April 6, 2018 – 21 Nisan 5778
70 Jahre Israel

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Eine beispiellose Erfolgsgeschichte – Das kleine großartige Land feiert Jubiläum 

Von Michael Guttmann

Die Geschichte des jüdischen Staates ist eng verknüpft mit Einwanderung (Aliya), der wohl schwierigsten Aufgabe überhaupt. Kurz nach der Staatsproklamation am 14. Mai 1948 kam ich als Zehnjähriger im Rahmen der Kinder- und Jugend-Aliya ins Land. Erst nach einem weiteren Jahrzehnt konnte ich ermessen, welche Herausforderung die Massen-Aliya zwischen 1948 und 1953 für den jungen Staat damals bedeutete.

Viel Hoffnung und wenig Mittel
In den ersten sechs Jahren wuchs die jüdische Bevölkerung von 650.000 auf anderthalb Million, also fast das Doppelte. Die Menschen kamen aus vielen Ländern, waren mittellos, minderqualifiziert, häufig krank oder traumatisiert. Die Ma’abara, ein provisorisches Massenquartier ohne Infrastruktur, war das Hauptmittel der Unterbringung. Auf eine Migration in solchen Dimensionen war der neue Staat nicht vorbereitet. Die Regierung legte Projekte für eine Massenbeschäftigung auf (Straßenarbeit, Aufforstung, Sikul (Feldräumung von Gestein)). Die Zenna, eine Phase der strengen Rationierung, traf für jedermann zu. „Es würde Jahrzehnte dauern, bis diese Menschen einen produktiven Beitrag für das Land leisten“, unkten die Skeptiker.

Schmelztiegel Israel
Zu einer bedrohlichen ethnischen Polarisierung ist es nicht gekommen. Zwei Grundsätze setzte die Regierung für die Einwanderungspolitik: endlich freie Einwanderung für Juden nach Israel und Verschmelzung der Diaspora – Juden mit dem vorstaatlichen jüdischen Jischuw zu einer Einheit. Wie aber sollte diese Einheit aussehen? Reibungslos ohne gesellschaftliche Konflikte ging das nicht. Vorstellungen wonach die Menschen ihre alten Traditionen ablegen und die europäischen Sitten der Veteranen früherer Einwanderungswellen aus Europa annehmen würden, wurden bald durch Einsichten abgelöst, dass die Gesellschaft durchaus auch die Einzigartigkeit tolerieren und sogar fördern sollte.

Bereicherung statt Europäisierung
Aus einem Wettbewerb der Kulturen bildete sich ein Mix heraus. Die Vision und der soziale Ansatz, die die Aufnahme der großen Aliya-Wellen der 50er Jahre begleiteten, waren: Sprache, Geschichte und Tradition des jüdischen Volkes in seinem Land wiederzubeleben und es zu einer gemeinsamen israelischen Kultur zu vereinen, ohne dass die verschiedenen Herkunftsgruppen sich von ihren früheren Traditionen lösen. So entstand die heute reiche, orientalische israelische Kultur, die auch die arabische, drusische, beduinische u.a. Kulturen integriert. Allmählich wurde aus dem Menschenhaufen der Einwanderer eine Bereicherung der israelischen Gesellschaft und ein Segen für den jüdischen Staat und seinen Minderheiten.
Aliya wird es noch lange geben und sie wird immer wieder die Multikultur in Israel prägen.

Die Wüste besiegt
Was hat sich geändert seit der Staatsgründung und was sind die materiellen und ideellen Triebkräfte des Erfolgs? Heute ist das Interesse an Israels Wirtschaft weltweit sehr groß. Israel ist bekannt als ein Land, das die Wüste besiegt hat, dessen Wasserreservoir zum größten Teil heute aus biochemisch aufbereitetem Meereswasser besteht. Eine revolutionierte Landwirtschaft sowie zahlreiche Industrien – besonders aus dem Hightech-Sektor – bilden die Basis für die Wirtschaftserfolge.

Israels Wirtschaftserfolge in Fakten
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat die Summe von 300 Mrd. $ erreicht. Bei 187 Staaten der Welt ist das Rang 24. Seit der Jahrtausendwende wuchs die Wirtschaft um 35 % und die Bevölkerung von 6,2 auf 8,8 Millionen Einwohner. Als Mitglied der OECD steht das Land an der Spitze der anderen 34 Mitgliedsländer mit einem Wirtschaftswachstum, das nahezu doppelt so hoch ist wie der Durchschnitt der OECD.

