Ein Gespräch mit dem jüdischen Schriftsteller Walter Kaufmann über seine Flucht vor den Nazis und seine Rückkehr in das vermeintlich bessere Deutschland 

Der heute 95-jährige Schriftsteller Walter Kaufmann wurde im Berliner Scheunenviertel unter dem Namen Jitchak Schmeidler als Sohn einer ost-jüdischen Verkäuferin geboren.  Im Alter von drei Jahren adoptierte ihn eine assimilierte jüdische Rechtsanwaltsfamilie, und er wuchs in Duisburg auf. 1939 gelangte er mit einem Kindertransport nach England, später nach Australien. Seine Adoptiveltern wurden im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. In jungen Jahren ging Kaufmann zur See, arbeitete auf einer Werft und war zeitweise auch als Fotograf tätig.  Er veröffentlichte über 30 Bücher in englischer und deutscher Sprache, zuletzt „Schade, dass Du Jude bist. Autobiographische Erzählungen“ (2013, Verlag Neues Leben), „Meine Sehnsucht ist noch unterwegs. Ein Leben auf Reisen.“ (2016, Verlag Neues Leben) und „Gibt es Dich noch - Enrico Spoon? Über Menschen und Orte weltweit“ (2019, edition memoria).

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Herr Kaufmann, Sie sind 1956 mit Ihrer australischen Frau in die DDR gezogen, nachdem Sie ein Jahr zuvor die Bundesrepublik, unter anderem Ihre
Heimatstadt Duisburg, besucht hatten. War dieser Weg von persönlichen oder
lebenspraktischen Gründen getragen oder war es eine politisch-ideologische
Entscheidung für die DDR?

Kaufmann: Ursprünglich hatte ich gar nicht vor in die DDR überzusiedeln. Ich wollte Europa erleben. Australien hatte mich ja auch im Griff. Ich war von der Gewerkschaft der Seeleute, zu der ich damals gehörte, für die Weltfestspiele in Warschau 1955 delegiert worden und sollte nach der Rückkehr darüber berichten. In Warschau aber lernte ich einen Verleger aus der DDR, Bruno Peterson, kennen, der das Verlagshaus „Neues Leben“ leitete und an meinem Schreiben interessiert war. Er lud mich ein, in die DDR zu kommen, um an einem Schriftsteller-Kongress teilzunehmen, der in Ostberlin im selben Jahr stattfand. Diese
allumfassende Begegnung mit Re-Migranten, die gekommen waren – Anna Seghers, Arnold Zweig, Eduard Claudius, Willi Bredel, Bodo Uhse und andere – ein Aufgebot  von namhaften Leuten, deren Literatur ich zum Teil kannte, zum Teil auch nicht, die mich aber allesamt ungemein beeindruckten, war der Auslöser. Zudem die Tatsache, dass sie überhaupt hergekommen waren. Sie hätten ja auch alle bleiben können, wo sie waren, in Mexiko, in den USA oder wo auch immer. Da reifte in mir die Idee, selbst in die DDR zu gehen, die dann konkret wurde, als dort Bücher von mir erschienen. Das begann 1956 mit „Mosaik einer Kindheit“, ein  Buch, das mit viel Entgegenkommen aufgenommen wurde. Es kam zur Publikation anderer Bücher, was in der DDR zu leben möglich machte.

Nun komme ich zu dem anderen Teil der Frage, die Sie gestellt haben. Der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR, Eduard Claudius, selbst aus dem Ruhrgebiet, sagte mir damals: „Du kommst aus dem  Ruhrgebiet, auch dort werden gute Leute gebraucht. Überlege dir das!“. Seinem Rat folgend, bin ich in meine Heimatstadt nach Duisburg gefahren und fand die Erfahrung so kläglich, so wenig ermunternd, dass für mich nur die Alternative blieb, entweder nach Ostberlin oder zurück nach Australien.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Aber Sie hatten nicht irgendwelche prinzipiellen Sympathien für das „andere System“. Welche Rolle spielte das? 

Kaufmann: Das spielte eine ausschlaggebende Rolle. Ich wollte, wenn überhaupt nach Deutschland, nur in dieses, das rote, das linke Deutschland, wo versucht wurde, den Sozialismus  aufzubauen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: 1955 lag aber schon der 17. Juni 1953 zurück, der Arbeiter- und Volksaufstand in der DDR. Zu diesem Zeitpunkt war sichtbar geworden, dass das System mit Gewalt zusammengehalten werden muss.   

