August 5, 2016 – 1 Av 5776
500 Jahre Ghetto von Venedig

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1516 entstand in Venedig das erste Ghetto der Welt – bewohnt von deutschen Juden  

Von Anna Zanco-Prestel

„Chatzer“, Einzäunung, nannten die venezianischen Juden ihr Ghetto, das erste der Geschichte, das vor 500 Jahren im Jahre 1516 gegründet wurde. Die Bezeichnung „Ghetto“ findet ihren Ursprung in der Aussprache des Wortes „Geto“ seiner allerersten Bewohner, Aschkenasim aus dem deutschsprachigen Raum. Geto (Guß), das für eine ehemalige Gießerei steht, die sich im so genannten Ghetto Novo befand. Ein Gebiet am Stadtrand mit dicht übereinander gestapelten Wohnungen, die mit dem Edikt vom Dogen Ludovico Dolfin den Juden zu dreimal so hohen Mietpreisen zugewiesen wurden. Eine heute noch abgesonderte Ecke Venedigs jenseits stets wachsender Touristenströme, die sich – etwas versteckt – dem Besucher wie eine Oase der Ruhe entgegen öffnet.

Für Rainer Maria Rilke, der ihm eine herrliche „Szene“ aus seinen „Geschichten vom Lieben Gott“ widmete, galt das Ghetto mit seinen in die Höhe schießenden Bauten als ein Ort der Spiritualität, was es auch dank eines sich dort abspielenden regen geistig-religiösen Austausches mit herausragenden jüdischen Gelehrten wie dem Humanisten Leone da Modena oder Rabbi Shemuel Aboàf gewesen war.

Während der „Serenissima“ lebten im Ghetto – wie der Präsident des Jewish World Congress Rolando Lauder im Laufe der offiziellen Gedenkveranstaltung im Teatro la Fenice sagte – etwa 5.000 Juden auf engstem Raum eingepfercht und nächtlich von Wächtern bewacht, für deren von der Republik erzwungene Bezahlung sie selbst aufkommen mussten.

Venedig war aber auch der erste Ort auf der Welt, der Juden erlaubte, sich auf städtischem Boden anzusiedeln. Die Tore, die am Abend geschlossen wurden, grenzten sie aus und boten ihnen zugleich Schutz vor Übergriffen. Ein Leben unter widrigen Umständen, dem die Juden durch ein Übermaß an Erfindungsgeist und Kreativität zu trotzen lernten. Ein kreativer Elan, der sich in einer schätzenswerten literarischen Produktion, nicht zuletzt auch in der Errichtung von fünf prächtigen Synagogen materialisierte, eine davon von Baldassarre Longhena, dem Erbauer der „Chiesa della Salute“, restauriert.

Neben dem florierenden Handel mit Lumpen, später mit edlen Kleidungsstücken, war die hebräische Kunstbuchdruckerei eine der durch Juden verrichteten Aktivitäten, die den Ruhm vom Ghetto von Venedig begründeten. Dort wurden der erste Talmud und auch der erste Koran gedruckt, die nun – dank dem Orientalisten und Sammler Johann Albrecht von Widmannstetter – zu den wertvollsten Schätzen der Bayerischen Staatsbibliothek in München zählen. Juden unterschiedlicher Herkunft lebten im Ghetto friedlich nebeneinander. Deutsche, italienische, spanische, orientalische Juden, die mit Venezianern und Fremden – darunter Griechen, Türken, Armeniern – zusammentrafen. Deshalb kann es – in den Worten des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Venedig, Paolo Gnignati, – als Modell für eine neue Art weltoffenen, toleranten Zusammenlebens im Spiegel der neuen Migrationsflüsse dienen. (…)

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