Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
Antisemitismus ohne Antisemiten

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Linke Demontage der jüdischen Identität  

  • Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
  • Politik, Welt
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Von Michael Groys

„Mein Gott bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden werde ich allein fertig.“ Dieses berühmt-berüchtigte Zitat des französischen Philosophen Voltaire trifft in etwa die Problematik der Juden in den westlichen Demokratien. Die Feinde der Juden, also Antisemiten, vor allem solche die sich dazu bekennen, existieren in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht. Wenn es solche dann doch mal gibt, so sind sie marginalisiert und verpönt. Wir haben mit anderen Worten also einen Antisemitismus ohne Antisemiten.

Die Juden in der westlichen Welt sind umgeben von lauter „Freunden“, vor allem den Demokraten. Sie kämpfen für die Rechte der Juden, weil es Menschenrechte seien. Sie sind für den Juden, weil sie in ihm den Menschen erkennen und den Juden verbannen wollen. Nicht selten sind mir „progressive“ demokratisch denkende Menschen begegnet, die eine jüdische Identität negieren. Solche, die die jüdische Identität doch anerkennen, machen immer wieder den Versuch der Demontage des jüdischen Selbstbewusstseins als ein Überbleibsel aus längst vergangen Tagen. Sie haben sich nämlich von Identitäten dieser Art befreit…und sind nun was?

Der Kampf der Demokraten für die Rechte der Juden hat Grenzen. Es ist die eigene Toleranz, die schnell auch auf die Feinde der Demokratie ausgeweitet wird. Zum Schutz der Juden kann der Demokrat sich ja nicht so verhalten wie der Antisemit, also pflegen westliche Politiker nicht selten den Gedanken, die Antisemiten ließen sich vielleicht umstimmen oder würden ihre Schandtaten bedauern. Diese Hoffnung hätte man spätestens bei den Nürnberger Prozessen aufgeben sollen. Ranghohe Nazis und SS-Schergen an der Rampe von Auschwitz hatten kein Bedauern gezeigt.
Des Weiteren führt diese Denkweise zu einer Passivität, die letztendlich tödlich ist. Je länger die Rote Armee für die Befreiung der Vernichtungslager gebraucht hatte, desto länger mordeten Antisemiten.

Dieses Beispiel aus der Schoah kann recht schnell auch auf die heutigen Tage übertragen werden, wo viele Politiker bei Anschlägen auf jüdische Mitbürger und Einrichtungen ihre Besorgnis aussprechen, aber daraus nur bedingt Konsequenzen folgen. Dieser Einsatz für die Juden ist meistens leidenschaftslos, ritualisiert und letztendlich unehrlich.

Die Rechtfertigung dafür ist auch recht einfach. Wenn die Juden Menschen sind wie alle anderen, müssen sie zwar verteidigt werden, aber in einer Reihe mit allen anderen. An dieser Stelle soll eindeutig nicht Rassismus oder andere menschenbezogenen Feindschaften gegeneinander ausgespielt werden. Der Antisemit hat aber eben nur einen Feind, mit dem er sich ständig beschäftigt. Die Obsession, mit der der Antisemit seinen Hass auslebt, ist nicht ansatzweise vergleichbar mit dem Schutz der Juden vor diesem Wahn.

Diese gemütliche Argumentation vieler Politiker, sie müssten sich um vieles kümmern und vor allem um die gesamte Menschheit, lässt den Juden mit seinem Schicksal alleine. Wenn ich Antisemitismus anprangere, was nicht unbedingt meine Aufgabe als Betroffener ist, wird mir vorgeworfen „zu viel“ davon zu sprechen. Es klingt sehr ermüdend über diesen ewigen Hass zu sprechen und vor allem ihm Widerstand zu leisten. Die Errichtung von Denkmälern ist in diesem Sinne einfacher. Es sieht gut aus, tut keinem weh und hilft auch nicht.

Demokraten sind die neuen Antisemiten?
Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre setzte sich schon 1944, also während der Schoah in seinen Abhandlungen „Überlegungen zur Judenfrage“ mit dem Dilemma der Juden fast schon humoristisch auseinander: „Zwischen seinem Gegner und seinem Verteidiger steht der Jude ziemlich schlecht da: ihm scheint nur die Wahl zu bleiben, ob er roh oder gekocht verspeist werden möchte.“ Trotz dieser Auffassung Sartres und der obigen Beschreibung des Verhaltens der Demokraten, kann der Jude in einer wehrhaften Demokratie schon auf Schutz hoffen. Dazu müssen die Demokraten im Wesentlichen zwei Dinge tun: Erstens sollten sie sich wirklich für den Juden interessieren und zweitens den ehrlichen Willen haben dieser Gruppe von Menschen zu helfen. Dies ist möglich ohne andere zu vernachlässigen.

Bernhard Lichtenberg, katholischer Pfarrer, war ein lebendes Beispiel dafür, dass man sich sehr wohl um die Juden kümmern kann und auch die Christen davor bewahren kann Verbrechen zu begehen. Bei seinen Predigten und vor allem bei seinen Handlungen schaffte er beides unter einen Hut zu bringen.

Toleranz darf keine Ausrede für Untätigkeit werden. Man muss sich dessen bewusst sein, dass der Kampf gegen Antisemitismus unangenehm sein wird. Dabei geht es auch nicht um eine physische Auseinandersetzung mit Antisemiten, sondern mit einem Familienmitglied am Tisch oder mit einem Kollegen auf der Arbeit. Dem Antisemitismus Widerstand zu leisten, muss nicht immer heißen, physische Gewalt auszuüben und bildlich die Tore von Auschwitz zu öffnen. Raoul Wallenberg stellte Pässe aus, Lichtenberg predigte und der König von Dänemark bezog Stellung für seine jüdischen Untertanen. Keiner von ihnen fand sich mit der Situation ab, alle haben den Juden geholfen und auch gleichzeitig die Menschheit geschützt. Sie haben der Menschheit dazu verholfen sich im moralischen Sinne noch als Menschen bezeichnen zu können.

Ich glaube nämlich auch wie Anne Frank an das Gute im Menschen und den einen oder anderen westlichen Politiker, damit wir Juden nicht ganz alleine sind.

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