Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
Der erfundene Skandal

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Interessante Hintergründe zu den australischen Erfindern des Burkini  

  • Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
  • Politik, Welt
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Von Karl Pfeifer

„Burkini“, sagte die Dame im Eissalon am Nebentisch, „ich kann das Wort nicht mehr hören“. Tatsächlich gab es im Sommer 2016 zu einer Zeit, in der Journalisten sich in der Regel über das Sommerloch beklagen, kein häufiger verwendetes Wort als dieses. Alle guten und natürlich tolerant gesinnten Menschen Europas und Nordamerikas regten sich über die „bösen Franzosen“ auf.

In Frankreich selbst zog der ehemalige „Le Monde“-Journalist und Gründer des „linken“ Medienkonzerns „Mediapart“, Edwy Plenel, in den Kampf, um ein von der Australierin Aheda Zanetti vor ungefähr zwölf Jahren erfundenes Kleidungsstück – die Burka für den Strand – zu verteidigen. Er erinnerte an die Badekleider der Französinnen am Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem er schon vor zwei Jahren „seine beiden bretonischen Großmütter“ erwähnte, „die ein Kopftuch trugen“. „Charlie Hebdo“ widmete diesem Islamismusversteher eine ganze Seite mit Karikaturen, der als „ewiger Demagoge“ predigend auf einer Kanzel dargestellt wird.

Es artikulierten sich auch all jene für „Religionsfreiheit“, die behaupteten, den Islam könne man nur dann „voll“ ausleben, wenn man sich an die strengsten Vorschriften hält und akzeptiert, dass diejenigen Frauen, die weder Burka noch Nikab tragen, schlechte Musliminnen sind.

In ihrer Beschwerde gegen das Rathaus von Cannes, hat das „Kollektiv gegen die Islamophobie in Frankreich“ (CCIF) aber nicht die Freiheit sich so zu kleiden wie es einem beliebt erwähnt, sondern die Religionsfreiheit. Als ob die Verschleierung am Strand Teil einer Religionsausübung wäre.

Aheda Zanetti, deren Familie aus Beirut nach Australien kam, als sie zwei Jahre alt war, hat 2004 nachdem sie Burkini und Burqini beim Patentamt angemeldet hatte, stolz erklärt, „Ich habe eine Bescheinigung oder das, was man eine Fatwah des Muftis nennt, erhalten.“

Tatsächlich verdient der selbsternannte Großmufti von Australien, Taj Aldin al-Hilali, bekannt zu werden. Aus Ägypten stammend, ging er 1982 mit einem Touristenvisum in Australien an Land und es gelang ihm, dieses während mehrerer Jahre immer wieder erneuern zu lassen. 1988 predigte er an der Universität Sydney und beschuldigte „die Juden“ die Welt zu kontrollieren „dank der Sexualität, der sexuellen Perversion, wie auch der Beförderung der Spionage, des Verrats und der Hortung von Geld“. Der Einwanderungsminister versuchte den Hetzer auszuweisen, doch es siegten die sich für die „Meinungsfreiheit“ stark machenden Politiker.

Am 13. Februar 2004 qualifizierte er vor den Gläubigen in einer Moschee in Sidon, im Libanon, die Angriffe des 11. September 2001 als „Gottes Werk gegen die Unterdrücker“. Doch nichts geht über die multikulturelle Toleranz – Hilali konnte sich in Australien etablieren. Soviel zum Mufti, der den Burkini für halal erklärt hat.

Am 26. August hat der französische Staatsrat, das höchste administrative Gericht Frankreichs entschieden, dass in der Ortschaft Villeneuve-Loubet das Verbot des Tragens von Burkini aufgehoben werden soll. Dieses Gericht verteidigt ein Konzept der individuellen Freiheit, weil die Aufhebung dieser nicht leichtfertig beschlossen werden darf.

Doch hier geht es nicht nur um ein Kleidungsstück, das von der Religion vorgeschrieben ist, sondern um eine Herausforderung an die französische Lebensart, die Geschlechterapartheid nicht toleriert.
War es wirklich klug, als nach dem islamistischen Anschlag in Nizza am Abend des 14. Juli, wenig später eine salafistische Vereinigung in einem Aqualand einen Tag nur für muslimische Frauen namens „Alle im Burkini“ veranstalten wollte?