Indikatoren für die Robustheit der Wirtschaft und Stabilität der Finanzen:

- Eine Devisenreserve von 100 Milliarden $.
- Vorrangige Investitionen in Wissenschaft und Technik und in exportorientierter Wirtschaft.
- Staatliche Förderung der Startups und Schutz der Betriebe vor Marktschwankungen.
- Schrumpfende Staatsschulden.

Heimvorteile:

- Ein relativ junger und gut qualifizierter Arbeitsmarkt mit Erweiterungsaussicht um orthodoxe Juden und den arabischen Sektor. Drei Generationen von qualifizierten Einwanderern mit Sprach- und Kulturkenntnissen aus ihren Herkunftsländern sind in Israel für das Exportgeschäft immer verfügbar.
- Billige Energie durch Erschließung neu entdeckter Gasquellen.

Globale Vorzüge
Die Mitgliedschaft in der Weltraumorganisation und im internationalen Cyberclub bieten Israel die Möglichkeit an der Seite der Globalmächte in regelmäßigen Abständen Raumschiffe ins Weltall zu entsenden. Im Schutz vor Cyberattacken ist Israel führend.
Israel beschleunigt in vielen Ländern die Automatisierung und den Robotereinsatz. Die Basis dafür ist die heimische Hightech. Ein kleines Land kann nur erfolgreich durch globales Wirtschaften sein. Die meisten Erzeugnisse und Dienstleistungen, die in Israel entwickelt werden, sind für das Ausland bestimmt. Israel fungiert dabei als Experimentierfeld. F&E-Verträge platzieren Israel in der technologischen Welt auf vordere Positionen. Über 350 international führende Gesellschaften haben ihre Firmenzentralen in Israel errichtet. 86 israelische Firmen agieren am Broadway in New York, nicht an Theatern, sondern an der NASDAQ-Börse.

Insgesamt gelten folgende Entwicklungen als revolutionär für Israels Wirtschaft:

- Die bereits vollzogene Wasserrevolution, in deren Folge das einst begehrte knappe Element heute durch riesige Entsalzungsanlagen im Überfluss bereitsteht.
- Die bereits erwähnte Energiewende durch Erdgas, welche Israel autonom macht und sogar für den Export ausreicht.
- Der geplante, revolutionierende öffentliche Verkehr mit Schwerpunkt Schiene.

Die außerwirtschaftlichen Erfolge der israelischen Gesellschaft
Israel ist für Juden nicht einfach nur ein Land. Es ist ihr historischer Platz auf dieser Welt, wo sie sich als Nation entwickeln können. Ein Ort, ein Weg, eine Überzeugung, ein Traum, eine Hoffnung, eine Pioniertat, ein Ort des Friedens und des Kampfes. Für die wenigsten reduziert sich der historische Bezug zu dem Land auf die Gräber der Erzväter oder auf monumentale Steine aus der Antike, vor denen sie in Scharen zum inbrünstigen Gebet antreten. Oft sind es gerade diese Bilder, die in den deutschen Medienberichten über das Land dominieren. Eine Beziehung auf der Basis von Boden, Blut und Eisen ist es ganz und gar nicht. Was also ist das Besondere dieser Bindung zwischen Staat und Bürger?

Ein verhätscheltes Einzelkind
Es handelt es sich um eine nicht ganz gewöhnliche, aber sehr rationale Beziehung aus der jüngsten verhängnisvollen Vergangenheit. Israel ist für die heutigen Juden wie das eigene Kleinkind. Einerseits verhätscheln sie es, sorgen sich drum, eilen ihm zu Hilfe, auch wenn es nicht unbedingt erforderlich ist, denn es ist ein Einzelkind. Die Beziehung ist eben so wenig objektiv, wie generell die Beurteilung eines Kindes durch die eigenen Eltern. Anderseits ist es ihre Sicherheit, eine Art Altersrente oder eine gut angelegte Lebensversicherung für schlechte Zeiten. Darum freut sich der Jude, wenn das Land prächtig gedeiht und stark ist, ebenso wie er bangt, wenn es bedroht wird. Nicht selten gibt es Streit zwischen den Eltern und dem Kind, doch in der Not hält man zusammen, aus Liebe und Eigennutz. Diese Beziehung ist unter den Juden zur Normalität geworden, seitdem Israel ein Staat ist, ein jüdischer Staat. Es gibt nur diesen einen jüdischen Staat auf Erden.

