Der unbequeme Journalist hat die Auszeichnung mehr als verdient 

Von Chaim Noll

Ein Bekannter in Bayern hatte vor zwei Jahren meine in Deutschland geborene, seit 1980 in Jerusalem lebende Kollegin Lea Fleischmann aus Anlass ihres 70. Geburtstags für das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, genannt Bundesverdienstkreuz, vorgeschlagen.

Sie bemühe sich, wie er in der Begründung seines Vorschlags schrieb, seit vierzig Jahren in ihren zahlreichen Büchern und alljährlichen Vortagsreisen um den Abbau antisemitischer Vorurteile in Deutschland und um die Verbesserung der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel.
Zuständig für den Antrag war, da Lea Fleischmann in Israel lebt, das Auswärtige Amt unter Sigmar Gabriel. Um es gleich zu sagen: Lea hat das Bundesverdienstkreuz nicht bekommen. Das, worum sie sich seit Jahrzehnten bemüht, schien den Verantwortlichen nicht verdienstvoll genug. Ihr bayerischer Leser erwägt, seinen Vorschlag zu ihrem nächsten runden Geburtstag zu wiederholen.

Die Verleihung dieses Ordens ist, soweit ich weiß, nicht mit praktischen Vorteilen verbunden, weder mit Geld noch irgendwelchen Ehrenrechten, es handelt sich um eine symbolische Handlung. Doch gerade das Symbolische macht viel Eindruck auf Außenstehende und Nachgeborene. In der Liste der bisherigen Ordensträger fand ich Filbinger, Globke und Kiesinger, Ceausescu, Mohammed el-Baradei, die in Politikerkreisen beliebte Bischöfin Margot Käßmann, sämtliche Bundespräsidenten, die ewige Bundeskanzlerin und sogar einige Juden, meist Funktionäre des von der Bundesregierung subventionierten „Zentralrats“. Auch der Karikaturist Dieter Hanitzsch, der kürzlich in der „Süddeutschen Zeitung“ eine antisemitische Karikatur veröffentlichte, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Man könnte es sich leicht machen und den ganzen Orden als Nonsens verwerfen. Doch die Liste der Ordensträger ist von Interesse, weil sie die geistige Befindlichkeit der politischen Klasse Deutschlands widerspiegelt, die ihn vergibt. Man geht – verständlicherweise – nach dem Nutzen, den die Vorgeschlagenen Deutschland gebracht haben. Er war offenbar bei dem IG-Farben-Direktor und vielfachen Aufsichtsrat Heinrich Bütefisch groß genug, dass er 1964 auf Vorschlag des Bundesverbandes der deutschen Industrie das Verdienstkreuz erhielt– später musste es ihm wieder aberkannt werden, als Protestbriefe darauf hinwiesen, Bütefisch sei im IG-Farben-Prozess wegen „Versklavung von Zwangsarbeitern“ zu sechs Jahren Haft verurteilt worden.

Bei anderen wird der Nutzen, den sie Deutschland bringen, geflissentlich übersehen. So habe ich in der Liste der Preisträger einen Namen vermisst: Henryk Broder. Hat ihn niemand anlässlich seines 70. Geburtstags vorgeschlagen? Der Nutzen, den Henryk Deutschland bringt, kann nur von Illiteraten unterschätzt werden. Er kämpft auf fast verlorenem Posten für die Erhaltung der Meinungsfreiheit in einem Klima sich verdichtender, erstickender political correctness. Wenn heute in der sterilen Atmosphäre linker Pädagogik und Humorlosigkeit ab und zu noch ein intellektueller Scherz gewagt wird, ist es weitgehend ihm zu verdanken, der die Maßstäbe kritischer Meinungsäußerung hochhält. Sie erodieren, werden verstohlen, Stück für Stück, verschoben, bis wir am Ende alle so brauchbar angepasst sind wie die Schreiber von „Zeit“ und „Spiegel“.

Welchen Eindruck würde dieses Land machen ohne Broder und die von ihm gegründete „Achse des Guten“? Den eines allmählichen Verstummens, einer schleichenden Banalisierung. Dafür, dass er es verhindert, gebührt ihm das Bundesverdienstkreuz. Ich meine das ganz ernst. Wir sind nicht immer einer Meinung gewesen, hatten unsere Auseinandersetzungen, es gab Augenblicke, da habe ich mich über ihn geärgert. Aber so soll es ja sein in einer freien Gesellschaft. Ehre, wem Ehre gebührt!

Ich hoffe, einige von seinen hunderttausenden Fans werden sich vor seinem nächsten runden Geburtstag dazu aufraffen, seine überfällige Ehrung vorzuschlagen.

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