Ein Gespräch über jüdisches Leben in Aserbaidschan und seine Beziehungen zu Deutschland und Israel 

Interview mit S.E. Ramin Hasanov, Botschafter der Republik Aserbaidschan in der Bundesrepublik Deutschland

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Exzellenz, wir freuen uns sehr, dass Sie uns im Rahmen unseres regionalen Südkaukasus-Schwerpunktes mit einem Gespräch beehren. Nicht landläufig bekannt ist vielen die lange Tradition des Judentums in Aserbaidschan. Wie steht es aktuell um die Situation der jüdischen Bevölkerung in der Republik Aserbaidschan?

S.E. Ramin Hasanov: Aserbaidschan ist als die Heimat verschiedener Religionen, Kulturen und Ethnien bekannt, die seit Jahrhunderten friedlich nebeneinander existieren.
Die ersten Juden ließen sich bereits vor der Entstehung des Christentums in Aserbaidschan nieder. In ihrer neuen Heimat, die von Toleranz und Multikulturalität geprägt ist, wurden die Juden nicht als Fremde wahrgenommen. Gleichzeitig haben sie die Geschichte meines Landes mitgeprägt und im gesellschaftlichen Leben aktiv mitgewirkt. Ein Beispiel: Die Juden waren im Regierungskabinett und im Parlament der Volksrepublik Aserbaidschan (1918- 1920) vertreten. Mit Yevsey Gindes hatte die damalige Republik einen jüdischen Gesundheitsminister.
Heute leben in Aserbaidschan ca. 47.000 Juden. Davon entfallen 37.000 auf die Bergjuden, die konzentriert in Baku und Guba leben. Die jüdische Gemeinde ist in das gesellschaftlich- politische und kulturelle Leben Aserbaidschans bestens integriert.
Den Schülern jüdischer Herkunft stehen heute fünf Schulen zur Verfügung. Sie werden von 1.500 Schülern besucht. Dazu kommen noch zwei jüdische Kindergärten.
Derzeit gibt es sieben aktive Synagogen in meinem Land. Zwei davon wurden 2003 und 2012 auf Kosten der aserbaidschanischen Regierung gebaut.
Unsere jüdischen Mitbürger organisieren sich in verschiedenen Vereinen und Gesellschaften und gestalten aktiv Veranstaltungen und Publikationen. Die Gemeinde verfügt außerdem über ihre eigene Presse.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Die gesicherte und anerkannte Lebenslage der Juden in einem mehrheitlich muslimisch geprägten Land ist in der Tat eine außergewöhnliche Leistung. Wirkt sich dies auch positiv auf die bilateralen Beziehungen mit Israel aus? In welchen Bereichen findet hier bereits eine enge Zusammenarbeit statt und wo sehen Sie noch Potential für die Zukunft?

S.E. Ramin Hasanov: Die aufblühende Gemeinde der Juden in Aserbaidschan sowie der nach Israel abgewanderten Juden (ca. 70.000 Personen) bilden eine besondere Brücke nach Israel und unterstützen die bilateralen Verhältnisse zwischen unseren Ländern tatkräftig. Der Staat Israel ist im Übrigen eines der ersten Länder, die die Unabhängigkeit Aserbaidschans anerkannt (25. Dezember 1991) und mit ihm diplomatische Beziehungen aufgenommen haben (6. April 1992).
Es ist erfreulich zu sehen, dass sich die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Israel in den letzten Jahren positiv entwickelt haben. Israel bleibt einer der führenden Handels- und Investitionspartner Aserbaidschans. Das bilaterale Handelsvolumen wächst stetig und betrug 2017 ca. 700 Millionen US-Dollar.
Zurzeit sind etwa 40 israelische Unternehmen in Aserbaidschan tätig. Im Rahmen der Diversifizierung der Wirtschaft Aserbaidschans investieren diese Unternehmen insbesondere in die Landwirtschaft und die Telekommunikation. Aserbaidschan bezieht aus Israel vor allem Industriegüter.
Im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit besteht jedenfalls noch ein großes Potential, das auszuschöpfen ist.
Die aus Aserbaidschan stammenden Israelis bilden auch einen nachhaltigen Schwerpunkt unter den Touristen meines Landes. Diese treuen Aserbaidschan-Besucher tragen selbstverständlich auch zur Entwicklung des Tourismusbereichs in meinem Land bei.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu besuchte den Präsidenten der Republik Aserbaidschan, Ilham Aliyev, zuletzt im Jahr 2016. Welche Impulse sind aus diesem Treffen entstanden?

