Von einer vermeintlich anti-rassistischen Organisation und ihren Verbindungen zu Israel-Hassern  

Von Stefan Frank

Mit freundlicher Genehmigung von
www.audiatur-online.ch

In den Vereinigten Staaten gibt es eine Gruppe, die sich „Black Lives Matter“ (BLM) nennt und die der Polizei vorwirft, gezielt Schwarze zu ermorden. Ein Teil ihrer Anhänger nutzt diese Stimmung, um gemeinsam mit dem Hass auf Polizisten auch den auf Israel zu schüren.

Der Sklavenhandel im Amerika des 17. bis 19. Jahrhunderts sei in den Händen von Juden gewesen, behauptete die nationalsozialistische Propaganda in den 1930er und frühen 1940er Jahren in der Absicht der Geschichtsfälschung, mithin seien die Juden die historischen Unterdrücker der Schwarzen. In anderem Gewand kehrt diese Lüge heute zurück: „Die IDF [die israelische Armee] hilft der New Yorker Polizei beim Unterdrücken und Morden schwarzer Menschen“, heißt es in einem Facebook-Eintrag der New Yorker Sektion der amerikanischen Anti-Israel-Gruppe „Students for Justice in Palestine“.

„In den letzten 48 Stunden wurden zwei schwarze Männer von der Polizei gelyncht … Wir müssen uns daran erinnern, dass viele US-Polizisten mit den #IsraeliDefenceForces trainieren. Dieselben, die den Genozid an den Schwarzen in Amerika verüben, stecken hinter dem Genozid an den Palästinensern. … Palästinensische Befreiung und schwarze Befreiung gehen Hand in Hand.“

Was hier in Wahrheit Hand in Hand geht, sind verschiedene Varianten von Paranoia, die manche gern zu einem neuen Riesenblödsinn kombinieren möchten.

Atlantas Polizei trainiert weiterhin in Israel
Die Polizisten von Atlanta, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Georgia, werden weiterhin Training in Israel erhalten, sagte Atlantas Bürgermeister Kasim Reed am 18. Juli bei einer Pressekonferenz. „Es gab die Forderung, dass ich dem Atlanta Police Department verbieten solle, mit dem israelischen Polizeidepartment zusammen zu trainieren“, so Reed. „Das werde ich nicht tun. Zufällig glaube ich, dass die israelische Polizei über eine der besten Anti-Terror-Techniken der Welt verfügt und dass unsere Polizei von dieser langjährigen Zusammenarbeit profitiert.“ Die Forderung nach Aufkündigung der Polizeizusammenarbeit mit – so wörtlich –
„Apartheid-Israel“ war von einer Gruppe erhoben worden, die sich „ALTisREADY“ nennt und die Verbindungen zu „Black Lives Matter“ (BLM) hat.

Twitter-Bewegung
BLM entstand 2013 als Twitter-Hashtag (#BlackLivesMatter), als Reaktion auf den Freispruch des Nachbarschaftswächters George Zimmerman, der 2012 den schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin erschossen hatte und Notwehr geltend machte. Obwohl Zimmerman nach der in den Medien üblichen „Rassen“-Definition ein „Hispanic“ ist und seine aus Peru stammende Mutter aussagte, die Familie sei „stolz auf ihr afro-peruanisches Erbe“, machten Journalisten aus Zimmerman einen „Weißen“ bzw. „weißen Hispanic“. Rasch wurde „Black lives matter“ zu einem Schlachtruf von Radikalen und Straßenterroristen, die sich auf die Phrase beriefen, um Molotowcocktails zu werfen, Autos anzuzünden und Geschäfte zu plündern.

BLM verbreitet die These, die amerikanische Gesellschaft sei „durchdrungen“ von einem „bösartigen, anti-schwarzen Rassismus“. Den sahen ihre Anhänger auch am Werk, als der Polizist Darell Wilson im August 2014 den jungen Kriminellen Michael Brown erschoss, nachdem dieser zunächst versucht hatte, Wilson die Dienstwaffe zu entreißen und dann mit offensichtlicher Angriffsabsicht auf ihn losgegangen war.

Wilson ist zufällig weiß; der Verbrecher – ein 150-Kilo-Mann –, den er festzunehmen versuchte, war zufällig schwarz. Daraus konstruierten Journalisten eine Story von „rassistischer Polizeigewalt“ gegen einen „unbewaffneten Schwarzen“, Kommentatoren im Internet machten daraus gar eine „Hinrichtung“. Auch der Bericht des US-Justizministeriums, der klar sagt, dass Brown nicht in den Rücken geschossen wurde, wird solche Stimmen nicht verstummen lassen.

