Juli 2, 2014 – 4 Tammuz 5774
Amerikas Rückzug – Europas Herausforderung

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Es darf angenommen werden, dass die neuen
globalen Turbulenzen bald auch auf die «heile
westliche Welt» zurückwirken werden und ein
entschlossenes, gemeinsames Handeln erfordern.
Das betrifft nicht zuletzt eine europäische
Außenpolitik, die ernst genommen und
nicht belächelt werden sollte. Genau in diesem
Kontext forderte Bundespräsident Joachim
Gauck von Deutschland schon mehrfach
ein stärkeres internationales Engagement, das
in Ausnahmefällen auch militärisches Agieren
– als quasi letztes Mittel – nicht ausschließe.
Im Kampf für Menschenrechte oder für das
Überleben unschuldiger Menschen sei es
manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu
greifen, so Gauck gegenüber Deutschlandradio.
Für diese Einschätzung bezieht der Präsident
nun «Prügel» von Links wie von Rechts.
Erst kürzlich nannte ihn der Brandenburger
Landtagsabgeordnete Norbert Müller (Linke)
auf seiner Facebook-Seite einen «widerlichen
Kriegshetzer». Gleichfalls auf Facebook zeigte
der einstige CDU-Politiker und Nahost-Autor
Jürgen Todenhöfer den Bundespräsidenten
als bärtigen Dschihadisten mit Turban und
Maschinengewehr – und bezeichnet ihn als
«Sicherheitsrisiko». Gauck ist souverän genug,
über solchen Entgleisungen und Anwürfen
zu stehen. Seine eigenen Äußerungen wirken
umso bemerkenswerter, wenn man das Stimmungsbild
der Deutschen insgesamt betrachtet:
Laut jüngsten Umfragen ist eine deutliche
Mehrheit nach wie vor gegen Militäreinsätze
mit deutscher Beteiligung eingestellt. Fast
drei Viertel der Deutschen lehnen solche Einsätze
sogar für den Fall ab, dass Konflikte nicht
(mehr) durch Diplomatie oder Sanktionen gelöst
werden können. Punktum.
Das allgemeine deutsche Unbehagen gegenüber
allem Militärischen hat – angesichts
der eigenen Kriegs- und Mordlust im 20. Jahrhundert
– etwas durchaus Sympathisches.
Ebenso ist aber möglich, dass sich hinter dem
postulierten Mainstream-Pazifismus ein echter
Mangel an Verantwortungsbereitschaft verbirgt,
der sich mit traditionellem Anti-Amerikanismus
mischt. Eine Befindlichkeit, die gut zur
Polemik der Müllers und Todenhöfers passen
würde, die Welt von morgen deswegen aber
noch keinen Deut besser macht.

Olaf Glöckner

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