Februar 7, 2019 – 2 Adar I 5779
Das Goldene Kalb als Chance

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Zu den Wochenabschnitten der Thora, die im Monat Februar gelesen werden.  

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Es ist eine sehr große Veränderung, die wir in den vier Februar-Wochenabschnitten „Mischpatim“ („Gesetze“), „Truma“ („Hebopfer“), „Tetzawe („Du sollst befehlen“) und „Ki Tisa“ („Wenn du erhebst“) erleben. Wenn es im 1. Buch der Thora „Bereschit“ und in der ersten Hälfte des Buches „Schemot“ noch viele Geschichten und Erzählungen zu lesen gab, so bekommen wir es in der zweiten Hälfte des Buches mit vielen Gesetzen und Geboten zu tun.

Jedoch auch hier bleibt uns eine lehrreiche Geschichte nicht erspart: am letzten Schabbat im Februar werden wir im Wochenabschnitt „Ki Tisa“ eine bekannte und ziemlich traurige Geschichte um das Goldene Kalb lesen. Aber auch bei den anderen Parschijot finden wir viele spannende Ideen.

„Erwarb sich einen Sklaven – erwarb sich einen Herrn“

Völlig unerwartet beginnt das Paraschat „Mischpatim“ mit den Gesetzen…von den jüdischen Sklaven! Nachdem wir im vorigen Wochenabschnitt „Jitro“ die atemberaubenden und einmaligen Ereignisse um die Thora-Übergabe auf dem Berg Sinai erlebt haben, hätten wir nun eigentlich etwas Spirituelleres erwarten können. Dies hätten komplizierte Gesetze über Tfillin, „Schma Israel…“ oder eventuell das Tauchbad „Mikwe“ sein können. Warum aber hat G’tt ein anscheinend so „unattraktives“ Thema wie die Sklaverei gewählt?

Unsere Weisen geben uns interessante Ideen zu diesem Thema: Eine davon ist, dass wenn man diese Gesetze ein wenig aufmerksamer betrachtet, man absolut sicher zu der Erkenntnis kommen wird, dass die Thora von G’tt gegeben wurde – und nicht von einem Menschen!

Denn diese Gesetze sind sogar für unsere Zeit so revolutionär, dass kein Mensch darauf kommen würde!

Sogar in dem Fall, dass ein Jude in die Sklaverei bei einem anderem Juden geraten ist, reglementiert die Thora das Maß seiner Versklavung sehr streng. Erstens, darf ein Jude nicht für länger als sechs Jahre in die Sklaverei verkauft werden. Nach Ablauf dieser Frist ist sein Herr verpflichtet, dem Sklaven die Freiheit zurückzugeben. Und wenn während dieser Zeit das fünfzigste Jahr „Jowel“ vorkommt, so endet die Sklaverei in diesem Jahr automatisch.

Schon das Verhältnis zwischen dem Sklaven und dem Herrn deutet darauf hin, dass der jüdische Sklave kein echter Sklave ist, und sein Herr nicht der echte Herr ist. Die Sklaverei ist nicht nur zeitlich beschränkt, sondern auch beim Maß der Macht des Herrn über dem Sklaven. Unsere Weisen sagen: „Wer sich den Sklaven erworben hat, hat sich den Herrn erworben“. Der Herr ist verpflichtet, dem Sklaven von denselben Speisen zu geben, die er selbst isst, und er soll sich außerdem um die Familie des Sklaven sorgen! Der Sklave darf sogar nicht mit jeder Arbeit beauftragt werden!

Jedoch ist der merkwürdigste Teil dieses Gesetzes ohne Zweifel die Forderung, dem Sklaven nach Ablauf der Frist seiner Arbeit „mit allem zu belohnen, womit G‘tt (den Herrn) belohnt hat“. So wird ein Jude, der wegen Armut in die Sklaverei muss, sechs Jahre lang zusammen mit seiner Familie vollständig versorgt, und nach sechs Jahren bekommt er bei der „Befreiung“ noch reichlich Mittel, um ein neues Leben zu beginnen!

Sogar in unserer, in diesem Bereich sehr fortgeschrittenen Zeit kann man von solcher Wohlfahrt nur träumen.

