Juni 1, 2017 – 7 Sivan 5777
Der Antisemitismus der Bildungs-Elite

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Von 15 Teilnehmern der Wannseekonferenz waren 8 promoviert  

Von Dr. Joseph Heid

Bücher über den Holocaust füllen ganze Bibliotheken. Was soll es da noch Neues, Unentdecktes oder Unerforschtes geben, da doch Saul Friedländer und Raul Hilberg in ihren grandiosen Grundlagenwerken (Das Dritte Reich und die Juden; Die Vernichtung der europäischen Juden) bereits vor Jahren die europäische Dimension in den Blick genommen und wenige Fragen offengelassen haben?

Der Mord an den europäischen Juden in den 1930er und 40er Jahren war ein globales Großprojekt, an dem sich auch Staaten ohne unmittelbare deutsche Täterschaft eigenverantwortlich und mit ganz unterschiedlichen Motiven beteiligten. Das zeigt Christian Gerlach gründlich auf. Als Ergebnis aus der historiographischen Fülle ragt seine Gesamtgeschichte des Holocaust heraus. Er gibt einen Überblick, in dem zwar die antijüdischen Maßnahmen der Nazis das zentrale Element bilden, in dem aber zugleich die außerdeutsche Welt sowie die gesellschaftlichen Einstellungen, die Reaktionen und das Schicksal auch der nichtjüdischen Opfer einen untrennbaren Bestandteil der sich entfaltenden totalitären Katastrophe bilden.

Gerlachs Studie geht von der Prämisse aus, dass wir moderne Massengewalt als multikausalen, partizipatorischen Prozess begreifen sollten, der unterschiedliche Gruppen zu Opfern gemacht hat.

Die Mordhandlungen vollzogen sich in sämtlichen besetzten und mit Deutschland verbündeten Ländern gleichzeitig. Gerlach rückte sie in einen großen internationalen Kontext. Für ihn gibt es Gründe, „etwas mehr über die nichtjüdischen Opfer“ zu sprechen und die jüdischen Opfer „nicht ständig ins Zentrum“ zu stellen, wenn man über deutsche Gewalt spricht. Dabei will er erklärtermaßen nicht so „avantgardistisch“ sein, dies zum „übergreifenden Strukturprinzip“ zu erheben. Kurz: Er sucht nach Verbindungen zu anderen Verfolgungen und gemeinsamen Kontexten der Gewalt gegen Juden und anderen Gruppen. Gerlach bietet eigenem Selbstverständnis nach vergleichende Perspektiven, geht jedoch über den nicht ungewöhnlichen, aber unproduktiven Ansatz ‚Wer litt am meisten?‘ hinaus. Warum er diesen Aspekt nicht in der Titelei ausdrückt, bleibt offen.

Viele nichtdeutsche Regierungen verfolgten ihre eigene antijüdische Politik mit dezidierter Rassegesetzgebung und inszenierten Pogrome. Erst später überstieg die durch Nazideutschland verursachte Opferzahl die all der genannten Regime und Gesellschaften. Das Handeln nichtdeutscher Staaten und Gesellschaften hatte direkten Einfluss auf die Ermordung von Juden und beeinflusste auch deren Fluchtchancen entscheidend. Das Ausmaß an Kooperation staatlicher Bürokratien und Polizeikräften bei den Festnahmen, Internierungen und Deportationen von Juden ein bestimmender Faktor dafür, wie reibungslos der deutsche Vernichtungsprozess ablaufen konnte.

Je mehr Opfergruppen ins Bild kommen, desto deutlicher wird, dass ein breites Spektrum von Personen an der Gewalt beteiligt war. Wenn auch SS und Polizei die meisten Morde an Juden begingen, waren ebenso andere Personengruppen daran beteiligt, deren Haltungen und Interessen höchst disparat waren. Einer der Gründe, warum die Geschichte von Tätern und Opfern häufig nicht zusammenzupassen scheint, sieht Gerlach in der Methodologie: Tätergeschichte ist zumeist als politische Geschichte geschrieben worden, Opfergeschichte eher als Sozialgeschichte. Diese Diskrepanz zu überwinden, versucht Gerlach, die Geschichte von Massengewalt stärker als Geschichte sozialer Akteure zu schreiben – Massengewalt als Sozialgeschichte.

Die Judenverfolger kamen aus sämtlichen sozialen Milieus. Manche waren hochgebildet: Von den fünfzehn teilnehmenden Männern an der Wannsee-Konferenz beispielsweise war jeder zweite promoviert, zehn mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium, unter ihnen wiederum neun Juristen. Die Führer der Einsatzgruppen und Einsatzkommandos, die hunderttausende Menschen erschossen, waren ebenfalls gut ausgebildet. Zu ihnen gehörten unter anderem ein Opernsänger und ein Professor für Völkerrecht.

Allerdings stammten die SS-Offiziere in den Konzentrationslagern meist aus der unteren Mittelschicht und besaßen keine höhere Bildung. Nach Gerlachs Befund waren die jüngeren KZ-Wächter brutaler als die älteren. Und die Männer, die in rückwärtigen Wehrmachtseinheiten Gräueltaten begingen, auch Juden jagten, waren im Durchschnitt 35-40 Jahre alt, verheiratet und Familienväter. Weniger als 23 Prozent aus einer untersuchten Gruppe von Personal im KZ Auschwitz waren NSDAP-Mitglieder. Das lässt den Schluss zu, dass es anscheinend keiner besonderen ideologischen Affinität bedurfte, um zu morden. Ähnliches lässt sich über die Angehörigen der Widerstandsbewegung sagen, die das Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler ausführte. Viele von ihnen waren konservative Adelige. Einige von ihnen hatten der Gewalt gegen Juden, sowjetischen Kriegsgefangenen oder den Methoden bei der Partisanenbekämpfung zugestimmt oder daran teilgenommen oder befürworteten judenfeindliche Gesetze.

Es gab SS-Leute mit einem Hang zu theoretischen Erörterungen und philosophischen Betrachtungen, die jüdischen Gefangenen die Bedeutung und Notwendigkeit ihrer Vernichtung zu erklären suchten. Solche Männer hatten die Theorie des biologistischen Antisemitismus auf eine Ebene gehoben, die den Untergang des Judentums rechtfertigte und jedwede humanistische Gesinnung, die Juden das Menschsein absprach, vermissen ließ – ein verstörender Gedanke. (…)

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