März 3, 2017 – 5 Adar 5777
Das „Café Gordon“ in Neukölln

image

Ein Besuch bei einer israelischen Neugründung  

Von Ulrike Stockmann

Ich hatte das große Vergnügen, für die Jüdische Rundschau das israelische Café „Gordon“ in Berlin-Neukölln zu testen. Mitten im eher arabisch dominierten Schillerkiez, zwischen Spätis und Altberliner Kneipen, haben die Inhaber Doron Eisenberg und Nir Ivenizki eines der bislang wenigen hippen Cafés am U-Bahnhof Leinestraße eröffnet.

Wie es sich gehört, schaute ich unangemeldet und zunächst inkognito vorbei. An einem Donnerstag kurz nach 11 Uhr schlug ich im „Gordon“ auf, also zur besten Zeit für ein spätes Frühstück. Dort waren schon andere Medienvertreter in vollem Gange: Just an diesem Vormittag wurde ein Beitrag für das „Sat.1-Frühstücksfernsehen“ im Café gedreht. Der im September 2014 gegründete Laden scheint sich langsam herumgesprochen zu haben.

Am Tresen nahm Inhaber Doron meine Bestellung auf. Ich fragte ihn nach einem Frühstücks-Tipp und bekam daraufhin den „Sabih Flying Plate“ empfohlen. Dieser Teller besteht aus Pitas mit Hummus (Kichererbsenbrei), Tahini (Sesampaste), gebratenen Auberginen, Salat und Ei. Dazu bestellte ich einen Latte Macchiato. Das gesamte Angebot der Karte ist israelisch. Erhältlich ist somit ein leichtes, herzhaftes Frühstücksmenü, das auch zum Brunchen gut geeignet ist. Auf dem Speiseplan stehen neben Pita-Variationen Schakschuka (poschierte Eier in einer Sauce aus Tomaten, Zwiebeln und Chilischoten) oder Bourekas (verschiedentlich gefüllte Sandwiches).

Später verriet mir Inhaber Nir, dass das Menü in Zukunft noch ausgebaut werden soll. Es werden Gerichte aus dem weiteren Mittelmeerraum hinzukommen und künftig auch Fleisch- und Fischspeisen angeboten werden. Denn bisher ist die Speisekarte im Gordon vegetarisch und teilweise vegan. Noch dazu können die meisten Gerichte als koscher eingestuft werden. Dies sei jedoch keine Absicht, wie mir Nir versicherte: „Um offiziell als koscher gelten zu können, bräuchten wir ein Siegel. Das ist aber sehr teuer und noch dazu für uns nicht interessant.“ Für die beiden aus Tel Aviv stammenden Israelis war von Anfang an klar, dass sie eine Neuinterpretation ihrer heimatlichen Küche im „Gordon“ servieren würden: „Die israelische Küche ist schließlich unsere Heimat.“

Ich suchte mir einen Platz und begann genüsslich zu speisen. Mein Pita-Teller erwies sich als außerordentlich schmackhaft und dank Sesampaste und hervorragendem Hummus als sehr sättigend. Auch den cremigen Kaffee kann ich nur loben.

Derweil studierte ich die Einrichtung. Wie in vielen anderen Neuköllner Cafés folgt man auch im Café „Gordon“ der Devise „weniger ist mehr“. Niedrige selbstgezimmerte Tische und Hocker aus hellem Holz dominieren die spartanischen, aber gemütlichen Räumlichkeiten. Ein Hingucker ist der integrierte Mini-Plattenladen. Auf mehreren Regalen findet sich Vinyl mit elektronischer Musik. Die beiden Inhaber lernten sich ursprünglich auf einer Musikschule in Tel Aviv kennen. Später starteten beide als DJs. Eine besondere Beziehung haben sie zur Tel Aviver „Gordon Street“, wo sie auf Dachpartys erstmals auflegten. Daher erklärt sich auch der Name ihres Cafés.

Schließlich landeten beide in Berlin und gründeten 2010 ihr Plattenlabel „Legotek“, das seither Elektro und Techno vertreibt. Das Label ist die erste deutsch-israelische Plattenfirma überhaupt, mit Sitz in Tel Aviv und Berlin. Darum wird besonders der Austausch zwischen deutschen und israelischen Künstlern gefördert. Im Shop finden sich jedoch auch Platten befreundeter Labels. Doron und Nir legen bis heute selber auf, öfters auch in ihrem eigenen Laden. Ebenfalls finden anderweitige Veranstaltungen im „Gordon“ statt, seien es Lesungen im Rahmen der „Gordon Lectures“ oder Vernissagen. Aktuell prangen u. a. männliche Akte an den Wänden des Cafés.

An Neukölln und speziell dem Schillerkiez reizt die beiden Inhaber vor allem, dass es sich um einen aufstrebenden Stadtteil handelt. „Natürlich ist es auch eine Herausforderung, ausgerechnet in einem arabischen Viertel ein jüdisches Café zu eröffnen. Aber wir wollten davor nicht weglaufen“, erzählte Nir. Bisher hätten sie im Kiez auch keine schlechten Erfahrungen gesammelt, ganz im Gegenteil. Sie hätten auch arabische Gäste, darunter beispielsweise einen Marokkaner, der regelmäßig vorbeikommt, weil es im „Gordon“ im Umkreis den besten Kaffee gibt.

Gegen Mittag füllte sich das Café zusehends mit jungen Leuten, die bei Bagel, Kuchen und Kaffee an ihren Laptops arbeiteten. Nir begrüßte einen jungen Briten, den er als befreundeten DJ vorstellte. Im Allgemeinen sei das Publikum im „Gordon“ recht gemischt, erzählte er. Am Wochenende tage zum Beispiel ein Stammtisch aus lauter älteren Herren im Café, was er immer recht putzig fände.
Zum Nachtisch probierte ich noch ein leckeres Schokohörnchen, genannt Rugelach. Mit dieser Wegzehrung sowie einem Abschiedsfoto machte ich mich schließlich auf den Weg. Mit Tel Aviv im Herzen wirkte nun selbst das regnerische Berlin auf mich ein wenig freundlicher.

Adresse: Café Gordon, Allerstraße 11, 12049 Berlin (U8 Leinestraße)
Öffnungszeiten: tgl. 11-18 Uhr, bei Veranstaltungen auch länger geöffnet,
aktuelle Infos hierzu gibt es auf der Facebook-Seite:
www.facebook.com/gordon.cafe.records
Preise: Schakschuka ab 8,50 Euro, Hummus und Pitas ab 5,90 Euro
Espresso 1,90 Euro, Latte Macchiato 3,20 Euro

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben