Vom Bayerischen Viertel in Berlin über Schanghai bis nach Down Under

Zum 95. Geburtstag des jüdischen Fotografen Horst P. Eisfelder

Von Holger Eisfelder

In der Kufsteiner Straße im Berliner Stadtteil Schöneberg wurde am 14. November 1925 Horst P. Eisfelder als Sohn von Leopold Ludwig, genannt Louis, und Hedwig Eisfelder geboren. Seine Eltern erkannten schon früh, welches Unheil mit Hitlers Aufstreben und seiner Machtübernahme für die deutschen Juden im Reich heraufzog. Unbegreiflich war es für sie, als ihnen ihr Deutschsein abgesprochen wurde. Denn die Ahnenreihe der Eisfelders ist lang: unter anderem aus Bamberg und Burgpreppach stammten sie. Zu den Vorfahren zählt unter anderem der Rabbiner Israel Lichtenstätter, mit dem Horst Eisfelder über seine Urgroßmutter Caroline Lichtenstätter verwandt ist. Lichtenstätter hatte 1763 das erste jüdische Waisenhaus, die „Israelitische Waisenanstalt“ zu Fürth, gegründet.

Über die Weitsicht seiner Eltern schrieb mir Horst Eisfelder einmal: „Ich hatte das große Glück, dass meine Eltern die drohende Gefahr erkannt hatten, und sie wollten raus, egal, wohin…“ Weiter schilderte er mir über die Zeit bis zur Reichspogromnacht am 9. November 1938:

„Zur Zeit der großen Arbeitslosigkeit um 1931 hatte die Volksschule in Wilmersdorf vorgeschlagen, dass die Kinder, die noch in besseren Verhältnissen lebten, einen anderen Mitschüler jeden Wochentag zum Mittagessen einladen sollten. Somit kam ein anderer Junge aus der Klasse meines Bruders Erwin jeden Tag nach der Schule zu uns, um mit uns die Hauptmahlzeit am Mittag zu verzehren. Als dann im Januar 1933 die Nazis [an die Macht] kamen, war es dieser Junge, der etwa zwei Jahre lang unsere Gastfreundschaft genossen hatte, der […] meinen Bruder verprügelte. […] Es war so Mitte 1935, als die 10 jüdischen Schüler in meiner Klasse auf dem Nachhauseweg nach der Schule von einigen Mitgliedern der Hitlerjugend aus unserer Klasse angegriffen und weitgehend verletzt wurden. […] Dann gab es unendliche Verbote […], das Verbot, öffentliche Badeanstalten und Strandbäder, Kinos oder Theater zu besuchen. Juden durften keine PKW besitzen, dann wurden Telefone und Radios verboten. Der Besitz von Haustieren war verboten. […] Weiterhin zeigte es sich gelegentlich, dass jede Art von Verbrechen gegen Juden, sei es Diebstahl, Verletzung oder Mord unbestraft blieb. Da wurde uns um 1937 unser Fahrrad gestohlen. Etwa ein Jahr später sah mein Vater einen Jungen mit unserem Rad. Er nahm den Jungen mit dem Rad zur Polizei, dort wurde ihm gesagt, dass ein Jude nicht das Recht hat, gestohlenes Gut von einem Arier zurückzuverlangen.“

Nach vergeblichen Versuchen, in die USA, nach Argentinien oder nach Costa Rica zu emigrieren, fasste vor Kriegsbeginn 1939 die Familie Eisfelder den Entschluss, nach Australien auszuwandern. Allerdings gab es auch dort keine Einreisegenehmigung. Eine solche war für Schanghai nicht notwendig, so dass Eisfelders sich mit dem Gedanken befassten, dorthin zu gehen. In Triest begannen sie, die Eltern mit ihren Söhnen Erwin und Horst, 1938 die einmonatige Überfahrt nach China. In ihrem Zufluchtsziel leistete die jüdische Gemeinschaft Schanghai in vielerlei Hinsicht Unterstützung. So eröffnete Familie Eisfelder das Café Louis, benannt nach dem väterlichen Rufnamen. Im Angebot befanden sich neben handgeschöpften Schokoladen und handgefertigten Torten auch herzhafte Spezialitäten: auf einer Mittags- und Abendkarte standen Frankfurter Würstchen, Wiener Schnitzel, Sauerbraten und Sauerkraut. Bald kam „Berliner Weiße“ hinzu – eine Reminiszenz an den Heimatort, aus dem sie geflohen waren.

In dieser Zeit nahm auch die lebenslange Freundschaft Horst Eisfelders mit Michael W. Blumenthal, dem späteren Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin, ihren Anfang.

Er arbeitete zunächst ab 1940 in einer Schweizer Import- und Exportfirma, bevor er sich ein Jahr später professionell der Fotografie zuwandte. Bereits in Berlin war er dem Suchen geeigneter Motive nachgegangen, um sie mit seiner kleinen Kamera festzuhalten. Einige seiner bedeutendsten Schanghaier Exilfotos hatte er schon 1938 aufgenommen. 1944 begann Horst Eisfelder seine Fotografenlehre. Seine Fotografien erschienen später unter anderem in „The Age“ und in „Le Monde“, zudem illustrieren sie zahlreiche andere Zeitungen, Bücher und Zeitschriften wie auch Dokumentarfilme.

Mit Blick auf die Schoa erinnert er, der 1945 die Bombenangriffe auf Schanghai erlebte: „In Schanghai hatten wir die schrecklichste Zeit der Menschheitsgeschichte überleben können“. Die Übersiedlung nach Australien erfolgte 1947. Dort traf er zehn Jahre später seine Frau Greta, die er 1958 heiratete und mit der er Söhne, Rodney und Kevin, hat. 1972 begann er, seine Erinnerungen an die Zeit in Schanghai mit Schreibmaschine aufzuschreiben: 2003 kam der Band „Chinese Exile: My Years in Shanghai and Nanking“, 2009 erschien die deutsche Ausgabe.

In seinem Leben hat Horst Eisfelder das Erinnern an die Schoa erhalten und gefördert – in Gesprächsrunden und Vortragsveranstaltungen, in Interviews und Ausstellungen, in der ZDF-Fernsehdokumentation „Flucht nach Shanghai. Als Fotograf im Ghetto“ und auch in seinem Buch. Unermüdlich ist er auch noch im hohen Alter, was dieses Gedenken an das Leben und den Tod von sechs Millionen Ermordeten, zu denen viele seiner eigenen Angehörigen zählen, und den Werdegang der Emigranten betrifft. Auch und gerade um die bundesdeutsche Gesellschaft hat er sich mit diesem Bewahren eines historischen Gedächtnisses verdient gemacht.

Horst P. Eisfelder begeht am 14. November 2020 seinen 95. Geburtstag.

Lieber Horst, mein Freund, mein Namensvetter, mynamesake:

Allet Jute ooch zum Jeburtstach, ick jratulier und wünsch da allet Liebe, bleb jesund und munta.

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