Ein unbekanntes Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte  

Von Ludger Joseph Heid

Was heute das Handy-Foto, war vor einhundert Jahren die Postkarte – ein populäres Medium der visuellen Kommunikation. Die Postkarte ist ein noch junges postalisches Medium – erst 1870 wurde sie eingeführt und eroberte sich – mit Fotos, Zeichnungen, Reproduktionen, Karikaturen und Collagen – auf Anhieb einen erfolgreichen Platz in der Kommunikationslandschaft. Auch ist sie mehr als nur ein Mittel zur Korrespondenz, sie war und ist ihrer Originalität wegen zugleich ein Erinnerungsstück, ein Sammelobjekt.

Beleidigende Postkarten waren eigentlich verboten
Obwohl nach der preußischen Postordnung die Beförderung von Karten beleidigenden Inhalts verboten war, und die Vorschrift anfangs auch beachtet wurde, setzten sich mehr und mehr antisemitische Postkarten als wirksames Agitationsmittel unbeanstandet durch. Es dürften über tausend verschiedene antisemitische Postkartenmotive existieren.
Viele Darstellungen sind in ihrer Tendenz subtil-unterschwellig judenfeindlich, wobei die Grenze zwischen vermeintlich harmlosem Humor und diffamierendem Spott fließend ist, andere wiederum, „bekannte“ historische Motive aufgreifend, sind unverblümt rassistisch/antisemitisch. Bildlich gesprochen wurde mit dem alltäglichen Medium Postkarte ein Teil der Bevölkerung im Wortsinn „abgestempelt“ und damit zur Zielscheibe von Vorurteilen und Stereotypen. Das galt insbesondere für die Zeit des Kaiserreichs bis zum Ersten Weltkrieg. Und ab 1933 sowieso.

Gerade die bebilderte Postkarte changiert in besonderer Weise, je nach Verwendungszweck, zwischen privater Mitteilung und nach außen gerichteter Botschaft. Im Medium Postkarte spiegelt sich auf erschreckende Weise der antisemitische Zeitgeist, der nicht allein auf Deutschland beschränkt war.

Das Heranziehen von Dokumenten der postalischen Kommunikation konfrontiert die Wissenschaft mit einer Kategorie von Quellen, die bisher weitgehend unbeachtet geblieben sind. Im besten Fall führt die Nutzung dieser Quellen zur Entdeckung von Neuland, das auch für die historische Forschung von Interesse ist. So kann die Analyse von Post der Verfolgten wie der Täter zur Erhellung von menschlichen Schicksalen beitragen, sie kann die in Namenlosigkeit Gefallenen ihre Namen wiedergeben.

Mit der Etablierung des Nationalsozialismus änderte sich in Deutschland vieles grundsätzlich. Nach und nach entwickelte sich das Land zu einem Unterdrückungsstaat, in dem sich Terror, Überwachung, Denunziation und Angst allenthalben breitmachte. Und dann gab es die Zensur von Staats wegen, die es dem Einzelnen schwer machte, seine wahre Meinung zu äußern ohne Gefahr zu laufen, für staatskritische Äußerungen belangt zu werden. Die deutsche Bevölkerung wurde auf vielfältige Weise auf den antijüdischen Kurs des Regimes eingestimmt. Ein Poststempel mit Davidstern aus dem das physiognomisch überzeichnete Gesicht eines Juden, so wie die Nazis ihn imaginierten, blickt, verziert mit dem Treitschke-Satz „Die Juden sind unser Unglück“ – das gehörte zum postalischen Alltag.

Nachdem im Oktober 1941 der antijüdische Terror seinen vorläufigen Endpunkt in den Deportationsmaßnahmen „nach dem Osten“ gefunden hatte, war die jüdische Existenz in Deutschland innerhalb von wenigen Jahren nachgerade ausgelöscht. Juden waren von einem auf den anderen Tag in der deutschen Gesellschaft nicht mehr sichtbar.

„Abgereist, ohne Angabe der Adresse/parti, sans laisser d’adresse“ – mit diesem postamtlichen Klebezettel wurden fortan zahlreiche Postsendungen versehen, ehe die Deutsche Reichspost sie an ihre Absender außerhalb Deutschlands zurückschickte. In Wahrheit waren die meisten Adressaten nicht „abgereist“, sondern vertrieben oder bereits ermordet worden, weil sie Juden waren.

Die verschiedenen amtlichen Stempel, die die deutschen Zensurbehörden zigtausendfach auf Postkarten oder Briefe drückten, sind Zeugnisse einer menschlichen Tragödie, zugleich sind sie ein postalisches und historisches Dokument. Stempel oder aufgeklebte Hinweiszettel, deren Funktion die Mitteilung über die Unzustellbarkeit einer Postsendung anzeigten, sprechen eine deutliche Sprache: „Abgereist“ wurde so zur Metapher für das Verschwinden der Juden aus Deutschland, bis der Klebezettel im Januar 1943 von der Gestapo verboten wurde, weil sich seine Bedeutung herumgesprochen hatte. 