Kaufmann: Davon war damals nur ein schwaches Echo nach Australien gelangt. Wir hatten nicht den Eindruck von einem Aufstand, sondern eines heftigen  Streiks um höhere Löhne, der das System kaum erschüttern würde.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Als Sie 1955/1956 in der Entscheidungsfindung waren, wo Sie hingehen, nach Deutschland oder in Australien bleiben, war für Sie klar, dass dieser Staat aus der Geschichte heraus legitimiert ist. Dass es aber mit der eigenen Bevölkerung bereits Spannungen gab, war Ihnen nicht bewusst?

Kaufmann: Nein, das war uns  in Australien nicht bewusst und mir auch zwei Jahre später in der DDR nicht. Da schien das alles verklungen zu sein. In der DDR war von dem Aufstand kaum noch die Rede. Es  war, als hätte es ihn nie gegeben.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Als Sie 1956 in die DDR kamen, lag Ihre Emigration nach Australien 17 Jahre zurück. Spürten Sie in der DDR – gerade im Vergleich zu Australien –, dass zum Beispiel die Presse nicht frei war?

Kaufmann: Persönlich hatte ich dieses Gefühl nicht. Alles, was ich an Erfahrungen mitbrachte, wurde in der DDR unverfälscht gedruckt. Auch beeindruckte mich zu der Zeit die Kolumne „offen gesagt“ von Stefan Heym. Und ich sagte mir, wenn eine Kolumne dieser Art erscheint, bist du auf der richtigen Seite. Das kannst du auch. Stefan Heyms Sicht auf die Dinge war damals schon recht kritisch und vermittelte den Eindruck, dass es möglich ist: kritisch und zur gleichen Zeit Sozialist zu sein. Man muss auch wissen, dass zu dieser Zeit in Westdeutschland das KPD-Verbot in Gange war, nicht wenige Leute für ihre Weltanschauung verhaftet wurden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wenn man Ihre Bücher liest, bemerkt man, dass Sie sich bewusst als Jude verstehen, zum Beispiel schrieben Sie über die Reichspogromnacht: „Unser Volk, das jüdische Volk blutete.“ Nun ist ein sozialistischer Staat distanziert gegenüber Religion und betrachtet seine Bürger aus ihrer Klassenposition und nicht nach religiösen oder ethnischen Merkmalen. Haben Sie sich in den1950er Jahren in der DDR als Jude offenbart und Antisemitismus wahrgenommen?

Kaufmann: Als ich in die DDR kam, spielte es kaum eine Rolle, dass ich jüdisch war. Ich machte es aber selbst zum Thema. Die Leute, die meine Anfangsbücher lasen, konnten mich nicht anders als einen jüdischen Schriftsteller wahrnehmen. „Stefan: Mosaik einer Kindheit“ handelt von nichts anderem als dem Leben eines jüdischen Kindes in Nazi-Deutschland. Mein Roman „Stimmen im Sturm“, der in der DDR zunächst scheiterte, aber dann doch erschien, beschreibt den Widerstand in Nazi-Deutschland und zugleich auch den Alltag einer jüdischen Familie. Nicht dass die jüdische Familie im Widerstand war, aber berührt davon war sie doch. Das thematisierte ich.

Zusammengefasst: ich war ein jüdischer Emigrant in der DDR und wurde als ein solcher wahrgenommen. Man ließ es mich aber nicht spüren. Ich hatte nie das Gefühl, irgendwelchen Animositäten bei meinen Lesungen oder im Leben allgemein ausgesetzt zu sein.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: In den 1950er Jahren war die Sowjetunion positiv gegenüber Israel eingestellt, sie gehörte ja zusammen mit anderen Staaten zu den Geburtshelfern Israels in den Vereinten Nationen. Das änderte sich in den 1960er Jahren als Israel im Rahmen der Ost-West-Auseinandersetzung dem westlichen Block zugeschrieben wurde, spätestens mit dem 6-Tage-Krieg 1967 wurde das Land in der offiziellen Lesart und in den Medien als „imperialistisch“ und „Aggressor“ aus der Perspektive des Ostblocks bezeichnet und klar in der amerikanischen Ecke verortet. Welche Auswirkungen hatte das auf  Sie?

