Wird die Verbindung über mehr als die gemeinsame Feindschaft zum Iran hinausgehen?  

Von Seth Frantzman

Während des letzten Jahres ist eine politische Sichtweise entstanden, dass Israel und die Golfstaaten sowie Saudi-Arabien Teile einer neuen Allianz seien. Das „Wall Street Journal“ veröffentlichte erst vor kurzem eine Version dieser Geschichte. In einem Artikel wird beschrieben, wie Israel und der Golf gemeinsam gegen den Iran arbeiten.

Ein anderer Artikel zu diesem Thema enthält sogar das bizarre Zitat: „Es gibt nichts, was der Kombination aus israelischem Geld und der saudischen Denkweise Einhalt gebieten könnte.“ Sollte es nicht eher andersherum sein? Es gibt zu diesem Thema auch andere Artikel. Aber bevor die Pro-Israel-Leute sich für die Golfstaaten einsetzen, mit Lobbyarbeit beginnen und die Katar-Flagge schwenken, – wobei sie zahlreiche Menschenrechtsverletzungen in diesen Ländern ignorieren müssten –, sollte man sich einige Dinge vor Augen führen.

1. Eine solche Beziehung würde niemals publik werden: Ja, es gibt scheinbar gemeinsame Interessen zwischen dem Golf und Israel. Aber das würde Israel auf internationaler Ebene keine Vorteile einbringen. Die Golfstaaten stimmen bei den Vereinten Nationen immer gegen Israel. Sie stimmen routinemäßig gegen Israel, sobald sie auch nur die geringste Chance bei den Vereinten Nationen bekommen. Sie stimmen hingegen für die UNESCO-Resolutionen, welche Israel keine Rechte in Jerusalem zugestehen. Also warum sollte man vermuten, dass Israel „Freud“ von jemandem sein soll, der ihm noch nicht einmal die Hand schüttelt oder das Land anerkennt? Wenn man etwas von Israel will, dann soll Israel gehorchen, aber während des Rests des Jahres verneinen sie in der Öffentlichkeit die Existenz Israels.

2. Die Golfstaaten fürchten sich vor dem Iran und wollen Israel als Schild. Genauso wie damals, als Kuwait und Saudi-Arabien die USA dabei unterstützten, Saddam Hussein 1991 aus Kuwait zu vertreiben, so sitzt die Angst der Golfstaaten tief, dass der Iran diese kleinen Länder destabilisieren könnte. Die meisten Golfstaaten vertrauen auf Massen von Fremdarbeitern und sie haben eine kleine Gruppe von reichen Oligarchen, in deren Macht alles liegt, während die Massen von Menschen, die für sie arbeiten, noch nicht einmal die Staatsbürgerschaft erhalten. Viele Fremdarbeiter leben in sklavenähnlichen Verhältnissen und sterben bei Industrieunfällen. Natürlich sorgen sich die Herkunftsländer. Auch nur der kleinste Nadelstich vom Iran kann wirtschaftliche Probleme nach sich ziehen. Besonders Bahrain, wo eine Schia-Mehrheit von einer Sunni-Monarchie regiert wird. Im Vergleich dazu sind Irans Drohungen gegen Israels viel abstrakter und weniger konkret.

Was soll also für Israel drin sein? Die Golfstaaten ermutigen Israel, Informationen weiterzugeben und aktiv zu werden, weil sie angeblich mit Israel auf derselben Seite stehen. Aber wie soll Israel davon profitieren mit undemokratischen Monarchien zusammenzuarbeiten? Was springt für Israel dabei raus? Größere Sympathie in der Region? Gibt es weniger Antisemitismus, der in den Schulen gelehrt wird? Schafft es Vorteile für Israel, wenn reiche Scheiche hinter verschlossenen Türen sagen: „Bitte tut dem Iran etwas für uns an!“? Aus einer solchen Beziehung kann keine Normalisierung entstehen. Genauso wie Saudi-Arabien 1991 wollte, dass die USA ihnen helfen, während es gleichzeitig anti-westliche Prediger und Intoleranz förderte, so gibt es hier ein weiteres Beispiel eines reichen Regimes, das verlangt, dass ein anderes Land seine Arbeit tut.

3. Israel ist irgendwie wie das traurige Kind im Sandkasten, das andere Länder darum bittet, mit ihm zu spielen. Seit 1948 wurde Israels Anwesenheit in der Region weitgehend zurückgewiesen. Das hat sich aber in den 1970er Jahren geändert, als Ägypten mit einem Friedensvertrag auf Israel zuging. In den 1990er Jahren hat sich Israels Position durch Abkommen mit Jordanien und den „Palästinensern“ gestärkt, und Israel hat sich an Länder wie Tunesien und Marokko angenähert.

Beziehungen mit Oman und Katar haben sich auch auf offizielle diplomatische Besuche ausgeweitet. Aber dieses wurde mit der zweiten Intifada und dem Gaza-Krieg im Jahre 2009 zerstört. In jüngerer Vergangenheit redete man davon, dass Israel offizielle Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten eingehen sollte.

Israel ist in der Region jetzt mehr akzeptiert und in den letzten Jahrzehnten ein eher integrierter Bestandteil der Region als es das noch in den Nasser-Jahren war (in denen Israel mit Iran befreundet war). Aber in Wirklichkeit erkennen die Golfstaaten, dass sie das Beste von beiden Welten haben können. Sie brauchen keine offiziellen Beziehungen mit Israel, wenn sie von inoffiziellen Beziehungen profitieren können. Wie funktioniert das? In den Hallen Washingtons beispielsweise, oder anderswo.