S.E. Ramin Hasanov: Seit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Aserbaidschans kooperieren unsere Länder sehr gut auf bilateraler und multilateraler Ebene.
Der Aserbaidschan-Besuch des israelischen Ministerpräsidenten, Herrn Benjamin Netanjahu, gab unseren bilateralen Beziehungen natürlich einen wichtigen Impuls. Bei diesem Besuch wurden mehrere Abkommen zur Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen abgeschlossen. Es wurde zudem eine gemeinsame Kommission zwischen beiden Regierungen gegründet. Die gemeinsame Kommission wird von aserbaidschanischer Seite durch den Minister für Steuern und von israelischer Seite durch den Minister für Umwelt geleitet.
Es besteht außerdem eine gute Zusammenarbeit zwischen den Parlamenten unserer Länder. Auch die Parlamentarier haben sich in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe zusammengeschlossen. In regelmäßigen Abständen findet zudem der Austausch von hochrangigen Delegationen zwischen beiden Ländern statt. Es gibt einen intensiven politischen Dialog. Im Januar dieses Jahres trafen sich unser Staatspräsident, Herr Ilham Aliyev, und Premierminister Herr Benjamin Netanjahu im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Nun verfügt Aserbaidschan seit dem 19. Jahrhundert auch über historisch eng gewachsene Beziehungen zu Deutschland. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern fand im vergangenen Jahr ein Symposium statt, bei dem die vielfältigen Aspekte dieser Partnerschaft beleuchtet wurden. Welche Schwerpunkte planen Sie für dieses Jahr zur weiteren Förderung der deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen?

S.E. Ramin Hasanov: Aserbaidschan misst einer Zusammenarbeit mit Deutschland und der Europäischen Union eine große Bedeutung bei. Die aserbaidschanisch-deutschen Beziehungen umfassen ein breites Spektrum. Das Deutschlandbild in Aserbaidschan ist weitgehend positiv geprägt. Deutschland war ebenso eines der ersten Länder, die die Unabhängigkeit Aserbaidschans anerkannt und diplomatische Beziehungen mit ihm aufgenommen haben. Durch zahlreiche hochrangige Besuche und Begegnungen pflegen unsere Länder einen intensiven politischen Dialog.
Aserbaidschan ist heute der wichtigste Wirtschafts- und Handelspartner Deutschlands und der Europäischen Union im Südkaukasus. Der Handel zwischen unseren Ländern umfasste letztes Jahr etwa 70 % des gesamten Handelsumsatzes zwischen Deutschland und den Ländern des südlichen Kaukasus. Aserbaidschan nimmt den 7. Platz unter den Erdöllieferanten Deutschlands ein. Im Herbst 2012 wurde die Deutsch-Aserbaidschanische Außenhandelskammer als zweite ihrer Art im gesamten GUS-Raum in Baku eröffnet. Etwa 150 Unternehmen aus Deutschland sind derzeit in Aserbaidschan tätig.

Das von den schwäbischen Siedlern hinterlassene historisch-kulturelle Erbe in Aserbaidschan bildet das Fundament der deutsch-aserbaidschanischen Kulturbeziehungen. Dieses Erbe ist natürlich unsere gemeinsame Geschichte. 2017 wurde der 200. Jahrestag der Gründung der ersten deutschen Siedlungen in Aserbaidschan mit diversen Veranstaltungen in Aserbaidschan und in Deutschland feierlich begangen. Auch dieses Jahr werden Veranstaltungen zu den deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen durchgeführt und geplant. Anlässlich des 100. Jahrestags der Gründung der aserbaidschanischen Republik füllt dieses Thema überwiegend unseren diesjährigen Veranstaltungskalender.
Eine sehr enge Zusammenarbeit besteht in den Bereichen der Bildung und Wissenschaft. Das halte ich für eine gute Investition in die Zukunft der Beziehungen. Derzeit studieren etwa 1.100 Aserbaidschaner in Deutschland, die sicherlich Brückenbauer für unsere Beziehungen von morgen sein werden. Rund 23 Partnerschaften bestehen zwischen verschiedenen aserbaidschanischen und deutschen akademischen Einrichtungen. Neulich wurde das Goethe-Zentrum in Baku feierlich eröffnet. Diese Vertretung des Goethe-Instituts wird zusammen mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der schon seit vielen Jahren in Aserbaidschan vertreten ist, zu den deutsch-aserbaidschanischen Kulturbeziehungen maßgeblich beitragen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Im Bereich Energie ist Aserbaidschan ein wichtiger Partner Europas für die Versorgung mit den fossilen Rohstoffen Erdöl und Erdgas. Wie steht es aktuell um die Realisierung der Projekte des „Südlichen Gaskorridors“? Und ist eine Konkurrenz zur geplanten „East Med“-Pipeline zu erwarten, an der sich auch Israel beteiligt?