Medieneliten begrüßen Krawalle
Nun galt es, in Ferguson, der imaginierten Hauptstadt des Rassismus, Geschäfte, Tankstellen und Autos anzuzünden; auch warteten Polizisten darauf, mit Steinen und Flaschen beworfen oder aus dem Hinterhalt beschossen zu werden. All dies diente dazu, einen „fest verwurzelten Rassismus“ herauszureißen, den die „New York Times“ bei der Polizei in Ferguson diagnostiziert hatte und dem sie wochenlang die Titelseite widmete. Im „Time Magazine“ schrieb die Journalistin Darlena Cunha unter dem Titel „Verteidigung von Krawallen“:

„Die gewalttätigen Proteste in Ferguson sind Teil der amerikanischen Erfahrung. Friedliches Protestieren ist ein Luxus, den nur diejenigen haben, die sicher in der Mainstreamkultur leben. … Krawalle sind ein notwendiger Bestandteil der Evolution der Gesellschaft. Leider leben wir nicht in einem universellen Utopia, wo die Leute die wesentlichen Menschenrechte haben, die sie einfach dadurch verdienen, dass sie existieren, und solange wir nicht an diesem Punkt sind, werden die legitime Frustration, das Leid und der Schmerz der marginalisierten Stimmen überkochen und sich in unseren Straßen ergiessen.“

BLM: Auf Lügen gebaut
„In den letzten 20 Jahren haben Amerikas Eliten fieberhaft über Polizeirassismus gesprochen, um es zu vermeiden, über schwarze Kriminalität sprechen zu müssen“, schreibt die Politik- und Gesellschaftskommentatorin Heather MacDonald in ihrem neuesten Buch „The War on Cops“ (Der Krieg gegen Polizisten). Für die Behauptung, Polizisten würden systematisch Jagd auf Schwarze machen, gibt es keinerlei Belege. Die Zahl der Weißen, die in den USA von Polizisten erschossen werden, ist doppelt so hoch wie die der Schwarzen. Dass gemessen am Bevölkerungsanteil immer noch überproportional viele Schwarze von Polizeibeamten getötet werden (sowohl im Verhältnis zu Weißen als auch zu anderen Minderheiten), hat einen Grund, aber Rassismus ist es nicht: Schwarze, die 13 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen, verüben ein Viertel aller Gewaltverbrechen und die Hälfte aller Morde. Darum haben Schwarze häufigere und oft dramatischere Aufeinandertreffen mit der Polizei.

Gleichzeitig werden Schwarze aber auch weit überproportional oft Opfer von Verbrechen, so dass die Polizei häufiger in mehrheitlich von Schwarzen bewohnte Viertel ausrücken muss, wobei es zu Auseinandersetzungen mit Kriminellen kommt, die sich der Festnahme widersetzen.

Der Zusammenbruch der schwarzen Familien (über 70 Prozent der schwarzen Kinder wachsen ohne Vater auf), hat dazu geführt, dass sich viele schwarze Jugendliche kriminellen Banden anschließen, eine Entwicklung, der die alleinerziehenden Mütter ohnmächtig gegenüberstehen. Diese Straftaten wiederum sind es, die sie in Konflikt mit der Polizei bringen – nicht der den Polizisten unterstellte „Rassismus“. Schwarze Männer im Alter zwischen 14 und 17 haben ein sechsmal so hohes Risiko, erschossen zu werden, wie ihre Altersgenossen unter den Weißen und Hispanics – weil schwarze Teenager eine zehnmal so hohe Wahrscheinlichkeit haben, einen Mord zu verüben.

Der Grund, warum die Polizisten (weiße wie schwarze) unter Einsatz ihres Lebens anrücken, ist nicht, dass sie erpicht darauf wären, Schwarze zu unterdrücken, zu schikanieren oder gar zu töten, wie das BLM-Aktivisten unterstellen; sie kommen, um die gesetzestreuen Schwarzen zu schützen und werden in der Regel von diesen gerufen.

Im Jahr 2014 wurden in den USA 6.095 Schwarze ermordet. Bei 93 Prozent aller schwarzen Mordopfer zwischen 1980 und 2008 waren die Mörder ebenfalls Schwarze, sagt die Statistik des Justizministeriums. Von diesen Toten redet BLM nie. Würde die Polizei weniger in mehrheitlich schwarzen Vierteln patrouillieren, würde die Zahl der getöteten Schwarzen nur noch weiter steigen. Die Polizei ist die einzige staatliche Einrichtung, die gesetzestreue schwarze US-Bürger vor der Gewaltkriminalität schützt. Unter dem Namen „Black Lives Matter“ („Schwarze Leben sind wichtig“) gegen Polizisten zu hetzen, ist daher besonders perfide.