Die Rolle des Reichssicherheitshauptamtes
Irgendwann gingen die NS-Behörden dazu über, an Juden gerichtete Postsendungen außerhalb Deutschlands nicht mehr zurückzuschicken. Die Häufung von Rücksendungen im Jahre 1942 führte beim Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zu der Befürchtung, die Korrespondenzpartner außerhalb Deutschlands könnten die richtigen Schlussfolgerungen zur Lage der Juden in Deutschland und den von Deutschland beherrschten Gebieten ziehen, und das „öffentliche Geheimnis“ des Judenmords in einem unerwünschten Maß öffentlich werden. Das RSHA wies daher die Zensurstellen an, alle vom Ausland eingehenden Sendungen an „unbekannt“ verzogene Juden nicht mehr an den Absender im Ausland zurückzuleiten, sondern dem RSHA einzusenden.

Heinz Wewer ist ein vielseitiger Publizist, Gründer und Redaktionsmitglied von „DISkussion“ – Zeitschrift für Fragen der Gesellschaft und der deutsch-israelischen Beziehungen. Für den WDR war er Korrespondent beim Eichmann-Prozess für RIAS Berlin und war wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Document Center Berlin. Er war und ist immer noch engagiert in zivilgesellschaftlichen Initiativen wie des Komitees für die Entschädigung der Opfer medizinischer Experimente im KZ Ravensbrück und des Musikforums Berlin-Israel und er ist ein profunder Kenner der Postgeschichte. Mit dem vorliegenden Buch über die postalischen Zeugnisse zu Verfolgung und Terror im Nationalsozialismus, voluminös und üppig bebildert, ist ihm ein großer Wurf gelungen, der eine historiografische Lücke in der Geschichte des Nationalsozialismus schließt. Zu Recht hat Reinhard Rürup das Werk als ein „gelungener Brückenschlag zwischen Philatelie und Geschichtswissenschaft“ gelobt.

Nicht nur die Inhalte von Postsendungen, sondern auch ihre äußeren Merkmale legen Zeugnis von individuellen Schicksalen und historischen Ereignissen ab. Als Dokumente der Alltagskultur verleihen sie ihnen eine neue Anschaulichkeit und erweitern die Kenntnisse um Personen und Zusammenhänge. Die Frage nach dem zeitgeschichtlichen Nutzen postalischer Dokumente bringt seit einigen Jahren eine neuartige Kategorie von Büchern und Ausstellungen hervor, zu der auch das vorliegende Werk gehört. In Zusammenarbeit mit Zeitzeugen, Archiven und Sammlern in vielen Ländern hat der Autor über 300 postalische und ergänzende Dokumente zusammengetragen und verschiedenen Phasen und Aspekten von Terror und Verfolgung im Nationalsozialismus zugeordnet. 

Heinz Wewer beschreibt eindrucksvoll einige charakteristische Erscheinungsformen der nationalsozialistischen Diktatur anhand postalischer Dokumente. Den thematischen Schwerpunkt bildet die Verfolgung der Juden. Beginnend mit der Geschichte und Struktur antisemitischer Agitation in Deutschland verweist Wewer auf die Traditionselemente, die das Entstehen und die Fortdauer der NS-Herrschaft begünstigt haben. Er skizziert Lebenswege einiger politisch unterschiedlicher Persönlichkeiten (z. B. Erich Mühsam; Ernst Heilmann; Carl von Ossietzky), die sich für eine humane Gesellschaft eingesetzt haben und dafür von Nationalsozialisten um Gesundheit und Leben gebracht wurden, mit Hilfe postalischer Dokumente.

Den Deportationen aus Deutschland ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Hier sind Texte von Postkarten zu lesen, die Berliner Juden unmittelbar vor der Deportation geschrieben haben. Von der Verschleppung der berühmten Kinderbuchautorin Else Urys nach Auschwitz legen postalische Dokumente aus ihrem Nachlass Zeugnis ab.

Der einzige Typ eines postalischen Dokumentes, das für untergetauchte Juden eine mitunter lebensrettende Rolle gespielt hat, war der Postausweis. Seinen Nutzen zeigt Wewer an Beispielen auf. Faksimiles bisher unveröffentlichter Postkarten werfen ein Licht auf einige Augenblicke im gefährdeten Leben des Zeitzeugen Victor Klemperer.

Thora-Rolle als Packpapier
Der heutige Zeitgenosse mag sich fragen, was der Zeitgenosse von damals, der einfache Wehrmachtssoldat sowie dessen Ehefrau an der Heimatfront, gedacht haben mögen, wenn ein Feldpostbrief von Oktober 1942 aus dem Schützengraben eine „Stürmer“-Vignette trug mit dem Slogan „Ohne Lösung der Judenfrage keine Erlösung der Menschheit“. Und wie mag die Reaktion ausgefallen sein, wenn ein Paketempfänger beim Öffnen des Feldpostpakets feststellen musste, dass als Packpapier Teile einer Thora-Rolle verwendet worden waren und damit heiliges Papier auf beschämende Weise entweiht wurde? Der vorliegende Band stellt ein beklemmendes deutsches Lehrstück dar.

Heinz Wewer: „Abgereist, ohne Angabe der Adresse“. Postalische Zeugnisse zu Verfolgung und Terror im Nationalsozialismus, Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2017, 336 Seiten, 346 Abbildungen, 39 Euro

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