Die gewaltsamen Angriffe auf die israelische Grenze waren keine „Volkserhebung“ 

Von Ulrich W. Sahm (Audiatur)

Am Montag, auf dem Höhepunkt der Konfrontationen an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel, als am Abend die „Palästinenser“ etwa 60 Tote und über tausend Verletzte vermeldeten, wurde der Hamas-Führer Ismail Haniye zu einem dringenden Besuch nach Kairo „eingeladen“. Der ägyptische Geheimdienst hatte ihn gerufen. Beim Grenzübergang in Rafah stand sogar ein Hubschrauber bereit. Dieser brachte ihn unverzüglich nach Kairo. „Palästinensische“ Medien behaupteten, dass die Ägypter dem früheren Hamaschef einen „roten Teppich“ ausgerollt hätten.

Doch inzwischen stellt sich heraus, dass der ägyptische Geheimdienst den Hamaschef in Kairo „erniedrigt, gedemütigt und bedrängt“ hätte. Israelische Medien berichteten, dass die Ägypter den Hamas-Führer ultimativ aufgefordert hätten, die Konfrontationen mit den Israelis zu stoppen. Sie drohten ihm, keinen Finger zu rühren, falls Israel die Hamas-Leitung abschieße, „einen nach dem Anderen“.

Wie die ägyptische Zeitung „Al Akhbar“ meldete, sei Haniye angeboten worden, dass Ägypten den Grenzübergang in Rafah öffnen werde, aber nur unter der Bedingung, dass die Hamas den „Rückkehrmarsch“ sofort stoppt. Die vermeintlich „friedlichen“ und „spontanen“ Proteste würden andernfalls zu einem „umfassenden Militärkonflikt mit Israel führen“, hieß es weiter in „Al Akhbar“.

Die Zeitung „Israel Hayom“ berichtete, dass der ägyptische Geheimdienst Haniye vorgeladen habe, nachdem die Israelis „Beweise“ dafür geliefert hätten, wie die Hamas-Organisation die Bewohner des Gazastreifens gezwungen habe, sich zum Grenzzaun zu begeben und an den gewalttätigen Protesten zu beteiligen. Die Hamas habe dafür Familien Bargeld angeboten. Das haben die Israelis unter anderem von einem „Palästinenser“ erfahren, der verhaftet worden war, nachdem er am Grenzzaun eine Bombe gelegt hatte.

Die Ägypter befürchteten eine „unkontrollierte Anarchie“ im Gazastreifen so der Bericht. Zudem halte Kairo die Hamas (und nicht Israel) verantwortlich für die vielen Toten bei den Unruhen. Ein ägyptischer Offizieller habe gesagt: „Haniye kam innerhalb von einer Stunde nach Kairo, in Begleitung von zwei Leibwächtern. Ein Hubschrauber hat sie auf schnellstem Weg nach Kairo gebracht. Das war keineswegs als Ehrung für Haniye gedacht. Es erwartete ihn sehr viel Wut.“ Erst musste Haniye vor dem Gebäude warten, was peinlich war. Im Gebäude konnte man dann laute Schreie hören, die Haniye schweigend über sich ergehen ließ. Die Ägypter hätten ihm lautstark vorgeworfen, das Blut der toten „Palästinenser“ vergossen zu haben. Sie zeigten Haniye Fotos von Hamas-Aktivisten, wie sie jungen Leuten und Familien zehntausende Dollars zahlten, um am Grenzzaun zu sterben. „Die Geschichte wird ihnen nicht verzeihen für soviel sinnlose Tote bei den Unruhen“, wurden die ägyptischen Offiziellen weiter zitiert. Mit der Warnung, dass Israel die Hamas-Spitze ausradieren werde, wurde Haniye wieder heimgeschickt. Ob diese in den israelischen Medien verbreiteten Berichte sich tatsächlich genau so zugetragen haben, lässt sich nicht nachprüfen.

Am Dienstag herrschte weitgehend Ruhe
Tatsache ist aber, dass ausgerechnet am Dienstag, dem sogenannten Nakba-Tag, als der Staat Israel vor 70 Jahren ausgerufen worden war, weitgehend Ruhe am Grenzzaun herrschte. Ursprünglich hatte die Hamas für diesen Tag einen „Marsch der Millionen“ angekündigt, um mit Frauen und Kindern die Grenze nach Israel zu stürmen.

Ohne jede zusätzlich Erklärung hieß es in europäischen Medien wie der NZZ, dass ausgerechnet am Dienstag die Minarette bei den Moscheen geschwiegen hätten, während sie in den Tagen zuvor die Menschen angetrieben hätten, sich an den Protesten zu beteiligen.

Im Vergleich zu über 60 Toten allein am Montag meldete das Hamas-Gesundheitsministerium am Dienstag „nur“ 2 Tote und wenige hundert Demonstranten. An den Tagen zuvor waren es teilweise Zehntausende.

Der israelische Militärsprecher veröffentlichte derweil gefilmte „Beweise“ für Waffen im Besitz der „friedlichen“ Demonstranten, Zerstörungen am Grenzzaun und Bomben. Ebenso wurden wieder mehrere Brände auf der israelischen Seite gemeldet. Wälder, Felder und Heu wurden entzündet durch Drachen mit Molotowcocktails, die mit dem Wind nach Israel geschwebt waren. Angeblich haben die Israelis in aller Eile Drohnen entwickelt mit messerscharfen Flügeln, mit denen die Haltekabel der Drachen durchgeschnitten wurden, damit sie mitsamt ihrer brennenden Fracht noch im Gazastreifen abstürzen.

Spontane Volkserhebung? Von wegen!
Weiter heisst es in israelischen und arabischen Medien, dass von den 62 getöteten „Palästinensern“ etwa 50 als Hamas-Kämpfer oder Aktivisten gewesen seien. Die Hamas im Gazastreifen ehrt ihre „Märtyrer“ mit Namen, Rang und anderen Beschreibungen auf ihren Internetseiten. Dieses allein bestätigt, dass nicht nur „unschuldige Zivilisten“ an der Grenze protestieren. Die plötzlich eingekehrte Ruhe deutet darauf hin, dass die scharfen Warnungen der Ägypter unerwartet schnell Wirkung gezeigt haben und dass die Hamas-Organisation zuvor die Demonstrationen straff organisierte und lenkte. Wie sonst lässt sich erklären, dass die vermeintlich so „spontanen“ ausgerechnet stoppten, als der größte Protest stattfinden sollte?

Derweil veröffentlichte die Hamas im Internet per Video Aufrufe an die Bewohner der grenznahen Ortschaften in Israel, unverzüglich ihre Häuser zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. „Die Drachen mit den Brandsätzen sind nur die Spitze des Eisbergs. Wer zurückbleibt, trägt alle Verantwortung für die Folgen. Denn wir werden die Grenze durchbrechen, Eure Städte erreichen und dann nicht mehr alleine sterben.“

Am Mittwoch waren die Unruhen entlang der Grenze wie durch ein Wunder völlig aus den Schlagzeilen verschwunden.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben