Juli 2, 2014 – 4 Tammuz 5774
Arbeit am nächsten Wunder

image

Zehn Jahre Jüdische Gemeinde Kiel Jahnstraße 

Die Mesusa an der Tür ist schon vier Mal um- gezogen. Und sie wird bald erneut an einer anderen Eingangstür feierlich befestigt wer- den. Denn die Jüdische Gemeinde Kiel an der Jahnstraße 3 hat für das zweite Jahrzehnt ihres Bestehens große Pläne und Visionen. In diesem Jahr aber wurde erst einmal der zehnte Geburtstag gefeiert.
Am 18. April 2004 gründete Liad Inbar die Gemeinde mit 18 Jüdinnen und Juden aus Kiel und Umgebung. Der Gründungsvorsitzende kommt aus Tel Aviv und ist der Enkel eines Mitglieds der Kieler jüdischen Gemeinde vor der Shoah. «Unsere Gemeinde hat sich rasch von 18 Mitglieder auf heute mehr als 160 Mit- glieder entwickelt», sagt Walter Joshua Pann- backer, heute der erste Vorsitzende. Pann- backer ist in Deutschland geboren und zur Schule gegangen, hat später in mehreren Staa- ten, darunter den USA, studiert. Dort spürte er als 15-Jähriger erstmals, dass es normal ist, Jude zu sein. «Wir sind eine egalitäre Gemein- de, wir sind für alle Richtungen offen», erklärt Pannbacker, der zugleich für die religiöse Bil- dung der Gemeindemitglieder zuständig ist. Anliegen sei es, die jüdische Tradition zu pfle- gen und weiter zu entwickeln. Und auch nach außen hin herrscht viel Offenheit. «Wir haben keine Berührungsängste und freuen uns sehr, wenn wir auch nichtjüdische Gäste begrüßen dürfen», sagt Inna Shames, zweite Vorsitzen- de der Gemeinde.

Die promovierte Pädagogin und Sozialbe- raterin baute das kulturelle Lernangebot der Gemeinde für Kinder, Eltern und Senioren aus und eröffnete mit Pannbacker im Februar 2006 die Sonntagsschule.

Viele neue Gemeindemitglieder kamen aus den ehemaligen GUS-Staaten. «Wir begleiten sie in ihr neues Leben», sagt Shames. Rasch integrierte sich die Gemeinde in die Kieler Öffentlichkeit und beteiligt sich auch an Fes- ten anderer Institutionen und Religionen. Der dynamische Mitgliederzuwachs hatte bald aber auch Platznot zur Folge. Ganze fünf Mal ist die Gemeinde umgezogen, bis sie 2008 mit 80 Mitgliedern in der Jahnstraße 3 endlich genug Raum für ein reges religiöses, soziales und kulturelles Leben fand. Die neue Synagoge liegt in unmittelbarer Nähe des alten, 1909 erbauten Gotteshauses am Kieler Schreven- park. Braune Horden schändeten auch diese Synagoge in der Reichs-Pogromnacht vom 9. November 1938 - die Nazis steckten sie in Brand und schleiften sie 1939 ganz. Heute erinnert ein Denkmal am Schrevenpark an die Synagoge. «Dort halten wir mit unserem Landesrabbiner Walter Rothschild Gedenk- Gottesdienste», erklärt der Vorsitzende. Die Gemeinde gehört zum Jüdischen Landesver- band Schleswig-Holstein und damit auch zum Zentralrat der Juden in Deutschland.

Zur Einweihung der neuen Synagoge am Schrevenpark – wie sich die Gemeinde heute auch nennt – konnte die Gemeinde am 31. August 2008 feierlich mit einem Umzug mit der ersten von heute zwei Thorarollen einziehen. Zahlreiche Bürger Kiels und Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur Schleswig-Hol- steins nahmen an der Zeremonie teil. Die erste Thorarolle konnte die Gemeinde sogar dank Spenden der Kieler Bürger erwerben, wenige Jahre später kam die zweite Thorarolle hinzu. Heute ist die Synagoge zudem ein gut frequen- tiertes Familien-Integrationszentrum.

Auf die Stadt Kiel und ihre Unterstützung hofft die Gemeinde auch für die Zukunft. Denn bei 160 Mitgliedern wird allmählich auch die neue Synagoge am Schrevenplatz zu klein. Schmerzlich fehlt dort beispielsweise auch eine Mikwe. Auch genügend Raum für

eine Seniorentagesstätte und für das Famili- en-Integrationszentrum mit einem schulbe- gleitenden Lehrhaus kann derzeit aus Platz- mangel nicht bereitgestellt werden. «Aber wir arbeiten daran, und wenn wir noch ein Kulturzentrum für Ausstellungen, Konzer- te, Theater, Vorträge und Kino haben, erfüllt sich unser Traum, und die Landeshauptstadt Kiel könnte auch zum jüdischen Zentrum Schleswig-Holsteins werden», sagt Joshua Pannbacker. Zurzeit ist die Gemeinde mit der Stadt Kiel im Gespräch über ein neues Gebäude im alten jüdischen Viertel der Stadt. Der Traum könnte sich erfüllen, und die Me- susa würde dann erneut feierlich an einer neu- en Synagoge angebracht.

Von Heike LINDE-LEMBKE

Email This Page