Vielleicht die interessanteste Erklärung für die Burkinidebatte – weil an eine Verschwörungstheorie anknüpfend – gab der Sekretär der Sozialistischen Partei Jean-Christophe Cambadelis, als er meinte, bei dieser hysterischen Auseinandersetzung handele es sich lediglich um eine „rechte Ablenkung“ der Aufmerksamkeit von „den Regierungserfolgen gegen die Arbeitslosigkeit“. Hysterisch wurde die Debatte tatsächlich von den Gegnern des Verbots geführt, die sich gegen die 70-80 Prozent der Franzosen wandten, die im Burkini ein Symbol des radikalen Islamismus sehen, der vor ihren Augen in den Städten wütet. Ein Islamismus, der ihrer Meinung nach dem Dschihadismus Nahrung gibt und Frankreich auseinanderreißt, was sie nicht wünschen. Denn es geht nicht nur um Religion, sondern um eine Ideologie, welche Allah und die Scharia über den französischen Gesetzen sehen will.
Ende September publizierte die französische Sonntagszeitung JDD eine Nachricht über eine Studie des Instituts Montaigne, geleitet von Hakim El Karoui, unter dem Titel „Französische Muslime, eine überraschende Untersuchung“.

Es ist das erste Mal, dass eine derart seriöse Untersuchung versucht ein ideologisches und kulturelles Bild der Muslime in Frankreich (zu 2/3 sind sie französische Staatsbürger) zu geben.
28% der französischen Muslime schätzen, dass die Scharia den Gesetzen der französischen Republik gegenüber zu bevorzugen sei. Fast ein Drittel der in Frankreich lebenden – niedrig geschätzt 3 oder 4 Millionen – Muslime leben also geistig in einem anderen Land, die meisten davon junge Menschen.
Kann das die 70-80 Prozent der Franzosen, die über den wachsenden Einfluss des Islams besorgt sind, beruhigen?

Freilich kann man sich über die 70% der in Frankreich lebenden Muslime freuen, die säkular leben wie die anderen Franzosen. „Zwei Drittel der Muslime denken, dass der Säkularismus gestattet, seine Religion frei zu leben, bestätigt Hakim El Karoui. Doch mit den gegebenen Zahlen über den Säkularismus dürfte etwas nicht stimmen, denn 60% der Befragten meinen, 12 Jahre nach dem das Gesetz beschlossen wurde, mit dem religiöse Symbole in Schulen verboten wurden, dass die Mädchen den Schleier in der Schule tragen müssten. 48% denken, dass man seine religiöse Identität am Arbeitsplatz zeigen muss, 58% der Männer und 70% der Frauen treten für das Tragen der Vollverschleierung ein. D.h. die Mehrheit der Muslime, die als integriert in die französische Gesellschaft angesehen werden, wollen nicht auf dieses Symbol des Brechens mit der französischen Gesellschaft verzichten.

Die diese Entwicklung kritisch sehenden Franzosen, die oft genug auch den Vornamen, Ahmed, Aicha oder Rachida tragen, wählen nächstes Jahr einen Präsidenten und dabei wird dieses Problem eine wichtige Rolle spielen.

Warum haben einige Bürgermeister das Tragen dieses salafistischen Strandkleides verboten?
In Sisco, Korsika kam es sogar ohne Burkini zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Was war geschehen? Eine Familie „nordafrikanischen“ Ursprungs mit Frauen in Burka „privatisierte“ einen öffentlichen Strand und griff diejenigen an, die sich ihnen näherten oder sie fotografierten. Um die Lage in Griff zu bekommen, mussten 70 Polizisten dorthin beordert werden. (…)

