November 4, 2015 – 22 Heshvan 5776
David Friedman – ein Weltstar am Vibraphon

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Über Deutsch-Unterricht in New York, die Musik und Berlin, die „jüdischste Stadt Deutschlands“  

Von Gerhard Haase-Hindenburg

David Friedman (72) hat mit den großen Jazzmusikern seiner Zeit gespielt und Leonard Bernstein und Yoko Ono buchten ihn für Plattenaufnahmen. In den 1980er Jahren kam er der Liebe wegen nach Berlin, wo ihn die Hochschule der Künste zum Professor berief. Seit seiner Emeritierung setzt er seine Lehrtätigkeit international fort. Für Kurse und Konzerte ist er regelmäßig zwischen Mexiko und China, zwischen Moskau, Instanbul und Lausanne unterwegs. Mit seinem Freund, dem Schauspieler und Publizisten Gerhard Haase-Hindenberg, sprach er über sein Leben.

Du bist in einer jüdischen Gegend in Roslyn/New York aufgewachsen. Wie hat dich diese Umgebung geprägt?

Als junger Mensch habe ich gedacht, die ganze Welt sei jüdisch. Mein Onkel hatte immer einen lustigen Spruch gesagt: „When you are in love, the whole world is jewish!“. An meiner Grundschule waren 90 Prozent der Schüler jüdisch, erst an der Highschool kamen dann auch Italiener und andere dazu. Da merkte man schon einen Unterschied. Es war nicht unangenehm, aber es war anders. Und ich muss zugeben, dass ich zunächst ängstlich war.

Als an deiner Schule Deutschunterricht angeboten wurde, hast du dich dafür entschieden. Wie kam das wenige Jahre nach dem Holocaust in deiner Umgebung an?

Meine Mutter war nicht dagegen, sie hat mir sogar geholfen. Sie hatte vor 1933 selbst einige Jahre in Deutschland gelebt. Aber sie war damals kurz nach dem Krieg dagegen, dass man deutsche Produkte gekauft hat. Allerdings gab es in der Nachbarschaft einige jüdische Emigranten aus Deutschland und die waren dagegen, dass ich die Sprache lerne. Eine Frau hat meine Mutter deswegen im Supermarkt angesprochen. Es war aber auch meine Deutsch-Lehrerin eine Jüdin aus Berlin und sie hat eigentlich Französisch unterrichtet. Nun also bot sie Deutsch an und drei oder vier Schüler haben Interesse bekundet und so fing es an.

Warum wolltest du eigentlich Deutsch lernen?

Ich weiß es eigentlich selbst nicht so genau. Aber ich war vom ersten Moment an von der Vorstellung fasziniert, diese Sprache zu lernen und konnte es kaum erwarten, die ganzen Bücher zu lesen, die meine Mutter im Schrank hatte.

Wann kamst du dann zum ersten Mal nach Deutschland?

Mit 18 Jahren habe ich einen Schüleraustausch gemacht, der drei Monate dauerte. Da war ich in Balingen auf der Schwäbischen Alb.

Wie empfand ein jüdischer Junge aus New York im Jahr 1962 die deutsche Provinz?

Obwohl ich mich sehr mit der Nazi-Zeit beschäftigt hatte, habe ich nie Angst vor Deutschland gehabt. Meine Mutter hatte sogar ein Exemplar von „Mein Kampf“. Ich habe versucht das zu lesen, aber das ging gar nicht. Das ist ein schreckliches Buch, da habe ich lieber die anderen Bücher gelesen wie „Fräulein Else“ von Schnitzler oder „Kleiner Mann, was nun?“ von Fallada. Die waren in der altdeutschen Schrift geschrieben und die konnte ich innerhalb von einer Woche lesen. Und auch die Vokabeln habe ich sehr schnell gelernt. Mir kam es so vor, als ob ich die schon kennen würde. An der Schule hatte ich parallel Französisch, und obgleich Deutsch von der Grammatik her eigentlich viel schwerer ist, habe ich diese Sprache eingesogen wie Muttermilch. Meine Großmutter hat immer gesagt, ich sei „eine alte Seele aus Deutschland“. Da kamen meine Vorfahren mütterlicherseits ja auch her. (…)

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