Schulterschluss mit Anti-Israel-Bewegung
Kann man damit Massen mobilisieren? Ja, sehr gut, die jahrzehntelange Hetze gegen Israel ist dafür das beste Beispiel. Es kann darum nicht überraschen, dass es einen Schulterschluss zwischen BLM und der Anti-Israelbewegung gibt. BLM-Mitgründerin Patrisse Cullors ist auch Mitunterzeichnerin einer Erklärung mit dem Titel „Black for Palestine“. Darin werden „Solidarität mit dem palästinensischen Kampf um Befreiung“ und ein Ende von Israels „Besatzung Palästinas“ gefordert, dazu wird um Unterstützung für die Boykottbewegung BDS geworben.

„Wir zielen darauf, die Praktiken des gemeinsamen Kampfes gegen Kapitalismus, Kolonialismus, Imperialismus und die verschiedenen Rassismen zu schärfen, die in unsere Gesellschaft und um sie herum eingewoben sind“, heißt es in der Erklärung weiter. Im selben Geist sagt Jeremiah Wright (der ehemalige Pastor von US-Präsident Obama, der Israel als „Apartheidsstaat“ bezeichnet): „Die Jugend in Ferguson und die Jugend in Palästina haben sich vereint, um uns daran zu erinnern, dass Punkte miteinander verbunden werden müssen.“

Es gibt viele solcher Äußerungen aus den Reihen der BLM-Unterstützer. Das jüdisch-amerikanische „Moment Magazine“ zitiert einen Redebeitrag auf einer Versammlung der „Students for Justice in Palestine“ an der Universität New York:

„Das, was in Palästina passiert, und das, was in der schwarzen Community passiert, ist nicht dasselbe. Doch eine Sache, die ich in den 61 Jahren meines Lebens gelernt habe, ist: Die Systeme der Unterdrückung sind einander immer sehr ähnlich. Sie mögen optimiert, ein bisschen verbessert werden, doch das Paradigma ist dasselbe, es sieht genauso aus, es fühlt sich genauso an, es ist dasselbe.“

Ein Autor der linksradikalen Website Alternet schreibt:
„In einer beeindruckenden Demonstration der Solidarität wenden sich die Leute von Palästina und die von Ferguson einander zu, da sie ein gemeinsames System der Ungerechtigkeit, der Kontrolle und des Rassismus bekämpfen. Ich spreche über diese Verbindung aus eigener Erfahrung. Ich bin ein palästinensischer Amerikaner, der sowohl in Jerusalem als auch in Ferguson gelebt hat. Ich habe unter den rassistischen Regimes beider Städte gelebt und kenne das Gefühl der Besatzung, das beide Bevölkerungen jeden Tag erleben, aus erster Hand.“

Mehrheit der Schwarzen an der Seite Israels
Bei alldem darf man nicht aus dem Blick verlieren, dass wir hier von einer Splittergruppe sprechen. Die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung steht fest hinter Israel. Auch unter den Afro-Amerikanern hat Israel mit 44 Prozent mehr als doppelt so viele Sympathisanten wie die arabischen „Palästinenser“ (20 Prozent). Martin Luther King jr. nannte Israel 1967 einen „der großen Außenposten der Demokratie in der Welt“. In der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre demonstrierten amerikanische Schwarze und Juden Seite an Seite. 1965 nahmen Martin Luther King jr. und Abraham Joshua Heschel beide am Marsch von Selma nach Montgomery teil. Viele Afro-Amerikaner sind fromme Christen und fühlen auch eine religiöse Nähe zu den Juden und ihrem Staat. Auf der Gegenseite ist die viel kleinere Bewegung von Schwarzen, die Israel und die Juden hassen. Für sie – die meist entweder zum Islam oder zum Linksradikalismus tendieren und nicht selten Militanz bis hin zu terroristischen Aktivitäten gutheißen – stehen Figuren wie Malcolm X, Louis Farrakhan, Huey Newton oder Angela Davies, die auch von „Black Lives Matter“-Aktivisten hochgehalten werden.

