Juden übernehmen christliche Fehlvorstellungen  

Januar 4, 2016 – 23 Tevet 5776
Das neue Logo des israelischen Oberrabbinats

Von Patrick Casiano

Selbst die religiöse Elite ist nicht vor alten Fehlvorstellungen auf religiösem Gebiet gefeit. Besonders nicht wenn es sich um eine sehr unbewusste Sache handelt die wenig Aufsehen erregt. Bisher waren die beiden Bundestafeln, die das Zentrum des Logos des israelischen Oberrabbinates einnehmen, an ihren oberen Enden bogenförmig abgerundet, so wie es vermutlich international der weit verbreiteten Standardvorstellung entspricht.

JedochnehmenKunsthistoriker an, dasssich der Ursprung für diese Vorstellung in christlichen bildlichen Darstellungen des Mittelalters findet. Jüdische Quellen beschreiben die Bundestafeln hingegen als quadratisch (Babylonischer Talmud, BavaBatra, 14a). Nachdem sich diesbezügliche Beschwerden in den letzten Jahren häuften, entschloss sich das israelische Oberrabbinat erst kürzlich endlich zur Änderung ihres Logos, das nun quadratische Bundestafeln im Zentrum hat.

Das Thema der christlichen Fehlvorstellungen bezüglich jüdischer Themen ist jedoch noch weit umfangreicher.Von besonderem Interesse ist es, dass auch Juden geringerer religiöser Bildung diese Vorstellungen verinnerlicht haben. Diese Fehler sind verschiedener Art. So sind manche zum Beispiel dogmatisch und andere sprachlich.
Das Christentum hat stellvertretend für die Juden entschieden, dass diese an „das Alte Testament“ glauben. Dies führt dazu, dass einige Juden die auf religiösem Gebiet eher Laien sind, die gesamte autoritative rabbinische Tradition (Mischna, Talmud, etc.) als unbedeutend (oder zumindest nur als zweitrangig) ansehen.

Weiterhin erhob das Christentum innerhalb des „Alten Testaments“ die „Zehn Gebote“ zum absoluten Mittelpunkt, der alle anderen Gebote in seinem Schatten verschwinden lässt. Somit mag ein Jude fälschlicherweise meinenmit diesen wenigen Punkten seinem Judentum gerecht zu werden. Im Judentum kommt den „Zehn Geboten“ jedoch nur eine sehr geringe Besonderheit zu, die sie von den anderen Geboten abheben würde. Ihr Status entspricht größtenteils dem aller anderen Gebote.

Zusätzlich wurden diese „Zehn Gebote“ durch sprachliches Missverstehen der christlichen Bibelübersetzungen auch noch entstellt. Wie häufig hat man schon Einwände gehört wie „Was ist schon Arbeit daran, auf die Fernbedienung zu drücken?“ oder ähnliches?Wohingegen dem Grad körperlicher Anstrengung keinerlei Relevanz in der Arbeitsdefinition des hebräischen Originaltextes zukommt.

Die Nacktheit von Adam und Eva im Garten Eden (in der Bibel vollkommen unbelastet) findet sich heute (in den Schmutz gezogen) in vielen Bildern und Filmen (selbst in Werbung) wieder. Bei gleicher Gelegenheit findet zumeist auch der „Apfel“ eine Darstellung.Laut biblischem Text handelte es sich hingegen nur um eine nicht näher bezeichnete Frucht und die rabbinische Tradition identifiziert diese verschiedenartig (vgl. z.B. Babylonischer Talmud, Brachot, 40a), jedoch keinesfalls als Apfel.

Viele jüdische Ehefrauen versäumen es leider jeden Monat in die Mikwe zu gehen. In manchen Fällen liegt dies darin begründet, dass sie sich als Frau beleidigt fühlen als „unrein“ zu gelten. Aber dies ist keinesfalls die Sprache der Bibel oder anderer jüdischer Quellen. Das deutsche Wort „un-rein“ (engl. im-pure) weist bereits auf eine konzeptionelle Unfähigkeit hin den Begriff zu verstehen. So als gäbe es für das Gegenteil des Adjektivs „groß“ nur die Bezeichnung „un-groß“ und nicht etwa das eigene Wort „klein“. Sollte eine Frau gemäß dem deutschen Verständnis des Wortes wirklich „unrein“ sein, dann verunreinigt eine Thora-Rolle, der heiligste Gegenstand, der in Abwesenheit des Tempels existiert, auch einen Menschen. Ja, eine Thora-Rolle „verunreinigt“ demgemäß einen Menschen, denn dasselbe hebräische Wort wird auch hierfür verwendet (vgl. Mischna, Jadajim, Kapitel 3). Ist dies wirklich möglich? Wohl eher liegt in unserer deutschen Sprache eine Einschränkung vor, das hier beschriebene Konzept nicht fassen zu können. Ebenso wie eine Frau sich nicht herabgewürdigt fühlen muss, so darf sie auch nicht denken, das Untertauchen in der Mikwe durch eine Dusche ersetzen zu können. Beides entspringt demselben Verständnisfehler. Für die Mikwe gibt es keinerlei Ersatz. (...)

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