Islamistische Provokation eines australischen Fernsehkanals
„Nice-Matin“ war die erste französische Zeitung, die über eine bewusste Provokation des siebten australischen Fernsehkanals berichtete. Dieser brachte in seinem Sonntagabendprogramm eine 13 Minuten lange Sendung, in der gezeigt wurde, wie die 23-jährige australische Studentin Zeynab Alshelh gezwungen worden war, einen Strand in Villeneuve-Loubet zu verlassen, weil anderen Badegäste ihren Burkini als Provokation gesehen hatten. Dieser Badeort liegt nur 15 km von Nizza entfernt, wo am Abend des Nationalfeiertags 14. Juli ein islamistischer Täter 86 Menschen ermordete. Diese Geschichte wurde von der französischen Presseagentur AFP und den wichtigsten Medien der Welt verbreitet. Doch wie „Nice-Matin“ zwei Tage nach der Ausstrahlung berichtete, fand eine Mutter, die mit ihrer Familie sich an diesem Strand befand, etwas mehr als verdächtig. „Mit meinen Kindern hatten wir uns am Strand hingesetzt, als wir sehen konnten, wie ein paar Meter von uns eine Fernsehkamera installiert wurde. Erst nachher kamen ein Mann und zwei Frauen in Burkini, die sich vor das Fernsehteam setzten, nachdem sie minutenlang dem Stand entlang spazierten.“
Also ein Stunt? „Man hat sich diese Frage sofort gestellt. Im Übrigen, haben alle Leute am Strand auf die Kamera geschaut.“

Doch das Video des australischen Kanals geht weiter. Man sieht einen Mann zur Kamera gehen und sagen „Ihr macht eine Kehrtwendung und geht weg“. So wurde die Reportage zusammengeflickt, in der dieser Spruch an die Frauen in Burkini gerichtet zu sein scheint. Ein Eindruck, der bestärkt wird durch eine Ansage im off, die bestätigt: „Wir wurden gezwungen wegzugehen, denn die Leute sagten, sie werden die Polizei rufen.“

Aber so war es nicht. „Der Mann auf dem Video ist mein Onkel“, bezeugt ein anderer Augenzeuge. „Er hat nicht gefordert, dass diese drei Personen den Strand verlassen. Er wandte sich an das Kamerateam und bat sie wegzugehen. Denn es gab Kinder am Strand, darunter unsere und man wollte nicht, dass sie gefilmt werden.“ Dies wurde von einem anderen damals Anwesenden bestätigt.
Diese Reportage zeigt kein einziges Bild der zwei Frauen und der anderen Badenden zusammen, die sie aufgefordert hätten, den Strand zu verlassen. Es ging darum, zu verhindern, dass Kinder gefilmt werden.

Die australische Tageszeitung „The Australian“ die diese Reportage eines australischen Fernsehens als „eine der journalistischen Ethik entgegengesetzte Praxis“ qualifizierte, berichtete auch über den Vater der Burkini-tragenden Studentin, Ghayath Alshelh, der ein islamisches Wohlfahrtsprojekt in Sydney führt, welches die Thesen eines radikalen Islams propagiert.

Im Studio ließ sich Zeynab über die Feindseligkeit der Franzosen gegen Muslime aus. Es wurde auch der Politologe Dominique Moisi befragt, der das Verbot der Vollverschleierung in der Öffentlichkeit in Frankreich so beurteilt: „Das ist absurd, das ist gefährlich, das ein Kampf gegen die Verschiedenheit“. Am Schluß erklärt Zeynab Alshelh. „Man darf keine Verbindung zwischen Terror und Burkini und Terror und Islam herstellen.“
„The Australian“ resümiert: „Das nächste Mal sollte die Fernsehstation Seven Zeynab Alshelh finanzieren, damit diese ihr Glück in Saudi-Arabien oder dem Iran dabei versucht Frauen zu überzeugen ihre Verschleierung abzulegen, oder vielleicht könnte ein Spitalsarzt mit einer versteckten Kamera in Ägypten zeigen, wie Ärzte die verbotene Klitorisbeschneidung an der großen Mehrheit kleiner Mädchen vornehmen.“

Doch dazu in Australien befragt, meinte sie „Ich werde mich nicht in diese Art von Gefahr begeben, und überhaupt, die predigen keinen Säkularismus (wie in Frankreich), sie machen gerade das, was sie sowieso machen wollen.“

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