November 9, 2018 – 1 Kislev 5779
75 Jahre Liquidierung des Minsker Ghettos

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Die Präsidenten von Weißrussland, Deutschland und Österreich weihten eine neue Gedenkstätte im Wald von Blagowschtschina ein, die an die Auflösung des Minsker Ghettos und die Deportation der zumeist jüdischen Insassen erinnern soll.  

Von Matthias Dornfeldt

Der Zweite Weltkrieg sowie die deutsche Besatzung von 1941-1944 stellt für Weißrussland den grausamsten und blutigsten Teil seiner Geschichte dar. Keine andere Sowjetrepublik war dem nationalsozialistischen Vernichtungsfeldzug in dem Maße ausgesetzt wie der ostslawische Staat. Zu den ersten Opfern der Besatzungsmacht zählte die jüdische Bevölkerung, die ihr als Urheber des sowjetischen Systems und als Widersacher galt. Von den 820.000 weißrussischen Juden wurden bis zu 700.000 in Mordaktionen und Konzentrationslagern auf brutale Weise umgebracht. Fast in jedem Ort oder ortsnahem Waldgebiet gibt es Gedenksteine oder Tafeln, die an die Massentötungen von Menschen mosaischen Glaubens erinnern.

Die nichtjüdische Zivilbevölkerung war zunächst einer brutalen Ausbeutungspolitik ausgesetzt, die sich unter anderem in der Verschleppung von 380.000 Menschen ins Deutsche Reich äußerte. Ab 1942 setzten jedoch offene Vernichtungskampagnen vor allem gegen die weißrussischen Dörfer ein. Insgesamt forderten der Krieg und die deutsche Okkupation in Weißrussland neueren Schätzungen zufolge an die drei Millionen Opfer. Das Land verlor damit nahezu ein Drittel seiner Einwohnerschaft. Durch die hohen Verluste, auch unter der nichtjüdischen Einwohnerschaft, waren letztlich in fast jeder Familie der Region Opfer zu beklagen.

Viele israelische Spitzenpolitiker stammen aus Weißrussland
Mit der Ermordung der Juden verschwand eine Bevölkerungsgruppe, die das Leben insbesondere in den Städten der Region über Jahrhunderte mitbestimmt hatte. So stammten mehrere Spitzenpolitiker Israels, wie der erste Staatspräsident Chaim Weizmann, Simon Peres und Menachem Begin aus dem multiethnischen Staat. Israels einzige Ministerpräsidentin Golda Meir verbrachte in der deutlich vom Judentum geprägten Stadt Pinsk ihre Kindheit und Jugend. Trotzdem sind noch überall im Land Spuren jüdischen Lebens zu entdecken und der weißrussische Staat gibt in den letzten Jahren viel Geld für die Erhaltung und den Wiederaufbau nationalen Kulturerbes aus.

Touristen aus Israel und den USA
Darunter befinden sich auch zahlreiche jüdische Gebäude, Gedenkorte und Friedhöfe. Zudem sind auch viele Privatinitiativen aus aller Welt aus diesem Gebiet aktiv. Des Weiteren ist das postsowjetische Land in den vergangenen Jahren immer mehr zu einer Reisedestination für Touristen aus Israel und Juden aus den USA geworden.
Ein zentraler Gedenkort für die Schoah auf weißrussischem Territorium ist der Komplex um das ehemalige deutsche Vernichtungslager Maly Trostinez sowie der angrenzende Wald von Blagowschtschina. In der größten Vernichtungsmaschinerie auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR, die auch auf der Rangordnung der vom Deutschen Reich betriebenen Todeslagern den Spitzenplatz vier einnimmt, wurden vornehmlich jüdische Menschen aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei, aber auch sowjetische Kriegsgefangene und Partisanenverdächtige ermordet. Nach Auflösung des Minsker Ghettos wurde auch einheimische Juden von Einheiten der Schutzpolizei und der Waffen-SS erschossen, und anschließend in Gruben vergraben. Darüber hinaus fanden auch Vergasungen in für diesen Zweck umgebaute LKW statt.

Bereits seit 1992 führte der Berliner Verein „Kontakte/Kontaktyi e. V.“ Gedenkstättenfahrten zu diesem bedeutenden Erinnerungsort durch. In der Ortschaft Bolschoi Trostinez wurde 1963 eine erste Gedenkstätte mit einem Obelisken zur Erinnerung an das Vernichtungslager errichtet. Zwei Jahre später weihte man am Ort der ehemaligen Scheune ein Denkmal für die Opfer der im Lager ermordeten Menschen ein. Im Wald von Blagowschtschina und Schaschkowka erinnern Gedenksteine und ein Denkmal an die dortigen Erschießungen und den Standort des provisorischen Krematoriums.

Im Jahr 2006 wurde ein Konzept für den Bau eines „Kreuzwegs“ als Gedenkstätte vorgelegt. In Wien wurde 2011 der Verein „IM-MER Initiative Malvine – Maly Trostinec erinnern“ gegründet. In Deutschland hat das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund (IBB gGmbH) im März 2013 eine Initiative für eine größere Gedenkstätte in Trostinez ins Leben gerufen. Als erster Abschnitt der Gedenkstätte wurde am 22. Juni 2015 das Denkmal „Die Pforte der Erinnerung“ öffentlich seiner Bestimmung übergeben. Am 13. Oktober 2016 beschloss der österreichische Nationalrat einstimmig einen Initiativantrag, der die Bundesregierung zur Umsetzung und Finanzierung eines würdigen Denkmals aufforderte.

Viele deutsch-weißrussische Initiativen
Seit dem 8. November 2016 wurde die deutsch-weißrussische Ausstellung „Vernichtungsort Maly Trostenez. Geschichte und Erinnerungparallel“ an verschiedenen Orten in Deutschland und in Weißrussland gezeigt. Träger der Ausstellung waren das IBB gGmbH, die Internationale Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ Minsk (IBB Minsk) und die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Die Ausstellung wurde durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und das Auswärtige Amt gefördert.

Am 29. Juni 2018 wurde schließlich in Gegenwart des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und seines österreichischen Amtskollegen Alexander van der Bellen, des österreichischen Amtsvorgängers, Altbundespräsident Heinz Fischer sowie des weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko während einer öffentlichen Gedenkstunde das Mahnmal „Der Weg des Todes“ im Wald von Blagowschtschina eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben.

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