September 9, 2016 – 6 Elul 5776
Das jüdische Erbe in der marokkanischen Verfassung

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Marokko ist das vielleicht einzige arabische Land, das ein Wachstum der jüdischen Gemeinde verzeichnet.  

  • September 9, 2016 – 6 Elul 5776
  • Politik, Welt
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Die JÜDISCHE RUNDSCHAU traf in Marrakesch (Marokko) die Geschichtswissenschaftlerin und Cambridge-Absolventin Kati Roumani, Mitarbeiterin der dortigen Synagogengemeinde, zu einem Gespräch über die Situation der Juden vor Ort.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie kommt es, dass Deine Muttersprache Englisch ist? Bist du in Marokko geboren?

Kati Roumani: Ich bin in London geboren und aufgewachsen. Ich bin eine sephardische Jüdin. Vor acht Jahren kam ich nach Marokko – zuerst nur als Besucherin (ich arbeitete damals für den sephardischen Großrabbiner von Großbritannien, der seinen Sitz in London hat – seine Gemeinde hat offizielle Verbindungen mit dem Botschafter von Marokko und wir haben ein Seminar für marokkanische Regierungsvertreter in London veranstaltet. Im Zuge dessen hat mich dann jemand nach Marokko eingeladen!). Kurz darauf kehrte ich zurück, um einen marokkanischen Juden zu heiraten.

Welche Funktion hast Du in der jüdischen Gemeinde von Marrakesch?

Ich arbeite als Teilzeit-Angestellte der jüdischen Gemeinde mit den Touristen, die die Lazama-Synagoge in der Mellah (dem historischen Viertel) besuchen. Außerdem arbeite ich freiberuflich für die High Atlas Foundation, einer Entwicklungshilfeorganisation mit Sitz in Marrakesch.

Wieviele Mitglieder hat die jüdische Gemeinde von Marrakesch heute?

Die Schätzungen schwanken – 80 sind offiziell registriert, aber es sind vielleicht etwa 600 Juden, die in Marrakesch leben. Die Zahl der Juden in Marrakesch wächst momentan und die meisten der neuen Juden sind jünger als die „offizielle“ Gemeinde, wobei sie weniger „traditionell“ sind.

Gibt es familiäre Verbindungen nach Frankreich, Israel oder Amerika?

Ich würde sagen, dass die meisten marrokanischen Juden seit zwei Generationen Verbindungen zu Verwandten in Frankreich, Kanada (eher als in den USA, wo nur eine kleine marrokanisch-jüdische Gemeinschaft lebt) und Israel. Mittlerweile leben hier auch eine Menge Juden, die keine marokkanischen Wurzeln haben, vor allem solche aus den USA und Europa.

Reisen die marokkanischen Juden viel in diese Länder?

Ja, sehr häufig und regelmäßig.

Wie sieht das Gemeindeleben in Marrakesch aus? Wie oft gibt es Gottesdienste?

Der Hauptsitz der jüdischen Gemeinde von Marroko ist in Casablanca. Außerdem gibt es Regionalpräsidenten in sechs Städten, die wiederum eigene lebendige Gemeinden haben. Es gibt zwei größere Synagogen – eine in der Stadt Bet-El (gehört dem Präsidenten, Herrn Jacky Kadoch) und diese, die Lazama-Synagoge. In Bet-El gibt es wöchentliche Schabbat-Gottesdienste und an anderen Feiertagen und hier in Lamaza, gibt es einen an jedem Morgen im ganzen Jahr.

Welcher jüdische Friedhof wird noch genutzt?

Der Miara-Friedhof von 1590, ganz in der Nähe von der Lazama-Synagoge.

Gibt es jüdische Schulen in Marrakesch?

Nicht in Marrakesch. Es gibt jüdische Schulen in Casablanca. Hier in Marrakesch gehen jüdische Kinder (genau wie christliche Kinder) normalerweise auf eine dieser privaten, säkularen Schulen (marokkanischen, französischen, britischen oder amerikanischen).

Fühlst Du Dich in Marokko wohl und sicher? Gibt es Gemeindemitglieder, die auswandern oder daran denken?

Zweimal „ja“. Es gibt aber auch Juden, von denen ich wie, die gerade hierherziehen wollen.

Gibt es nicht-jüdische Marokkaner, die sich für die jüdische Gemeinde interessieren, für ihre Geschichte und die Synagogen?

Ja – und diese gegenseitige Anerkennung und das Interesse füreinander, das man sowohl im persönlichen Umgang als auch in den Medien spürt, wurde durch die neue marokkanische Verfassung von 2011 noch einmal bestärkt. Diese listet alle Kulturen auf, die in Marokko existiert haben oder noch immer existieren (darunter auch die jüdische) und betont die Wichtigkeit dieses Erbe zu erhalten.

Liebe Kati Roumani, danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte Martin Jehle.

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