• November 4, 2015 – 22 Heshvan 5776
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November 4, 2015 – 22 Heshvan 5776
Der Eisbrecher

Der Publizist Hamed Abdel-Samad ist einer der schonungslosesten Kritiker des politischen Islam in Deutschland

Von Jerome Lombard

Alles nur eine Frage der Interpretation und der „richtigen“ Auslegung?

(…) Viel wurde und wird über die zentrale Lichtgestalt der islamischen Religion gesagt und geschrieben. Von theologischen Apologien über historische Biographien bis hin zu denunziatorischen Schmähschriften finden sich die verschiedensten Annäherungen. Ach ja, Satire gibt es auch noch. Aber dazu später mehr. Angesichts der Allgegenwärtigkeit und literarischen Fülle auch auf dem deutschsprachigen Markt, bedurfte es da jetzt noch eines weiteren Buches über Mohammed, dessen Leben und Lehren? Allerdings. Es wurde höchste Zeit, dass aus seiner Feder ein Beitrag kommt: Hamed Abdel-Samad. Der 43-Jährige deutsch-ägyptische Autor ist ein Experte für das Thema. Zum einen, weil der studierte Politikwissenschaftler sich seit Jahren mit dem Islam und der muslimischen Welt auseinandersetzt und nicht davor zurückschreckt, seine Analysen und Meinungen ungeschminkt zu artikulieren. Ob in Aufsätzen, Büchern oder in Talkshows, stets vertritt er seine Position mit Nachdruck. Und zum anderen: Weil er in Ägypten selber einst ein radikaler Anhänger Mohammeds und strenggläubiger Muslimbruder gewesen ist. Es sind diese beiden Eigenschaften, die Abdel-Samad in seiner Person vereint, die sein in diesem Herbst im Droemer-Verlag erschienenes Buch „Mohamed. Eine Abrechnung“ so lesenswert wie einzigartig machen.

Abdel-Samads Werk sticht heraus. Es ist keineswegs nur eine weitere Biographie, geschweige denn eine auf das Religiöse fokussierte Abhandlung. Es ist vielmehr eine biographische Skizze in Form eines Psychogramms. Geschrieben in einer historisch-kritischen Lesart. Wer war der Mensch Mohammed wirklich? Wer oder was übte wann welchen Einfluss auf ihn aus? Wie tickte der Mann, der eine Offenbarung hatte, eine neue Religion begründete und dieser mit dem Schwert auf der Arabischen Halbinsel und darüber hinaus Geltung verschaffen sollte? Soweit zur historischen Figur. Das Buch ist gleichzeitig auch eine Abrechnung, wie der Untertitel bereits ankündigt. Eine sehr persönliche und schonungslose Abrechnung Abdel-Samads mit seinem früheren Idol und vor allem eine als Weckruf zu verstehende Aufforderung an alle Muslime, Mohammed aus dem Käfig der religiösen Unantastbarkeit als Prophet herauszulösen und sich endlich mit dem zwiespältigen Menschen hinter der sakrosankt gehaltenen Fassade zu beschäftigen.

In der unkritischen Überhöhung Mohameds und der Omnipräsenz seiner Lehren in allen Bereichen des Privatlebens vieler Muslime, so Abdel-Samads Hauptthese, liegt das Kernproblem der islamischen Welt. „Das, woran die islamische Welt krankt, kann nur geheilt werden, wenn Muslime sich von den multiplen Krankheiten des Propheten lösen: Fatalismus, Zwangsstörung, Selbstüberschätzung, Paranoia, Kritikunfähigkeit sowie die Neigung zum Beleidigtsein. Fundamentalismus und Intoleranz sind nicht eine Folge der Fehlinterpretation der Texte, sondern eine Folge ihrer Überhöhung“, schreibt Abdel-Samad.

Er war ein Mensch in seiner Zeit und wie es bei Menschen eben so ist, beeinflussen und formen Sozialisation und Umfeld den Charakter. Indem so viele Gläubige Mohamed, einen Menschen des 7. Jahrhunderts, bis heute kritiklos verehren, reproduzieren sie seine Fehler immer wieder aufs Neue. Abdel-Samad nennt Mohamed einen „krankhaften Tyrannen“, einen „Narzissten“, einen „Paranoiker“ und einen „Massenmörder“, der 900 Mitglieder eines jüdischen Stammes an einem Tag ermordete. Waren Mord und Totschlag zu Mohammeds Lebzeiten nicht an der Tagesordnung und somit „normal“? Ja, aber welcher andere Kriegsherr hat schon 900 Menschen an einem Tag hinrichten lassen, war es doch allgemein übliche Praxis, Kriegsgefangene gegen Lösegeld freizulassen. Hier muss ein mordlüsterner Geist am Werk gewesen sein. Es sind Ausführungen wie diese, die Abdel-Samads Argumentation historisch-analytisches Tiefenfundament verleihen. Also alles propagandistisches Wasser auf die Mühlen rechter Islamhasser, wie manche Rezensenten nahelegen?
Nein, das Buch ist ein Aufruf zu einer innerislamischen Aufklärungsbewegung. (…)

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