November 3, 2016 – 2 Heshvan 5777
Das Diamanten-Schtetl

image

Im belgischen Antwerpen gibt es eines der ganz wenigen jüdisch-orthodoxen Viertel Europas  

Von Michael Groys

Welche Orte auf der Welt kommen einem als erstes in den Sinn, wenn man an chassidische Männer in schwarzen Kaftans, Gehröcken und mit Schläfenlocken denkt? Vermutlich ist es das berühmt-berüchtigte ultraorthodoxe Viertel Mea Schearim in Jerusalem oder Boro Park in New York. Ein mancher wird sich noch an Loius de Funès‘ Meisterleistung im Film „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“ erinnern, der im jüdischen Viertel Marais von Paris spielt. Dennoch gibt es eine weitere Perle oder besser gesagt einen Diamanten in der Welt der jüdischen Orthodoxie: Es ist die belgische Stadt Antwerpen, auch bekannt als „Jerusalem des Nordens“.

Dort machen orthodoxe jüdische Männer und Frauen ein Teil des Stadtbildes aus, was eine echte Seltenheit im Europa nach der Schoah ist. Das jüdische Viertel befindet sich unweit des Hauptbahnhofes, also zentral gelegen. Dennoch lebt diese Gemeinde sehr abgeschirmt von der Außenwelt, ohne Fernsehen und Radio. Über 90 Prozent der Kinder besuchen ausschließlich jüdische Schulen. Es gibt im Viertel koschere Geschäfte, Fleischereien, jüdische Schneider und Schuster. Es ist vermutlich das letzte erhaltene Schtetl Europas, die letzte jiddische Bastion. Vor dem Holocaust lebten rund 45.000 Juden in der Stadt, heute sind es noch 15.000.

Diese Welt aus längst vergangen Tagen inmitten Europas ist bedroht. Zum einen vom steigenden Antisemitismus und islamistischen Terrorismus, zum anderen von den Verlusten im Diamantengeschäft.

Doch zunächst zur Frage, wie überhaupt Juden dort gelandet sind und was das alles mit Diamanten zu tun hat: Die Einwanderung der Juden nach Belgien fand vor allem im 16. Jahrhundert statt, nach der Vertreibung der Juden von der iberischen Halbinsel. Auf dem Gebiet des heutigen Belgiens (das erst 1830 gegründet wurde) und in den benachbarten Niederlanden gab es schon damals eine eher liberale Haltung gegenüber Minderheiten und man gewährte den Vertriebenen einen Platz. Mit den Juden kamen auch die Diamanten nach Antwerpen, denn sie nahmen all ihr Wissen zum Diamantengeschäft mit ins heutige Belgien. Die flämisch-belgische Hafenstadt entwickelte sich in den folgenden Jahrhunderten zu der Weltmetropole des Diamantenhandels, vor allem in der Pelikaanstraat, die auch als Diamantenmeile bezeichnet wird.

Bis vor einigen Jahren waren 90 % der Antwerpener Juden im Diamantengeschäft tätig! Dennoch ist die heutige Konkurrenz vor allem durch indische Schleifer so groß, dass das Viertel mit Existenzängsten und Armut konfrontiert ist. Die terroristische Bedrohung der letzten Jahre hatte die brisante Lage um das jüdische Diamantengeschäft noch zusätzlich verschlechtert. Bilder von stark bewaffneten Soldaten neben Rabbis in traditionellen chassidischen Pelzmützen sind sogar bei der eher weniger sensiblen europäischen Öffentlichkeit angekommen. Das jüdische Leben Belgiens ist gefährdet.

Was ist die Besonderheit von Antwerpen?
Trotz all der Herausforderungen sind die letzten Jahrhunderte nicht wegzudenken. Man würde es mir nicht verzeihen, wenn ich die Geschichte der Juden und der Diamanten in Antwerpen ohne die Besonderheiten der Stadt und der Belgiens erzählen würde. Es ist auch im heutigen liberalen Europa schließlich alles andere als normal einen Platz und Sicherheit für diese orthodoxen jüdischen Männer und Frauen zu gewähren.

Das Berliner Landtagsabgeordnete Fréderic Verrycken (SPD), der belgisch-jüdischer Abstammung ist, erklärt dieses Phänomen so: „Die Belgier haben sich während der deutschen Besatzung vielleicht weniger als in Frankreich und den Niederlanden schwermütige Gedanken um ihre Rolle gemacht, sondern eher praktisch geholfen, wenn es ums Überleben der verfolgten Nachbarn ging. Belgier streiten sich eigentlich immer. Es sei denn, es gibt eine Bedrohung von draußen. Dann hält das Land überkonfessionell zusammen.“

Trotz aller Herausforderungen hat die Stadt Antwerpen es über Jahrhunderte geschafft Toleranz, Akzeptanz und die Koexistenz von Juden und Nichtjuden zu gewährleisten. Laut Verrycken gäbe es zwar auch in der belgischen Gesellschaft Aversionen gegen Juden, aber dennoch: „Die jüdischen Einwohner Belgiens sind damit aber eher ein Teil der Normalität des belgischen Dauerstreits, der vor Konfessionen und Sprachen keinen Halt macht.“

Die Beziehung zwischen der Hafenstadt und den Juden wird für immer bestehen und auch im kollektiven Gedächtnis der Menschen bleiben. Das leise Summen der Schleifgeräte wird weiterhin gemischt mit chassidischen Motiven erklingen und die Steine werden die Menschen erfreuen und so manches Herz höher schlagen lassen.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben

Email This Page