Oktober 5, 2015 – 22 Tishri 5776
Der Fall von Don Pacifico

image

Wie Großbritannien 1850 die Rechte eines jüdischen Briten mit Kriegsschiffen durchsetzte  

  • Oktober 5, 2015 – 22 Tishri 5776
  • Geschichte
  • 1045 mal gelesen

Von Silviu Mihai

Als Sohn einer wohlhabenden und einflussreichen Familie sephardischen Ursprungs wurde David Pacifico 1784 in Gibraltar geboren. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren seine Vorfahren bereits im 15. Jahrhundert gezwungen worden, vor den antisemitischen Verfolgungen in Spanien zu fliehen, und hatten sich in Italien niedergelassen. Sein gleichnamiger Großvater war dann nach Gibraltar gezogen. Damals wie heute war dieses Gebiet Besitz der britischen Krone, so dass Pacifico die britische Staatsangehörigkeit besaß. Darüber, wie er sein Geld genau verdiente, besteht kein Konsens. Seine Feinde beschrieben ihn als „schmutzigen, jüdischen Wucherer“. Fakt ist, dass er schon Anfang des 19. Jahrhunderts zu den prominenten Geschäftskreisen in Portugal gehörte, wo er gerne auch in Angelegenheiten der Außenpolitik mitmischte. Als Brasilien in den 1820ern seine Unabhängigkeit erkämpfte, unterstützte Pacifico diese Causa. Der portugiesische König war selbstverständlich wenig amüsiert, und konfiszierte einen Teil des Vermögens seines unliebsamen Untertanen.

Doch Pacifico erwies sich als ziemlich erfolgreich in seiner Kunst des politischen Strippenziehens: 1835 wurde er zum portugiesischen Konsul in Marokko ernannt, zwei Jahre später übernahm er die gleiche Würde in Athen. Damals war Griechenland ein neuer Staat auf der Landkarte Europas: Nach jahrelangen Kämpfen und Aufständen gegen das Osmanische Reich hatten die Großmächte 1830 die Unabhängigkeit Athens anerkannt und den bayrischen Prinzen Otto von Wittelsbach zum ersten König der Griechen erklärt. Trotz seiner glorreichen Vergangenheit und der damit verbundenen internationalen Sympathien war das neue Land bettelarm, rückständig und überwiegend ländlich geprägt. Die Ruinen der Akropolis thronten zu der Zeit über einer öden, eingeschlafenen Kleinstadt, die Meilen entfernt vom Glanz des kultivierten und wohlhabenden Konstantinopel war. Der neue Posten von Don Pacifico war insofern nicht unbedingt sehr attraktiv, zumal in Athen neben einer gewissen Aufbruchsstimmung auch starke nationalistische Gefühle herrschten.

Der Konsul arbeitete sich dennoch fleißig in seinem neuen Umfeld ein. Bald wurde er zum Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde gewählt und widmete sich neben seinen Geschäften auch karitativen Tätigkeiten. Gleichzeitig pflegte er gute Beziehungen zu den britischen Vertretern in Griechenland, die ihm später noch nützlich sein sollten. 1842 wurde Pacifico allerdings gezwungen, den diplomatischen Posten im Dienste Portugals aufzugeben, nachdem es erneut zu politischen Spannungen zwischen ihm und den Machthabern in Lissabon kam. Er beschloss jedoch, in Athen zu bleiben, wo er bereits eine gewisse Prominenz erreicht hatte. Kurz darauf musste der autoritär regierende König Otto auf Druck Londons einige Zugeständnisse machen und eine größere Rolle der liberalen und demokratischen Kräfte akzeptieren.

Die überwiegende Mehrheit der Griechen war nichtdestotrotz sehr konservativ, der Einfluss der Orthodoxen Kirche enorm – und für einen jüdischen Geschäftsmann wie Don Pacifico sehr gefährlich. Als der Financier Amschel Mayer de Rothschild 1847 nach Athen kam, um mit der Regierung, die damals wie heute knapp bei Kasse war, über einen Kredit zu verhandeln, feierten die meisten Hauptstadtbewohner gerade Ostern. Um den Geldgeber nicht unnötig zu ärgern, ließen die Behörden wissen, dass die Bevölkerung ausnahmsweise auf ihren antisemitisch konnotierten Brauch verzichten soll, Figuren von Judas Ischariot vor den Kirchen und in den Straßen zu verbrennen. Doch dies ging vielen Athenern schon zu weit: Es kam schnell zu Eskalationen und regelrechten Aufständen, in deren Laufe unter anderen auch das Haus von Don Pacifico verwüstet und ausgeplündert wurde.

Der Geschäftsmann war schockiert: Plötzlich waren nicht nur die Familienjuwelen weg, sondern auch die Gelder der jüdischen Gemeinde, die damit einen Tempel bauen wollte. Pacifico beschwerte sich bei den griechischen Behörden, doch diese nahmen monatelang keine Ermittlungen auf und lehnten jeden Antrag auf Entschädigung ab. Unter den antisemitischen Angreifern waren nämlich auch die Söhne einiger Minister, die Umstände nahmen schnell eine politische Dimension an. Pacifico sah sich gezwungen, an die britische Botschaft zu appellieren: London war die liberalste unter den Schutzmächten Griechenlands, und Don Pacifico hatte schließlich einen britischen Pass. Der Botschafter informierte umgehend den Außenminister Ihrer Majestät, Lord Henry John Palmerston, über den Vorfall. (...)

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben