März 4, 2016 – 24 Adar A 5776
Beth Olam – Jüdischer Boden für immer und ewig

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In Bielefeld entsteht ein Film über den jüdischen Friedhof der Stadt  

Von André Falldorf

Es ist nur ein Stein. Ein geologisches Phänomen. Geschleift von Zeiten, die wir zwar berechnen, doch nicht ermessen können. Ein kaltes, graues Fragment erdhistorischer Transformation. Von urtümlicher Gewalt gestaltet und seit Jahrtausenden friedlich vereint mit der Umwelt, die ihn umgibt.

Der Stein fristet ein wohl eher unscheinbares Dasein, und doch prägte er vermutlich seine unmittelbare Nachbarschaft auf unverwechselbare Weise. Er spendete Schatten und bot Schutz vor Witterung und Erosion. Neben ihn wuchs Flora, gedieh Fauna, die ohne ihn ihren Standort nicht hätten behaupten können. Er war wohl der sprichwörtliche Fels in vielfach besungener Brandung. War Hindernis und Wegbereiter. Könnten wir ihm Schilderungen seines Werdeganges und seiner Wegbegleiter entlocken, es bräuchte sicher Generationen unserer Spezies, diese aufzuzeichnen und ihnen einen würdigen Rahmen zu verleihen.

Es ist nur ein Stein… Doch beschaue ich ihn nun; seine raue farblose Oberfläche schmeichelt meinen Sinnen nicht, wird unvermittelt deutlich, dass er nunmehr zu einem Träger menschlicher Erinnerung wurde, von ihren Ahnen zu erzählen. Mit der Aufgabe betraut, sie zu ehren und an sie zu denken, hebt es ihn aus der unübersichtlichen Masse seiner Artgenossen und auf ihm werden Worte lesbar. Prägungen werden deutlich und verblassen wieder im Verlauf seiner Existenz. Er beschreibt etwas, dass ich nur schwerlich greifen kann und was doch Gegenwart ausmacht und eben an diesem Ort, wo er sich nun stolz in den Himmel reckt, unumstößliches Recht bedeutet: Ewigkeitsanspruch! Ewigkeit?

Ein wahrlich großes Wort für solch einen jämmerlichen Kümmerling wie mich. Denn auch wenn mir mein Leben bedeutsam und überaus lebenswert erscheint, was umspannt es im Werdegang dieses Steins? Mobile Erreichbarkeit taktet mein Dasein: Fahrzeit, Dienstzeit, Freizeit, Mahlzeit, Hochzeit, Lebenszeit, Lehrzeit, Jahreszeit. Keine Zeit? Allzeit bereit! Allzeit? Auch am Ende? Wenn ich all diesen nichtigen Episoden „Lebewohl“ sagen muss? Und während ich noch diesen trägen Gedanken nachhänge, gewinnt meine Umwelt Kontur und gibt ihren unvergleichlichen Charakter preis: Ich bin bei den Toten und die Zeugen ihrer Lebendigkeit stürmen – nicht aufdringlich, doch alles andere als stumm – auf mich ein. Es ist nicht der „angemessene Wohnraum“, der sich aus rechtlichen Leistungsansprüchen ableitet und potentielle Mehrbedarfe antragserforderlich macht, sondern die Heimstatt einer Gemeinschaft, deren lebendige Vertreter energisch dafür einstehen, dass sie alle – ohne Unterschied – bis zum Jüngsten Tag einen Raum haben, der sie behütet und als Spur in der Sprache der Gegenwart verankert bleibt. Unkündbares Bleiberecht auf unbefristete Zeit.

Ein beachtliches Faszinosum in heutiger Zeit und sicher genau das, was wir alle unter Totenruhe verstehen, doch viele schon seit Langem nicht mehr praktizieren, auch weil ökonomische Zwänge uns „modernen“ Menschen Handlungsalternativen auferlegen. Und nicht zuletzt deshalb so „bezaubernd“, wenn ich mir diese Unsachlichkeit gestatten darf. Die Rede ist von einem gegenständlichem Phänomen, welches sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet und auf eine vielschichtige Historie zurückblickt, die mit dem Staat, der Stadt, ihren Bürgern und damit nicht zuletzt auch mit mir verwoben ist, und von dem ich dennoch absolut gar nichts weiß.

Die Rede ist von dem Friedhof der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld. Warum also weiß ich nichts darüber? Es erscheint mir rätselhaft. Halte ich mich doch manches Mal für einen relativ aufgeklärten Bürger und weiß um das Schicksal der Menschen mit jüdischem Hintergrund, welches ihnen auf diesem Boden widerfahren ist. Die Gesellschaft hat es mich gelehrt, in der Schule war diese finstere Epoche allgegenwärtig. Sie ist es noch heute und immerdar. Sie ist ewiges Sinnbild menschlichen Versagens. Der Mensch kann nicht sein ohne sie. Sie ist in sein Wesen eingeätzt und sie zu leugnen ihm unmöglich. Unmittelbar verbindlich ist ihre Forderung, im Kontext ihrer Gegenwart zu denken. Gerade in der heutigen Realität, wo sich zunehmend hysterischer Aktionismus breitmacht und ich Mitmenschen dabei beobachte, wie sie sich einer diffusen Angst überantworten. Wo der Generalverdacht erneut kultiviert und mit Frohsinn an Feindbildern gestrickt wird. Ich empfinde keine Schuld, jedoch eine bedingungslose Verpflichtung. Ich genieße das unbegreifliche Privileg, in materiellem Wohlstand und fernab bewaffneter Konflikte aufgewachsen zu sein, was mich zu einer echten Rarität auf diesem Globus macht. Warum also weiß ich nichts darüber?

Es ist ein kleiner Ort. Seine Gäste können bei klarem Wetter über die Dächer der Stadt blicken. Die Büsche an seiner Peripherie fangen nicht das permanente Rauschen ab, welches vom Verkehrslärm zu seinen Füßen entsteht. Direkt neben dem Ort des Gedenkens verläuft eine betriebsame Bundesstraße sowie die Gleisbetten der Deutschen Bahn. Schon wieder drängt sich eine Erinnerung auf. Eine deutsche Erinnerung. Von nummerierten Viehwaggons auf dem Weg nach Osten. Ich kann sie nicht festhalten, denn der Dieselmotor eines Sattelzuges drückt sich durch sie in mein Bewusstsein.

Eigentlich verläuft die Bundesstraße direkt über ihm, denn als ihre Verwirklichung sich 1968 in ihr vergegenständlichte, büßte der Friedhof etwa 1700 Quadratmeter ein. Diese wurden dem Straßenbau geopfert und sind unwiederbringlich verloren. Der aufdringliche Lärmpegel gemahnt daran. Der Friedhof am sogenannten Ostwestfalendamm ist gleichsam Zeuge seines älteren Nachbarn. Steine, die auf ihm stehen, sind dem ersten „Guten Ort“ Bielefelds entnommen. Eines Nachbarn, dessen steinwurfweit entferntes Klingelschild jedoch vor langer Zeit abmontiert wurde. Über sein Haus schoben Baumaschinen grauen Asphalt und nahmen ihm seine Stimme. Auch hier dachten die Stadtplaner Bielefelds an jeder jüdischen Kultur vorbei und ließen den alten Friedhof 1953 per Beschluss auf.
Eine entlarvende Nachkriegsignoranz, an die nirgends erinnert wird. (…)

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