Nach der eher symbolischen Demonstration muss nun gehandelt werden
  

Von Edgar Emanuel Roth

Soziale Experimente können aktuell in Berlin eine Menge mediale und politische Betriebsamkeit auslösen. Man braucht nur eine Kippa aufzusetzen, durch Berlin zu flanieren und schon wird man verprügelt. Da ein solches Experiment gefilmt wurde und Bilder mehr sagen als tausend Worte, verursachte dieses kleine Video einen veritablen Schock in der Berliner Politik- und Medienlandschaft. Mit gewalttätigem arabischen Antisemitismus im Prenzlauer Berg hatte keiner gerechnet. Das war zu viel und die jüdische Gemeinde Berlin rief nun zu einer Protestkundgebung auf.

Das wirklich spannende an solchen Veranstaltungen ist nicht das zu Erwartende. Zutiefst betroffene Redner schütten ihr Füllhorn warmer oder kämpferischer Worte über zutiefst betroffene Bürger aus, die besonders heftig an besonders markig vorgetragenen Stellen klatschen. – Nein, das wirklich spannende sind die kleinen Dinge am Rande und die Details der Ausführung. Ein Subtext, den es zu entschlüsseln gilt und der viel über den Zustand der Gesellschaft aussagt.

So bemerkte Cem Özdemir ganz richtig, dass es ein Unding sei, dass die jüdische Gemeinde sich in der Verantwortung sah, diese Veranstaltung zu organisieren. Nein, dies sei unsere Aufgabe gewesen. Wen aber meint Cem Özdemir mit „uns“? Sind es seine muslimischen Glaubensbrüder oder eher die deutsche Mehrheitsgesellschaft? In seiner rhetorisch hervorragenden Rede bedankte er sich auch bei Paul Spiegel, dem ehemaligen und 2006 verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dieser hatte sich gegen eine Diskriminierung von Muslimen eingesetzt und nun wolle er – Cem Özdemir – sich bei ihm dafür bedanken und sich dafür einsetzen, dass Juden nicht diskriminiert werden. Er sprach dies mit einer solchen Eindringlichkeit, dass man Cem Özdemir diese Forderung durchaus abnahm. Und man merkte: Die Erinnerung an den Brandanschlag von Mölln ist in der muslimischen Gemeinschaft immer noch gegenwärtig.

Aber die meisten haben vergessen, wie Deutschland einst auf diese Brandanschläge reagierte. Rund zwei Millionen Deutsche gingen 1992 auf die Straße und protestierten mit Lichterketten gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Es war eine machtvolle Antwort der Zivilgesellschaft. In Berlin versammelten sich Hunderttausende vor dem Brandenburger Tor und hörten dem damaligen Bundespräsidenten von Weizäcker zu. Deutschland machte der Welt und sich selbst klar, dass die Nazizeit sich nicht wiederholen werde.

Heute freut sich die Jüdische Gemeinde über die 2.000 Demonstranten, die den Weg mit einer Kippa auf dem Kopf in die Fasanenstraße 79 fanden. In dieser kleinen Straße sahen 2.000 Menschen schon imposant aus. Vor dem Brandenburger Tor wäre es aufgefallen, was das für eine kümmerliche Resonanz war. Berlin, eine Stadt mit 3,5 Millionen Einwohnern bringt gegen Antisemitismus gerade einmal 2.000 Personen auf die Straße. Jede Demonstration in Kandel oder Cottbus verfügt über mehr Teilnehmer.

Geht den Berlinern ihre jüdische Gemeinde am Allerwertesten vorbei? Sind die zwölf toten Weihnachtsmarktbesucher vielleicht eine Hausnummer, die es erstmal zu knacken gilt, bevor der normale Berliner Empörung zeigt? Oder ist der islamische Antisemitismus etwas, von dem die Berliner glauben, dass er nicht auf ihrem Mist gewachsen sei, da es sich um eingewanderten Judenhass handelt und sie sich deshalb auch nicht davon zu distanzieren brauchen? Vielleicht fiel den Vertretern der jüdischen Gemeinde auch einfach nur auf die Füße, dass sie in Erinnerung an das deutsche Tätervolk etwas zu lange die Augen vor der arabischen und muslimischen Judenfeindlichkeit verschlossen und im Zweifel Partei für muslimische Einwanderer ergriffen hatte? Ein einseitiges Gentlemen-Agreement aus der Hoffnung heraus, dass die muslimische Parallelgesellschaft sich im Gegenzuge ihren Hass auf Israel abgewöhnt?