Juden und BLM
Es gibt amerikanische Juden, die mit „Black Lives Matter“ sympathisieren und glauben, die Anti-Israel-Hetze werde nur von einem „radikalen Flügel“ betrieben. Zu ihnen gehört Susan Talve, die Rabbinerin einer Reformgemeinde in St. Louis. Vom Kampf gegen Rassismus über Homophobie, Transphobie, Islamophobie bis hin zu atomarem Abfall und Einsatz für „Palästinenser“ und Frieden im Nahen Osten unterstützt sie alle Steckenpferde der Linken – doch weil sie keinen Hass auf Israel artikuliert und sogar AIPAC-Mitglied ist, gilt sie innerhalb der BLM-Bewegung vielen als Todfeindin. Im Internet wurde ein Foto von Talve verbreitet, darunter stand: „Unterstützerin von Völkermord und internationaler Apartheid“.

In einem Brief, über den die Zeitung „Forward“ berichtet, schrieben ihr Mitglieder der Anti-Israel-Gruppe „Jewish Voice for Peace“: „Die Solidarität von Ferguson nach Palästina ist zu einem zentralen Stützpfeiler der Bewegung in St. Louis geworden. Denn die israelische staatliche Unterdrückung und die in den USA sind tief miteinander verbunden.“ Es sei „heuchlerisch, die eine Sache zu unterstützen, die andere aber nicht“, zitiert der „Forward“ Jeff Ordower, einen der Unterzeichner des Briefes. Mit diesem ziemlich schrägen Wer-A-sagt-muss-auch-B-sagen-Argument hoffen Anti-Israel-Aktivisten, das Wasser von BLM und anderen politischen Bewegungen, die gerade en vogue sind, auf ihre Mühlen zu leiten – und oft haben sie damit Erfolg, weil gerade die vielen Mitläufer, die sich um die Rädelsführer scharen, besonders offen für Gesinnungskontrolle und Gruppenzwang sind.

Intersectionality („Intersektionalität“), lautet das Zauberwort, das in den USA in diesem Zusammenhang immer wieder fällt. So nennen Modesoziologen das angebliche Zusammenwirken verschiedener Formen von „Diskriminierung“ und „Unterdrückung“. Rationaler betrachtet kann man wohl von Facetten ihres eigenen Wahnsystems sprechen: Radikale Linke hassen in der Regel sehr viele Leute und Dinge, und wenn sie verrückt genug sind, können sie sich einbilden, diese seien alle Teil einer gegen sie gerichteten Verschwörung.

Im Fall von BLM und „Palästina“ bedeutet Intersektionalität am Ende nichts anderes als: „Der Jude hat in allem seine Hände drin“; „Ferguson To Gaza“ ist nichts anderes als die neue Variante des Gerüchts über die Weltverschwörung der Juden.

Die Hetze gegen Israel und die gegen die (amerikanische) Polizei haben viel miteinander gemein: Beide wurzeln in einem kulturellen Phänomen, das, etwas ungenau, oft „political correctness“ genannt wird: Jener Teil der Realität, der nicht in Einklang mit den eigenen Wünschen und Welterklärungsmodellen steht, wird zwanghaft ausgeblendet. Stattdessen werden weit hergeholte und falsche Erklärungen (die aber mit der eigenen Ideologie harmonieren) bevorzugt. Wer nicht von den Problemen reden will, die es unter Amerikas Schwarzen gibt – und die Pat Moynihan (erhielt am 9. August 2000 von US-Präsident Bill Clinton die Freiheitsmedaille, die höchste zivile Auszeichnung in den USA) schon 1965 in seiner Schrift „The Negro Family: The Case For National Action“ („Moynihan-Report“) herausstellte –, der muss die Schuld stattdessen bei der Polizei und ihrem angeblichen Rassismus suchen. Wer nicht vom Judenhass der Araber reden will, der muss Israel die Schuld am arabisch-israelischen Konflikt und den von Arabern verübten Morde geben. In beiden Fällen folgt das Urteil nicht der Analyse der Tatsachen, sondern umgekehrt werden diese so verfälscht, dass sie zum (Vor-)Urteil passen.

Bis hierhin wäre es nur Stümperei oder unredliche Berichterstattung. Doch tragischerweise werden durch diese Manipulation die auserkorenen Feindbilder verstärkt und so neuer Hass geschürt, der in weitere oft tödliche Gewalt mündet. Eine ideologisch verzerrte Wahrnehmung macht sich nicht nur schuldig, Missstände zu bemänteln und die Falschen anzuprangern, sondern sie trägt selbst zu den Konflikten bei, an deren Lösung zu arbeiten sie vorgibt.

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