Verdeckte Beziehungen nutzen dem Golf. Nutzen sie Israel? Vielleicht schon. Aber Israel sollte sich keine falschen Vorstellungen machen und Hoffnung schüren – das sollten auch nicht Israels Alliierte oder Freude andernorts. Die Golfstaaten sind sehr vorsichtig und vor allem manipulativ. Sie wissen, dass sie viel zu verlieren haben und dass sie den Westen und ihre Alliierten brauchen. Und gleichzeitig müssen sie immer das vortäuschen, was ihnen Stabilität zu bringen scheint. Sie spielen manchmal ein doppeltes Spiel. Katar hat bereits versucht sich in den Gaza-Konflikt einzumischen. Auf der einen Seite unterstützt es islamistische Agenden. Aber es will nicht den Gegenwind für solche Unterstützung spüren.

4. Wer vereinfacht den „Golf gegen den Iran“ auszuspielt, ist für die Wirklichkeit der Dinge im Mittleren Osten blind. Westliche Personen und vor allem die Israel-Unterstützer lieben die „Sunni gegen Schia“-Sichtweise des Mittleren Ostens und in ihrer Fantasie ist Israel auf der „Seite der Sunnis gegen den Iran“. Aber Israel ist nicht auf der Seite der Sunnis gegen den Iran. Zunächst arbeiten viele Sunni-Regime mit dem Iran, während sie vorgeben das nicht zu tun. Ägypten hat eine sehr differenzierte Ansichtsweise des sektiererischen Kriegs im Mittleren Osten. Genau wie Israel auch ein Luftschloss der „israelisch-christlichen Allianz“ im Libanon in den 80er Jahren verkauft wurde.

Israel wurde nun eine weitere Lüge von jenen verkauft, die vorgeben, dass Israel in Riad geliebt wird. Aber diese Regime mögen Israel eigentlich ziemlich wenig. Sie greifen Iran in der Öffentlichkeit an, aber ihre Außenminister mauscheln mit dem Iran auf internationalen Foren und Ereignissen. Sie mauscheln aber nicht mit den Israelis. In Wirklichkeit sind Iraner in ihrem Land und in der Region willkommener als Israelis, trotz des Anti-Schia-Gefühls. In den Vereinigten Arabischen Emiraten findet stiller Handel mit dem Iran statt. Dass die Türkei und der Iran gegeneinander sind, ist reine Fantasie. Sie agieren zwar in Syrien gegeneinander, aber sie treiben miteinander Handel und schütteln sich bei Begegnungen die Hände. Vieles von dem, was im Mittleren Osten geschieht, involviert zwei oder drei Interpretationsebenen. Menschen, die öffentlich angreifen, im Verborgenen aber nett zu einander sind, und so weiter. Es gibt viel prahlende und theatralische Diplomatie im Mittleren Osten. Israel und seine westlichen Freunde verstehen dies oft nicht. Die Pragmatiker verstehen, dass dieses neue Israel-Sunni-Königreich eines der Zweckmäßigkeit und gemeinsamer Interessen ist. Fantasten und andere glauben daran, dass sie auf der gleichen Seite stehen.

5. Golfstaaten werden nie einen Krieg mit dem Iran eingehen. Der Mittlere Osten kämpft mit Stellvertreterkriegen. Das bedeutet, dass im Jemen beispielsweise Saudi-Arabien und die Golfstaaten zwar die Huthis bekämpfen, aber nicht die Iraner. Der Iran schickt seine IRGC und Stellvertreter zum Kämpfen nach Syrien, aber die Saudis finanzieren nur die Menschen vor Ort. Niemand kämpft im Mittleren Osten einen Krieg gegeneinander. Menschen sterben und werden bezahlt, neben Außenstehenden zu sterben. In den schlimmsten Beispielen werden Schia-Afghanen vom Iran nach Syrien als „Kanonenfutter“ entsandt. Wenn man also eine Sichtweise stärkt, dass der Golf Alliierte gegen den Schia-Iran braucht, dann stimmt das wohl, aber nur, weil der Golf keine Kriege kämpft. Er bezahlt andere, das für ihn zu tun.

Israel, wie oben beschrieben, kann als Schild gut eingesetzt werden, als Stellvertreter eben. Aber Israel will kein Stellvertreter sein. Israel sollte das Land sein, was Stellvertreter nutzt, und nicht zu einem instrumentalisiert wird. Aber Pragmatiker in Israel wissen das. Erkennen Menschen, die diese Zeitungsartikel lesen, das auch? Oder eher nicht? Bekämpfen die Golfstaaten die Hisbollah?

Finanzieren sie Anti-Hisbollah-Splittergruppen im Libanon? Vielleicht. Und vielleicht gibt es einen Ort, wo Israel mit den Saudis zusammenarbeiten kann. Vielleicht in Südsyrien, wo es gemeinsame Interessen gibt, oder in Teilen des Iraks mit den Kurden. Pragmatische Allianzen könnten vorteilhaft für Israel sein. Fantasien aber nicht.

Übersetzung ins Deutsche: Jan Bentz

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