Der rosa Elefant
Und so merkte man allen Rednern an, dass sie am liebsten über den deutschen Antisemitismus und die Verbrechen des Nationalsozialismus sprachen. Da kannten sie sich aus, da war kein Widerspruch zu erwarten. Auch das ungestörte Existenzrecht Israels konnten alle anwesenden Politiker, Kirchenfürsten und Prominente aus vollster Überzeugung beschwören. Aber irgendwie kam man irgendwann einfach nicht mehr um den großen rosa Elefanten im Raum herum. Lea Rosh erklärte mutig, dass jeder, der Juden bespuckt, schlägt oder bedroht, aus unserer Mitte entfernt werden müsse, ja sogar ausgewiesen gehöre. Nur Sekunden später bekam sie wohl ein schlechtes Gewissen ob ihrer kecken Forderung, die sogar Beifall geerntet hatte, sodass sie flugs hinterherschob, dass wir uns mit den nichtradikalen, mit den antiradikalen Islamisten (sic!) verbünden müssten, weil Millionen von Muslimen nicht antisemitisch seien. Und auch hier klatschten alle begeistert.

In diesem Augenblick wurde klar, dass wir uns auf einer „Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass-Veranstaltung“ befanden. Bei allem kämpferischen Pathos, den die Redner an den Tag legten, wurde klar, dass hier versucht wurde, auf zwei Hochzeiten zu tanzen. Doch es kann keine friedliche Co-Existenz zwischen etlichen tausenden eingewanderten Judenhassern und Juden geben. Beides schließt einander aus und das politische und mediale Establishment hat keine überzeugende Strategie und Antwort auf die Frage, wie dieses Problem zu lösen sei.

Und während die Politiker in Charlottenburg vor dem jüdischen Gemeindehaus ein friedliches Miteinander anmahnten, musste eine zeitgleiche jüdische Protestveranstaltung in Berlin-Neukölln (ein links und gleichzeitig konservativ-muslimisch geprägtes Viertel) nach 15 Minuten aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden.

Der neue Goliath
Und so befindet sich die jüdische Gemeinde mal wieder in der Position des Davids, während die muslimische Gemeinschaft in Deutschland zum Goliath gewachsen ist. Knapp fünf Millionen in Deutschland lebende Muslime sind keine unbedeutende Minderheit mehr. Viele von ihnen bekommen in arabisch und türkisch finanzierten Moscheen auf deutschem Boden Judenhass gepredigt. Und wenn hier nicht konsequent gegengesteuert wird, dann wird es entweder noch viele „Berlin trägt Kippa“-Veranstaltungen geben müssen oder die deutschen Juden werden sich gezwungen sehen, nach Israel auszuwandern. Frankreich, von wo aus viele französische Juden vor allem in die israelische Stadt Netanja auswandern, ist schon so weit.

Vielleicht besteht der große Irrtum in der Annahme, dass Menschen, die aus archaischen Gesellschaftsverhältnissen in die westliche Welt auswandern, automatisch kosmopolitisch werden und ihr mittelalterliches Denken ablegen. In der Realität werden alle, die hier schon länger leben, irgendwann verwundert registrieren müssen, dass diese Menschen Freiheit, Toleranz und Demokratie im Gegensatz zu Smartphones einfach nicht für sich annehmen wollen.

Hoffen wir, dass diese Kundgebung bei den verantwortlichen Politikern die Einsicht gefördert hat, dass es höchste Zeit für ein politisches Gegensteuern ist. Andernfalls bewegt sich das jüdische Leben in Deutschland auf lebensbedrohliche Zeiten zu.

Claudia Roth blieb nicht bis zum Schluss
Eine kleine Schlussbemerkung sei noch erlaubt. Eine der anwesenden Politprominenten war Claudia Roth. Die berufsempörte Bundestagsabgeordnete der Grünen gehörte nicht zu den geladenen Rednern, aber als stellvertretende Bundestagspräsidentin konnte sie sich einer solchen Veranstaltung nicht ganz entziehen. Nach 50 Minuten, also etwas mehr als der Hälfte der Zeit und noch vor der Rede ihres grünen Parteikollegen Özdemir, befand Frau Roth, dass sie jetzt genug Haltung gezeigt habe und verdünnisierte sich unauffällig.
Wenn man es böse interpretiert, dann machte Frau Roth einfach das, was alle Menschen tun, wenn sie sich auf Veranstaltungen befinden, zu denen sie nicht aus freien Stücken gekommen sind und bei denen sie nicht mit ganzem Herzen dabei sind.

Man könnte aber auch zu der Überzeugung gelangen, dass Frau Roth einfach erkannt hat, dass der Besuch einer Kundgebung, auf welcher hilflose und inkonsequente Forderungen erhoben werden, die am Kernproblem vorbeigehen, einfach nur verschwendete Zeit ist. Vielleicht ist diese Frau ja klüger als wir alle denken.

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