März 31, 2017 – 4 Nisan 5777
Der Aufstieg & Fall des Haji Habib

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Was ein eingestürztes Hochhaus in Teheran mit der jüdischen Geschichte des Irans zu tun hat  

Von Anastasia Iosseliani

Liebe Ladies & Fellas,

am 19. Januar 2017 stürzte in Teheran, der iranischen Hauptstadt, das brennende Plasko-Hochhaus ein & begrub dabei zwanzig Feuerwehrleute & eine bis heute unbekannte Anzahl an Zivilisten, welche vorher noch versucht hatten, ihre Habseligkeiten aus dem brennenden Gebäude zu bringen.

Am 9. Mai 1979 wurde der iranische Geschäftsmann Habibollah Elghanian von einem Erschießungskommando hingerichtet. Er war der erste Zivilist & der erste Jude, welcher vom Regime zu Teheran hingerichtet wurde. Seine Hinrichtung war für die meisten jüdischen Iraner ein Zeichen gewesen, das Land so schnell wie möglich verlassen & sich so in Sicherheit bringen zu müssen. So schrumpfte die Gemeinde von 62.200 Nasen im Jahre 1972 auf 9.252 Personen, welche im Jahr 2006 im Iran als Juden gemeldet waren.

So wie die Hinrichtung von Habibollah Elghanian ein Zeichen für die notwendige Flucht für die Juden Irans war, so war auch der Aufstieg von „Haji Habib“, wie er von seinen Angestellten aufgrund seiner sozialen Ader genannt wurde, ein Zeichen & ein Symbol des „neuen Irans“. Der „neue Iran“ der Pahlavis streifte die islamische Identität & den Feudalismus, welche während der Safaviden- & Kadscharen-Dynastie das Land im Würgegriff hatten, langsam ab wie einen alten, zerlumpten Tschador & ersetzte diese Identität durch einen monarchistischen, multikulturellen Nationalismus, der versuchte, so bunt wie ein Kelim zu sein.

Dieser neue Iran konnte es sich nicht erlauben, weiterhin Menschen nur aufgrund ihres Glaubens oder ihres Geschlechts zu diskriminieren. Diese „Modernisierung von oben“ schmeckte dem schiitischen Klerus gar nicht, denn dieser Klerus sah seine Felle davonschwimmen. Da ein direkter Angriff auf den Schah & die Pahlavis Selbstmord gewesen wäre, übten die Geistlichen verbale Angriffe auf die Symbole des neuen Iran aus, in dem unter anderem Hossein Amanat (Der Architekt des Borj E-Azadi & ein Bahai) & Habibollah Elghanian konstant verunglimpft wurden & der Kontakt mit diesen Menschen per Fatwa hätte unterbunden werden sollen.

Dies klappte nicht & unter den Pahlavis erlebten die Minderheiten des Iran inklusive der Juden so etwas wie ein „Goldenes Zeitalter“, was dazu führte, dass der schiitische Klerus noch mehr tobte als Habib Elghanian, der Jude, das damals höchste Gebäude des Iran, das Plasko-Hochhaus, bauen ließ. Ein Jude, der das höchste Gebäude des Iran besitzt, war für die Ayatollahs Mahmoud Taleghani & Khomeini ein unerhörtes Sakrileg. Ein weiterer Grund, um den Juden „Habib Hajji“ noch mehr zu hassen, als sie es ohnehin schon taten.

Denn Habibollah Elghanian, Habib Sabet & Hossein Amanat symbolisierten als Mitglieder der neuen Mittel- & Oberschicht all das, was dem schiitischen Klerus verhasst war: Eine gebildete, wohlhabende Bevölkerung in einem sich immer mehr säkularisierenden Staat, welcher gute Beziehungen zu Israel & den Vereinigten Staaten von Amerika pflegte & ein Schwellenland mit guten Aussichten war. Der schiitische Klerus ahnte, dass er so immer unbedeutender werden würde & sah deshalb schon einen Schuldigen unter all den Minderheiten, welche besagter Klerus jahrhundertelang unterdrückt hatte: die Juden.

Das Symbol dieser verhassten Juden war im Iran das Gesicht von Habibollah Elghanian, dem erfolgreichen Geschäftsmann & Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, welcher sogar dem Schah die Hand geben durfte. Für all diese Kränkungen & Sakrilege, welche in den Augen des schiitischen Klerus begangen worden waren, mussten diese Minderheiten 1979 nach der Islamischen Revolution büßen, allen voran Habib Elghanian, welcher aufgrund seines Patriotismus im Iran geblieben war. Seine Fabriken & sein Teheran überragendes Hochhaus wurden enteignet & von den „Basiji E-Mostafazin“ in Besitz genommen. „Haji Habib“ selber wurde nach einem zwanzigminütigen Prozess wegen diverser angeblicher Verbrechen, darunter so bizarrer Anschuldigungen wie „Korruption auf Erden“, am 9. Mai 1979 hingerichtet.

Da das Plasko-Gebäude nicht mehr steht & so eines der Symbole des Pahlavi-Irans nicht mehr existiert, soll dieser Text an jene Zeit erinnern, in der Minderheiten im Iran keine Menschen zweiter Klasse waren & in der aus Teheran nicht regelmäßig Drohungen zu hören waren & in der die Regierung des Iran nicht einer der Hauptsponsoren des Terrorismus gegen jüdische Einrichtungen gewesen ist.

Die Autorin schreibt und veröffentlicht auf dem Blog www.pinkkoshernostra.org

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