieder „zurückkehrt“ in die islamische Welt (mit den Ideen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten, Freiheiten aller Art): warum wird dieses Erbe dann dort nicht enthusiastisch von allen Ulama, den religiösen Gelehrten, als Rückkehr in die angestammte Heimat begrüßt? Warum geschieht dies allenfalls durch einige nonkonformistische Intellektuelle, die dafür verfolgt wurden und werden; entweder – wie etwa der sudanesische muslimische Aufklärer Mahmud Muhammad Taha – mit ihrem Leben büßten (Taha wurde 1985 für seine reformislamisch-aufgeklärten Ideen hingerichtet) oder aber, wie der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid, eine erzwungene Scheidung und ein zwangsweises Exil ertragen mussten (er starb vor einigen Jahren in Holland)?

Der Islam als Zerstörer buddhistischen Kulturerbes
Der Islam ist weltgeschichtlich vornehmlich als Eroberer und Zerstörer in Erscheinung getreten. Die größte Bibliothek der alten Welt, die buddhistische von Nalanda (Indien), soll „9 Millionen Bücher umfasst haben. Sie war damit zugleich das größte Lehrzentrum der antiken Welt überhaupt. Die Universität wurde Ende des 12. Jahrhunderts im Zuge der islamischen Eroberung Indiens und der damit verbundenen Dezimierung des Buddhismus zerstört“. Nicht als „Kollateralschaden“, sondern mit voller Hingabe. So ähnlich, wie die Bamiyan-Statuen in Afghanistan durch die Taliban zerstört wurden – von Massendemos der nicht-talibanischen Muslime, die sonst jede noch so kleine Mohammed-Karikatur mit Feuer, Mord und Aufruhr beantworten, fehlen bis heute alle Berichte.

Bibliotheken waren dem Islam ein Gräuel
Bibliotheken waren dem Islam schon immer ein Gräuel: Entweder die Bücher entsprachen dem Koran, dann waren sie überflüssig. Oder sie bargen Schriften, die dem Koran nicht entsprachen, dann gehörten sie vernichtet. So einfach und so klar – eine Religion mit dem Charme eines Kippschalters. Weswegen Sultan Bajasid II. 1483 die Errichtung von Druckereien nach der Methode Gutenbergs bei Todesstrafe untersagte. Ausnahmen gab es nur für die geduldeten Minderheiten der Juden und Christen, solange sie nicht in arabischer Sprache und Schrift druckten. Erst 1727 wurde auch den Muslimen im osmanischen Reich, das bis tief nach Arabien reichte, der Buchdruck erlaubt.

Wenn uns islamische Verbändefunktionäre oder ihre Stimmenverstärker in Medien und Universitäten demnächst wieder einmal einzureden versuchen, dass es Europa, seine wissenschaftlich-technische und seine Kultur des Denkens ohne den Islam gar nicht gäbe, sollten wir ihnen und dem Publikum diese Fakten einfach mal in Erinnerung rufen – mit wissenschaftlicher Strenge, Nüchternheit und Geistfreiheit, die einzig das Erbe der griechisch-römischen Antike und das wahre Erfolgsgeheimnis Europas sind. An diesem hat der Islam bis heute so gut wie keinen Anteil.

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