S.E. Ramin Hasanov: Wie Sie wissen, hat Aserbaidschan als erstes Land die Erdöl- und Erdgasressourcen im Kaspischen Meer für den internationalen Markt erschlossen. Der Durchbruch in diesem Prozess war selbstverständlich der Abschluss des „Jahrhundertvertrages“ von 1994 zwischen Aserbaidschan und den führenden Energiekonzernen der Welt.
Die darauffolgende erfolgreiche Energiestrategie unserer Republik, deren Gründer unser nationaler Anführer Heydar Aliyev war, hat Aserbaidschan zur führenden Wirtschaftskraft in der Region gemacht und auch zu einer ausgeprägten internationalen Kooperation beigetragen. Diese Strategie wird heute von der Regierung des Staatspräsidenten Ilham Aliyev erfolgreich und würdig fortgesetzt.
Eine wichtige Komponente dieser Strategie ist die Diversifizierung der Lieferwege. Aserbaidschan wirkt maßgeblich am Auf- und Ausbau der Energie- und Transportinfrastruktur in unserer Region mit. Die Erdölpipeline Baku-Tiflis-Ceyhan und die Erdgaspipeline Baku-Tiflis-Erzurum, welche auf Initiative Aserbaidschans hin gebaut wurden, sind die wichtigen bestehenden Leitungen für die kaspischen Energieressourcen gen Westen. Aserbaidschan ist auch Vorreiter im Projekt „Südlicher Gaskorridor“, das aus vier Komponenten besteht: dem Erdgasfeld „Schah Deniz-2“, der Südkaukasus-Pipeline, der Transanatolischen Pipeline (TANAP) und der Trans-Adriatischen Pipeline (TAP). Die ersten drei Komponenten sind inzwischen fertiggestellt worden, die Arbeiten an der TAP werden planungsgemäß weitergeführt.

Die Entdeckung der Erdgasstätten in Israel ermöglicht diesem Land ebenfalls, die Weltmärkte mit seinem Erdgas zu beliefern. Das Land kann dafür natürlich unter den bestehenden bzw. geplanten Transportmöglichkeiten wählen.
Das primäre Ziel des Südlichen Gaskorridors ist, aserbaidschanisches Erdgas nach Europa zu liefern. Jedoch könnten diese Transportwege auch von anderen zukünftigen Gaslieferanten wie dem Staat Israel benutzt werden. Der „Südliche Gaskorridor“ steht daher nicht in Konkurrenz mit anderen Energielieferprojekten, sondern trägt zur Diversifizierung der Transportmöglichkeiten für die Lieferanten bei.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Abschließend möchte ich noch auf die geopolitische Position Aserbaidschans zu sprechen kommen. Die Liste der Konflikte im Nahen Osten ist bekanntlich lang und beim Syrienkonflikt scheint eine Lösung nach wie vor nicht absehbar. Welche Strategie verfolgt Aserbaidschan bei der Konfliktbewältigung in der Region?

S.E. Ramin Hasanov: Aserbaidschan, von dessen Staatsgebiet 20 % durch unser Nachbarland Armenien militärisch besetzt wurden und das knapp eine Million Flüchtlinge und Binnenvertriebene zu versorgen hat, empfindet großes Mitgefühl für die katastrophale Lage in Syrien.
Aserbaidschan unterstützt die territoriale Integrität Syriens, hofft auf ein baldiges Ende des Syrienkonflikts und tritt für eine friedliche Lösung unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen ein. Um einen Friedensprozess in Syrien herbeizuführen, ist die Vereinbarung eines funktionierenden Waffenstillstands von großer Bedeutung.
Es ist außerdem in diesem Kontext zu erwähnen, dass Armenien auch hier die aktuelle Lage missbraucht, um die armenischstämmigen Flüchtlinge aus Syrien in die von ihm besetzten Territorien Aserbaidschans zu übersiedeln. Das widerspricht den existierenden Normen und Prinzipien des Völkerrechts.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Herr Botschafter Hasanov, danke für dieses interessante Gespräch!

Das Interview führte Urs Unkauf.