Rezension des neuen Buches von Julien Reitzenstein zu den Skelett-Forschungen im Auftrag Heinrich Himmlers  

  • Januar 11, 2019 – 5 Shevat 5779
  • Geschichte
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Von Dr. Nikoline Hansen


Gelegentlich ist es notwendig, andere Fragen zu stellen und auch bekannte historische Narrative aus einer anderen Perspektive zu betrachten, um ein von der gängigen Erzählung abweichendes, aber enger an die historische Wahrheit angenähertes Bild zu erhalten. Gerade dann, wenn die Geschichte kompliziert und unbeliebt ist, so wie das in Deutschland für die Zeit des nationalsozialistischen Unrechtsregimes der Fall ist, und daher leicht durch eingängige Schuldzuweisungen oder Exculpation in entlastenden Aussagen vor Gericht eine kollektive Deformation erleidet. Eine derart andere Betrachtungsweise hat Julien Reitzenstein mit seinem Buch „Das SS-Ahnenerbe und die ‚Straßburger Schädelsammlung‘ – Fritz Bauers letzter Fall“ jetzt vorgelegt und setzt damit eine unbequeme Tradition fort, die sich quasi durch das Denken gegen das Establishment auszeichnet. Um was geht es?

„Bruno Beger hat mit Ausnahme der Internierung und einer kurzen Untersuchungshaft nie eine Bestrafung für seine Mitgliedschaft in der SS und sein dortiges rassenideologisches Wirken erfahren. Ebenso wenig wurde er für das Erlangen von Karrierevorteilen, die einzig auf dem Missbrauch von Gefangenen beruhten – Juden und Angehörige der Roten Armee -, bestraft. Bruno Beger starb am 12. Oktober 2009 98-jährig in Königstein (Taunus) bei Frankfurt.“ Die Untersuchungshaft hatte Beger den Ermittlungen des Staatsanwalts Fritz Bauer zu verdanken, der zuvor schon die „Auschwitz-Prozesse“ ins Rollen gebracht hatte. Um so frustrierender muss es für die Ermittler gewesen sein, dass das Landgericht Frankfurt die verbliebene Reststrafe Begers am 13. Mai 1974 zur Bewährung aussetzte. Das Verfahren hatte nach den Prinzipien des Rechtsstaates im Zweifel für den Angeklagten entschieden – eine federführende Beteiligung an der Ermordung der wohl für eine Schädelsammlung vorgesehenen Menschen ließ sich damals nicht zweifelsfrei nachweisen. Dass Beger nach der durch Julien Reitzenstein akribisch dokumentierten Aktenlage sehr viel stärker mit dem SS-Ahnenerbe und der Straßburger Schädelsammlung verbunden war, als es der Prozess damals beweisen konnte, erschließt sich aus den im vorliegenden Buch angeführten Dokumenten und dargestellten Zusammenhängen, wobei auch die psychologischen Aspekte der Motivation von Zeugenaussagen in die Betrachtungen einfließen.

Julien Reitzenstein ist promovierter Historiker mit den Forschungsschwerpunkten der Geschichte der SS, insbesondere des „Ahnenerbes“ sowie der Wirtschafts-, Wissenschafts- und Technikgeschichte. Er betreibt Provenienzforschung 1933-1945 sowie 1945-1949 und hat sich darüber hinaus weiter zum Forensischen Historiker spezialisiert – ein Fachgebiet, zu dem neben den Geschichtswissenschaften die Forensik und die Rechtswissenschaften gehören.

Die Wissenschaft soll der Ideologie folgen
Das vorliegende Buch ist unkonventionell aufgebaut und daher auch nicht eingängig als Ganzes zu lesen, zeichnet sich aber auch in den – wie dem Vorwort zu entnehmen ist gewollten – Wiederholungen durch genaue Aufarbeitung und konsequente Betrachtung der gewählten Perspektiven aus. Wem derartiges eine Zumutung erscheint, dem sei empfohlen, mit dem chronologischen Ablauf am Ende zu beginnen. Hier fallen Dinge zusammen – oder auseinander, wenn man anhand der einzelnen geschilderten Abläufe zu der Erkenntnis gelangen kann, dass auch bei den Nationalsozialisten nicht alles geordnet verlief, sondern man eigentlich eher den Eindruck gewinnen muss, dass es sich bei der „Forschungsstelle Ahnenerbe“ um chaotische Versuche handelte, ideologisch motivierte Ideen wissenschaftlich zu belegen. So fehlt es mal an einem gültigen Reisepass oder überhaupt an koordinierter Planung, was die Präparation der Leichen der „Häftlinge“ betraf, der zur Untermauerung rassistischer Thesen ausgewählten Menschen, die im Sommer 1943 aus Auschwitz hatten beschafft werden können, um dann in Natzweiler doch vorschnell in einer eilends für diesen Zweck gefertigten Kammer vergast zu werden. (…)

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