Kaufmann: Für die offizielle Wahrnehmung mag das zutreffen, auf die Medien und den Staat, aber nicht auf die allgemeine Haltung der Menschen. Die meisten waren beeindruckt von der Wehrhaftigkeit der Israelis im 6-Tage-Krieg. Den Antisemitismus im sozialistischen Lager hätten Sie schon sehr viel früher zur Sprache bringen können, nämlich in der Zeit vor Stalins Tod, als die Nachricht umging, es seien jüdische Ärzte gewesen, die Stalin umgebracht hätten. Da war mir klar, dass es in der Sowjetunion eine antisemitische Strömung geben musste. Mein Buch ist  nicht in der Sowjetunion erschienen, weil das jüdische Thema für dort viel zu prononciert war.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Aber in der DDR war das nicht so?

Kaufmann: Nein, in der DDR war nicht so! Die ursprünglichen Einwände gegen den Roman waren anderer Art.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Hat sich Ihre Stellung in der DDR ab 1967 verändert, weil sich die Wahrnehmung Israels von offizieller Seite ins Negative veränderte?

Kaufmann: Keineswegs. Ich erinnere mich an eine enorme Wahrnehmung der Wehrhaftigkeit Israels, und wie das Land mit der Bedrohung fertig wurde. Soldatentum imponiert in Deutschland, ob Ost oder West, und sie erkannten, dass die jüdische Armee schlagkräftig war, und das imponierte kolossal.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Unabhängig davon, dass die Gründe für den 6-Tage-Krieg in den DDR-Medien nur einseitig dargestellt wurden …

Kaufmann: ... das hatte im Bewusstsein der Leute wenig Gewicht. Die meisten
fanden es imponierend, wie dieses kleine Volk  sich gegen die Übermacht der arabischen Staaten behauptet hatte. Die offizielle Propaganda berührte sie wenig.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Später wollten Sie dann ein Buch über Israel schreiben. Hatte das offizielle Israel-Bild auf dieses Vorhaben negative Auswirkungen?

Kaufmann: Ganz im Gegenteil. Weil ich ein Buch über Israel durchsetzen wollte, habe ich an der höchsten Stelle in der DDR vorgesprochen, die für einen wie mich erreichbar war, nämlich die Auslandsabteilung des ZK der SED. Dort saßen Leute, die erkannten, dass ein Buch über Israel aus meiner Sicht, aus der Sicht eines Linken, unbedingt notwendig war. Der Verlag hätte das Buch niemals ohne die Befürwortung der Auslandsabteilung des ZK gedruckt. Als das Buch „Reisen ins Gelobte Land“ 1980 in 1. Auflage erschien, hatte es eine enorme Resonanz.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was hat die Auslandabteilung des ZK genau getan?

Kaufmann: Sie gab dem Verlag „grünes Licht“, und nur so wurde das Buch gedruckt.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Sie konnten als australischer Staatsbürger auch jederzeit die DDR verlassen. Haben Sie ihren australischen Pass regelmäßig in der australischen Botschaft in der DDR erneuern lassen?

Kaufmann: Ja, das geschah alle fünf Jahre. Ich hatte den australischen Pass und den grünen Fremdenpass der DDR. Der erste öffnete mir die Tore in den Westen, letzterer die ins sozialistische Ausland.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie sind Sie für die Recherchen zu ihrem Buch „Reisen ins Gelobte Land“ gereist?

Kaufmann: Ich bin vom Flughafen Tegel nach Israel geflogen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Man merkt Ihrem Israel-Buch den Geist der Zeit an, dass Sie mit der Brille der DDR bzw. der Brille der Systemauseinandersetzung nach Israel gereist und dort ihre Erkundigungen gemacht haben, zum Beispiel in Bezug auf die Rolle der Arbeiter, der Araber in der israelischen Gesellschaft, den Randständigen, den Minderheiten, den Schwächeren. Wollten Sie das ohnehin oder mussten Sie etwas mit der Zeit schwimmen?

Kaufmann: Meine Anlaufpunkte in Israel waren linken Korrespondenten, die für die Weltpresse geschrieben haben und mir gute Ratschläge geben konnten. Der Israeli Hans Lebrecht war der Mittelsmann zu einer Reihe von Erlebnissen. Schließlich aber findet man seine eigenen Wege. Ich habe ja die Fähigkeit im Ausland klarzukommen, wo auch immer und in welchen Umständen. Nachdem mir einige Tore zu bestimmten Bereichen in Israel geöffnet worden waren, fand ich viele Geschichten auf eigene Faust. Immer aber achtete ich bei allen Auslandsreisen darauf mit Leuten zusammenzukommen, die ihr Land liebten, ihre Heimat gut kannten, und mir Ratschläge geben konnten, die mich weiterbrachten. Hans Lebrecht war so einer und auch die Anwältin Felicitas Langer.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Haben Sie auch mal mit dem Gedanken gespielt nach Israel auszuwandern?