„Wohnung“ für G’tt

Das Spannendste am Wochenabschnitt „Truma“ ist nicht der Inhalt, sondern vielmehr mehr die Tatsache, wo genau dieser Abschnitt vorkommt. Dieser und der nächste Wochenabschnitt „Tetzawe“ stehen nämlich scheinbar „nicht auf ihrem Platz“!

Denn das Paraschat „Ki Tisa“, die erst danach kommt, beinhaltet den Vorfall mit dem Goldenen Kalb. Und das Gebot Mischkan (Heiligtum) zu bauen – das Hauptthema in „Truma“ – wurde erst 80 Tage nach dem Vorfall mit dem Goldenen Kalb von G’tt geboten!

Warum kommen dann die Wochenabschnitte „Truma“ und „Tetzawe“ noch vor „Ki Tisa“? Viele unserer Weisen beschäftigen sich mit dieser Frage und geben darauf viele interessante Antworten.

Eine wichtige Idee davon ist, dass G’tt eine „Wohnung“ in dieser Welt haben möchte. Und wie macht man eine Wohnung für G’tt? Vor allem dadurch, dass man die Thora lernt (das Thema vom Wochenabschnitt „Itro“) und die Gebote praktiziert (das Thema vom Wochenabschnitt „Mischpatim“). Damit sind sowohl das Thora als auch die Gebote die Mittel zum Zweck: die G’ttliche Präsenz in diese materielle Welt zu bringen und diese Welt zu heiligen.

Der Glaube braucht die Tat

Und gerade der Mischkan – das Heiligtum, das im Wochenabschnitt „Truma“ geboten ist – zeigt dieses wichtige Prinzip unserer Religion: nicht nur ein Gegenstand (Thora-Rolle, Tfillin, Mezuza), nicht nur die Zeit (Schabbat, Jom Tov), sondern auch ein Ort kann heilig sein! Und das wohl Wichtigste ist, dass allein die gute Absicht „im Herzen“ ein guter Jude sein zu wollen, nicht ausreicht. Es muss ganz praktisch gemacht werden, mit einfachen irdischen Materialien (Holz, Kupfer, Silber, Gold).

Die wunderbare Herstellung der Menora

Eines der bekannteren Geräte, die im Mischkan, und später im Tempel standen, war der berühmte siebenarmige goldene Leuchter – die Menora. Auch wenn Mosche der größte Prophet aller Zeiten war, so berichten unsere Weisen, dass die Herstellung der Menora für ihn eine ziemliche Herausforderung war.

In Midrasch Raba wird darüber eine spannende Geschichte erzählt: G‘tt hat Mosche den Aufbau der Menora zuerst ausführlich erklärt und zeigte ihm dann sogar noch ein Bild davon. Jedoch hat das alles nichts geholfen – unser großer Lehrer konnte es trotzdem nicht nachvollziehen.

Dann befahl G‘tt Mosche ein ganzes Goldstück zu nehmen und es ins Feuer werfen. Mosche tat wie ihm geheißen und die Menora kam aus dem Feuer – ganz von alleine gefertigt!

Unsere Weisen fragen eine offensichtliche Frage: wenn G‘tt von vorneherein wusste, dass Mosche nicht fähig sein würde, die Menora selbst herzustellen – warum versuche Er dann immer wieder es Mosche zu erklären?

Rav Mosche Solovejtschik (Zürich) gibt eine faszinierende Antwort darauf: ja, G‘tt wusste, dass für Mosche diese Aufgabe ohne Seine Hilfe nicht zu bewältigen war. Jedoch war es für G‘tt wichtig, dass Mosche wenigstens versucht die Menora herzustellen. Erst wenn sich Mosche Mühe gegeben hatte und wirklich alles versucht hatte, erst dann kam G“tt und fertigte die Menora.

Das, so Rav Solovejtschik, gilt auch für uns: manchmal scheint uns, dass die Aufgabe, die wir vor uns haben, unmöglich zu schaffen ist. Jedoch sollen wir nie aufgeben – wir müssen mindestens versuchen diese Aufgabe zu bewältigen. Und dann kommt G‘tt und mit Seiner Hilfe kann man auch das erreichen, was unsere Möglichkeiten eigentlich übersteigt. (…)

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