Israel ist ein lebenswertes Land
Dann ist da noch die Demographie, die diese Beziehung prägt. Nicht alle Juden finden Platz in dem kleinen Land. Viele sind auch zu kosmopolitisch, als dass sie sich im gewöhnlichen Alltag auf ein Land fixieren würden. Man spricht auch vom demographischen Faktor, der dazu führt, dass die Araber bald die Mehrheit im Lande Zion sein werden. Emmes? Ist das wirklich ein bedrohlicher Faktor? Sind denn die Juden in Israel impotent, dass sie sich zahlenmäßig nicht behaupten könnten? Wenn es auf natürliche Weise nicht klappt, könnte man eventuell nachhelfen, indem man die Retortenbaby-Produktion ankurbelt? Ein anderer Weg ginge vielleicht über die gesetzliche Limitierung der Geburtenraten, wie in China. Nur für die nichtjüdische Bevölkerung? Nein! Das wäre unvereinbar mit jüdischer Tradition, Demokratie und Menschenrechten. So akut, wie die Lage oft dargestellt wird, ist sie nämlich nicht.

Geburten- und Sterberaten
Die Bevölkerungsstatistik Israels weist erfreuliche Trends auf. Die Geburtenrate steigt ständig an und liegt im Vergleich zur EU hoch. Der jüdische Bevölkerungsteil bildet darin mit 2,9 Kindern keine Ausnahme. Gewiss führt in diesem zähen Wettlauf noch die arabische Bevölkerung. Noch rasanter haben sich in den letzten Jahren die Zahlen der Lebenserwartung entwickelt. Hier führt der jüdische Sektor mit einem Durchschnitt von 82,7 vor den Arabern mit 78,7 Jahren. Ein Zeichen der Diskriminierung oder eher ein Ausdruck der unterschiedlichen Lebensart der verschiedenen Kulturen? Die Lebenserwartung der arabischen Bevölkerung ist seit der Staatsgründung Israels um durchschnittlich 20 Jahre gestiegen. Im gleichen Zeitraum sank deren Kinderersterblichkeit von 32 auf 8,6 pro 1000 Geburten.

Geburtenraten und Lebensdauer belegen, dass Israel trotz der häufigen Spannungen durchaus ein lebenswertes Land ist. Wie kommt das? Ist der Grund dafür womöglich der erhöhte Adrenalinausstoß und der Stress? Wodurch noch ließe sich das israelische Wunder der Lebensdynamik und Erfolge erklären? Vielleicht durch das Klima? Es ist schon etwas dran, dass Menschen in warmen Ländern geselliger sind. Trübsal und Einsamkeit in den eigenen vier Wänden sind geringer. In Israel geht man zum Tanz auf die Straßen. Am Strand finden sich die Badegäste zu gemeinsamer Gymnastik mit Musik zusammen.

Volk und Staat
Das Land ist eine Sammlung von Kehilot (Gemeinschaften). Neben der Schule und der Arbeit sind es der lange Wehrdienst und die jährlichen Reservistenübungen, die den Zusammenhalt bestimmen. Die Familienbeziehungen sind sehr eng. Traditionell kommt die Familie am Schabbat und zu den Feiertagen zusammen. Die geringen Entfernungen machen es leicht möglich. Besonders den Alten kommt der Familienanschluss sehr zupass.

Die Beziehung des Israeli zu seinem Staat reduziert sich nicht auf das Zahlen von Steuern und der Inanspruchnahme von staatlichen Dienstleistungen in Gesundheit, Bildung und Kultur. Sie ist getragen von Verantwortung und Kawod (Ehrerbietung) gegenüber den Veteranen, den Soldaten, den Kindern und den Neueinwanderern. Die Integration der neuen Bürger wird staatlich gefördert und ist zugleich persönliches Anliegen der Bevölkerung. Jahrzehntelang waren die zionistischen Ideale die Triebfedern für persönlichen Einsatz und gesellschaftliche Aktivität. (…)

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