Kaufmann: In der Jugend wäre ich gerne dort hingegangen. Mich faszinierten  die Anfänge, die Kibbuzim fand ich aufregend. Es gab Schulungen in der Nähe von Berlin, an denen ich gern teilgenommen hätte. So wie eine Cousine und ein Vetter von mir – die später aber, weil ich aus der DDR kam, von mir Abstand genommen hatten. Ostdeutschland war ihnen unheimlich, auch einem Onkel von mir.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie lange haben Sie sich jeweils in Israel aufgehalten?

Kaufmann: Bei mir sind Tage wie Monate. Nach zwei bis drei Wochen bin ich so voller Erlebnisse, dass es Zeit ist, wieder zurückzukehren. Alle meine Reisen waren viel kürzer als es bei Lektüre meiner Reportagen den Anschein hat – nicht nur in Israel war das so, auch in Amerika. Keine Reise war länger als vier Wochen – nur die zum Prozess gegen Angela Davis erstreckte sich über Monate. Die Zeit war voller Höhepunkte. Sie schürte meine Aufnahmefähigkeit, hielt mich in ständiger Erregung, wie auch in Mississippi, als drei Bürgerrechtskämpfer ermordet wurden, und auch in Memphis, Tennessee, nach den tödliche Schüssen auf Martin Luther King.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Mussten Sie für Ihr Israel-Buch den fertigen Text vorlegen, autorisieren oder auf eine irgendeine andere Art freigeben lassen?

Kaufmann: Das Manuskript ging in Druck wie es geschrieben wurde – dafür sorgte ein Gutachten der Auslandsabteilung beim ZK, genauer: ein Gutachten von Arne Seifert, der später Diplomat in Kuwait wurde.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Nun war es ja so, dass der „normale“ DDR-Bürger nicht nach Israel reisen durfte, weil das Land als westliches Ausland galt. Nun hat doch das Buch in der DDR bei seinen Lesern sicher Neugier erzeugt, die – zumindest nach den damaligen Verhältnissen – keine Aussicht auf Befriedigung hatte. Mit  welcher Motivation haben Sie dann das Buch geschrieben: Sie als privilegierter, da mit westlichem Pass ausgestattet, DDR-Bürger veröffentlichen ein Buch für eine Lesegruppe, die daran gehindert ist, selbst dort hinreisen zu können. Wie sind Sie mit diesem Widerspruch umgegangen? 

Kaufmann: Damals dachte ich, dass es ein unverdientes Privileg war, so arbeiten zu können, wie ich gearbeitet habe. Ich habe mir dann aber keine weiteren Gedanken darüber gemacht, weil die Lesungen überlaufen waren, das Interesse so groß war. Ich hatte ein Fenster in die Welt geöffnet und wurde mit Fragen überschüttet.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wo haben Sie Lesungen gehalten?

Kaufmann: Überall in der DDR. In Bibliotheken, beim Kulturbund, in Ahrenshoop an der Ostsee, in Leipzig, Dresden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Hat sich der Widerspruch nicht aufgedrängt? Haben Sie sich nicht selbst gefragt: Irgendetwas stimmt doch in diesem Land nicht. Ich schreibe ein Buch über ein Land, in das meine Leser nicht reisen können.

Kaufmann: Die Zuhörer bei meinen Lesungen hatten akzeptiert, dass es einen gab, der reisen durfte und von dem wollten sie hören, wie er das erlebt hat.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Man hatte das als selbstverständlich, als einen normalen Zustand hingenommen, dass man dort nicht hinfahren kann.

Kaufmann: Ja, das hat man wohl. Es war spannend für die Leser aus erster Hand informiert zu werden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Herr Kaufmann, vielen Dank für dieses Gespräch!

Das Gespräch führe Martin Jehle

Aus dem Dritten Reich über Australien in die DDR

Ein Gespräch mit dem jüdischen Schriftsteller Walter Kaufmann über seine Flucht vor den Nazis und seine Rückkehr in das vermeintlich bessere Deutschland