Februar 8, 2016 – 29 Shevat 5776
„Angst essen Seele auf!“

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Götterdämmerung oder Silvesterfeuerwerk  

Von Attila Teri

Ich weiß nicht, was mir mehr Angst macht. Der rechte Mob oder Politiker, die dem Mob folgen und sich ihm anbiedern? Die Meute derer, die es „schon immer gewusst haben“ oder die „Gutmenschen“, die es gerade zum Unwort des Jahres geschafft haben.

Aber erst sollte ich vor der eigenen Haustür kehren! Ich habe die Deutschen während meiner gesamten Kindheit und Jugend nicht ausstehen können. Eigentlich habe ich sie gehasst. Alle! Ausnahmslos! Meine Abneigung ihnen gegenüber ging gar so weit, dass ich wie ein bekloppter den Radiosender wechselte, wenn ich mal wegen der guten Musik zufällig bei einer deutschen Station hängen blieb. Wenn es eine Sprache gibt, die ich nie lernen will, ist es Deutsch – schwor ich es mir als Teenager.Es ist die Sprache der Mörder, die einen Teil meiner jüdischen Familie ausgelöscht haben. Auch meine Oma, die im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde. Zum Glück gelang meiner Mutter die Flucht auf dem Weg nach Auschwitz. Sonst hätte ich wahrscheinlich die Welt nicht mit meiner vorübergehenden Anwesenheit beglückt oder bestraft – es ist Ansichtssache.

Nun, mit dieser Familiengeschichte ist meine grenzenlose Abneigung gegen die ehemaligen „Herrenmenschen“ an sich kein Wunder. Nur unsagbar dämlich, ignorant und falsch! Zumal ich zugeben muss, keinen einzigen Deutschen richtig gekannt zu haben, bis ich Ende 1977, im Alter von 18 Jahren in München landete.

Die ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“ sollte nur als vorübergehende Bleibe dienen bis meine Mutter und ich weiterreisen in „the land of the free“, die USA. Bloß, sie waren so frei uns nicht haben zu wollen. Also beantragten wir in Deutschland Asyl. Da wir nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern vor den Kommunisten aus Ungarn flohen, durften wir bleiben. Und so lebe ich inzwischen seit 38 Jahren im Land meiner ehemaligen Feinbilder, denke, träume und schreibe Deutsch und bin seit 1990 auch offiziell Deutscher. Zumindest meinen Papieren nach. Ich bin der personifizierte Leuchtturm der gelungenen Integration. Die wichtigste Lektion meines Erwachsenwerdens ist zweifelsohne zu begreifen, wie idiotisch Vorurteile, Pauschalisierung und Sippenhaft sind. Allerdings halte ich Pseudohumanismus, Naivität und linkes Geschwätz vom bösen Imperialismus, der an allem schuld sei, für genauso schwachsinnig wie mein früheres Denken.

Ich fand tatsächlich eine neue Heimat in München und bin einer der überzeugtesten „Zuagroasten“, wie es das störrische Bergvolk der Bajuwaren nennen würde. Und das möchte ich gerne auch bleiben, was mir jedoch immer schwerer fällt. Zugegeben – die Welt um uns herum spielt zunehmend verrückt und droht vollkommen aus den Fugen zu geraten. Aber dennoch glaubte ich bis vor kurzem, Deutschland und seine Bevölkerung seien gefestigt genug, auch diese Krise halbwegs unbeschadet zu überstehen. Wollte ich es mir nur einreden? Wenn ich ehrlich bin, weiß ich es nicht mehr. Mit den Geschehnissen der Silvesternacht in Köln und anderen Großstädten, wurde Deutschland anscheinend auch auf den Kopf gestellt. Warum erst jetzt, wenn ich dezent fragen darf?

Dabei habe ich das eigenartige Privileg, die Lage gar aus der Sicht eines mehrfach Schizophrenen zu betrachten: als Jude, Deutscher oder osteuropäischer Flüchtling. Und wenn das noch nicht reichen sollte, als Berufsquälgeist, immerhin bin ich auch noch Journalist. Die Zeichen der Zeit sind seit Jahren kaum übersehbar, es sei denn, man will sie bewusst oder unbewusst nicht wahrnehmen. Als gläubiger Jude mit Kippa auf dem Haupt, kann man schon seit Längerem nicht unbekümmert in Städten wie Berlin herumspazieren. Nicht umsonst warnt auch das israelische Außenministerium seine Bürger davor sie offen zu tragen und empfiehlt eine Baseballkappe drüberzuziehen.

Natürlich muss nicht zwingend etwas passieren, aber es könnte. Radikale Islamisten greifen immer wieder erkennbare Juden an, auch wenn es noch eine Ausnahme ist. Neonazis machen ebenfalls gelegentlich Jagd auf Juden in bestimmten Ecken unserer Republik. Oft reagiert die Staatsmacht nur zögerlich, wenn überhaupt. Genauso wenig, wie auf die Angriffe der Ewiggestrigen auf Andersdenke, Ausländer oder Linke. Ich erinnere mich noch gut an ein Paar aus Hoyerswerda, das vor drei Jahren von Neonazis angegriffen wurde. Die Reaktion der örtlichen Polizei war, ihnen einen Umzug nahezulegen, da sie ihre Sicherheit nicht gewährleisten könne. Der Aufschrei war groß – geändert hat sich nichts. (...)

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