April 11, 2016 – 3 Nisan 5776
Bürgermeisterwahl in London

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In London kämpfen der Spross einer jüdischen Aristokratenfamilie und ein gläubiger Moslem ums Bürgermeisteramt  

  • April 11, 2016 – 3 Nisan 5776
  • Politik, Welt
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Von Jerome Lombard

Goldsmith als Kandidat der Konservativen und Khan für Labour. Beide wurden in internen Vorwahlen von ihren Parteien nominiert. Im medial geführten Wahlkampf bekam man sowieso den Eindruck, es gebe überhaupt nur diese beiden Kandidaten. Wer nun aber an einen langweiligen Wahlkampf denkt, der irrt gewaltig. „Brexit“-Diskussion, interner Machtkampf bei den Konservativen,
der neue Linkskurs von Labour stellen mitsamt London-spezifischer Themen wie Wohnungsnot, Mietenexplosion in der Innenstadt und dritter Startbahn für Heathrow den inhaltlichen Rahmen.

Für reichlich politischen Sprengstoff ist gesorgt. Hinzu kommt: Die beiden Favoriten im Rennen um City Hall könnten verschiedener kaum sein. Goldsmith, Sohn einer jüdischen Aristokratenfamilie
mit Ausbildung am elitären Eton College streitet gegen Sadiq Khan, einen sich hochgearbeiteten Rechtsanwalt und Abkömmling einer pakistanischen Einwandererfamilie. „Jude“ versus Moslem.
Eton-Zögling versus Community-College-Durchboxer. Upper class gegen Working class. Die beiden Bürgermeister in spe sind es wert, einmal genauer unter die Lupe genommen zu werden.

Naturschützer aus gutem Hause
Frank Zacharias Robin „Zac“ Goldsmith will seinen Parteifreund Johnson als oberstem Londoner nachfolgen. Dass dessen Popularität nicht automatisch auf den seit 2010 für Richmond
Park im britischen Unterhaus sitzenden Goldsmith abfärbt, zeigen aktuelle Umfragen.
Einer „YouGov“-Erhebung vom Februar zufolge liegt Goldsmiths Mitbewerber
Khan mit 31 Prozent 7 Punkte vor dem charmanten 41-Jährigen, der auf 24 Prozent kommt. Aber noch ist der Drops nicht gelutscht. 32 Prozent der Befragten geben an, dass sie noch
unentschieden sind. Goldsmith entstammt einer britisch-jüdischen Familie mit Wurzeln in Deutschland. Sein Großvater, Frank Goldschmidt, wurde in Deutschland geboren, wanderte um
1900 nach England aus und heiratete eine katholische Frau aus Frankreich. Er anglisierte seinen Nachnamen, engagierte sich in den 1930er Jahren politisch für vom NS-Regime verfolgte
jüdische Flüchtlinge und wurde ein überaus erfolgreicher Unternehmer.
Am Bau des berühmten „King David“-Hotels in Jerusalem war er mit einer seiner Firmen beteiligt. In diese Fußstapfen trat auch Zacs Vater, Sir James Goldsmith, der seinen insgesamt acht
Kindern ein Milliardenerbe hinterließ. Zac begann seine Berufskarriere als Journalist bei der von seinem Onkel Edward gegründeten Umweltzeitschrift „The Ecologist“, deren Herausgeber er
von 1998 bis 2007 war. Um seinem Engagement für die Umwelt mehr Raum zu geben, trat er in die Konservative Partei ein, für die er seit 2010 im Parlament sitzt. Unter Kollegen gilt Goldsmith
als Freigeist, der sich auch mal gegen die Parteiführung stellt. So führt Goldsmith entgegen der Pläne Camerons die Kampagne gegen eine weitere Startbahn für den Londoner Flughafen
Heathrow an. Bezahlbare Mieten und ein guter Öffentlicher Nahverkehr sind Goldsmiths inhaltliche Prioritäten im Wahlkampf. Allerdings sind das auch Khans Steckenpferde.

Ist Zac Jude? Haben die Londoner etwa „nur“ die Wahl zwischen einem Juden und einem Moslem als Bürgermeister für ihre Stadt? Schaut man in die Kommentarspalten unter Artikeln zum Wahlkampf in englischen Tageszeitungen, taucht diese Frage, meist begleitet von Stereotypen und kaum versteckten Ressentiments, immer wieder auf. Die Antwort ist nein. Zacs Familie hat einen jüdischen Hintergrund, Zac selber ist nicht jüdisch, weder von Geburt noch von der religiösen Praxis
her. Diese Tatsache schützt ihn aber nicht vor antisemitischen Anschuldigungen, wie Goldsmith gegenüber der Presse erklärte: „Ich wurde von meinem Vater im Sinne einer starken Identifikation
mit dem Judentum erzogen. Aber die Wahrheit ist, dass ich bis auf meinen Namen, der ein sehr jüdischer Name ist, nicht sagen kann, dass ich in irgendeiner Form jüdisch bin.“ Vielleicht
stören sich Goldsmiths Kritiker aber auch einfach an seinem positiven Bild von Israel. „Ich bin immer ein Unterstützer Israels gewesen – kein unkritischer Unterstützer – aber ein Freund
Israels“, wie Goldsmith dem Londoner Magazin „Jewish News“ sagte. Den jüdischen Staat sieht er als „helles Licht“ in einer dunklen Region.

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