Oktober 6, 2017 – 16 Tishri 5778
40 Jahre: Mythos Mogadischu

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Wie die Deutschen von den Israelis lernten 
  

Von Carl Christian Jancke

Gerade hat man das Flugzeugwrack der „Landshut“ zurück nach Deutschland gebracht. Die damalige Lufthansa-Boeing wurde auf dem Höhepunkt der „Offensive“ 1977 von mit der RAF sympathisierenden arabischen Terroristen entführt, um die Insassen des legendären Stuttgart-Stammheimer Gefängnis freizupressen.

Die hatte schon die Entführung des früheren NSDAP-Mitglieds und Großkapitalisten Hanns Martin Schleyer den ehemaligen Frontoffizier des Zweiten Weltkriegs, Helmut Schmidt, nicht zu deren Freilassung bewegt. Als die unter dem Eindruck des „palästinensischen“ Terroranschlags auf die israelische Olympia-Mannschaft in München 1972 gegründete GSG9 erfolgreich den Flieger stürmte, war nicht nur Schleyers Schicksal besiegelt. Sondern auch die Legende von der „wehrhaften Demokratie“ geboren. Zu Unrecht. Mit dem folgenden Gruppenselbstmord der Gefangenen wollten diese wenigstens noch den Mythos nähren von den Kräften des Systems ermordet worden zu sein.

In Westdeutschland hatte der freiheitliche Rechtsstaat einen Geburtsfehler. Er wurde nicht erkämpft, sondern von den Siegern geschenkt, und die westlichen Alliierten haben nach den Nürnberger Prozessen darauf verzichtet die Entnazifizierung flächendeckend durchzusetzen. Adenauer sah im Kanzleramt über die Vergangenheit vieler Spitzenbeamter hinweg. 20 Jahre später sollte das eine ganze Generation moralingesäuerter Studenten, die nur wegen der Gnade der späten Geburt von der Hitlerjugend verschont geblieben waren, dazu erheben, sich über die teils tatsächliche und teils vermeintliche Schuld der Väter zu echauffieren. Dies war die Keimzelle der „Roten Armee Fraktion“. Gewalt „gegen Sachen“ wurde als erstes salonfähig. Kaufhäuser und Springer waren die ersten Ziele.

Die Geschichte der RAF ist keine Geschichte voller Missverständnisse, sondern eine der Bereitschaft des „linken“ und später auch des grünen Establishments Gewalt als Instrument der politischen Auseinandersetzung auf dem „Marsch durch die Institutionen“, den einst Rudi Dutschke ausgerufen hatte, einzusetzen und zu akzeptieren. Doch das kommt in den öffentlich-rechtlichen Endlosschleifen bei Guido Knops „History“-TV nicht vor und begründet auch die Tolerierung des Terrors als politische Waffe der „Palästinenser“. Denn es ist ein ordentlicher schwarzer Fleck auf der Weste des „links-grünen“ Establishements von Joschka Fischer bis Jürgen Trittin, in dessen Heimatstadt Göttingen sich „klammheimliche Freude“ über das Attentat auf den höchsten Repräsentanten des Rechtsstaates, den Generalbundesanwalt Siegfried Buback breitmachte. Der damalige Student und spätere Deutschlehrer Klaus Hülbrock bekannte sich 2001 zu einem Text in der AStA-Zeitung, in dem es wortwörtlich hieß:

„Meine unmittelbare Reaktion, meine Betroffenheit nach dem Abschuss von Buback ist schnell geschildert. Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen.“

Neben Buback war übrigens auch dessen Fahrer Wolfgang Göbel und der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft, Georg Wurster, am 7. April 1977 in dessen Auto ermordet worden. Anschließend ging es Schlag auf Schlag. Am 30. Juli 1977 fiel der Vorstandssprecher der Dresdner Bank AG, Jürgen Ponto, den revolutionierenden Bürgerkindern zum Opfer. Die „Rote Armee Fraktion“ hatte ihn entführen wollen, um die in Stammheim einsitzenden Terroristen freizupressen. Das hatte 1975 schon einmal funktioniert als der eher proletarische Arm des „linken“ Terrors, die „Bewegung 2. Juni“ den Berliner CDU-Chef Peter Lorenz kidnappte und im Gegenzug gegen seine Freilassung sechs verurteilte Terroristen in den Südjemen ausgeflogen wurden, die samt und sonders wieder terroristisch tätig wurden.

Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte den Staat auch auf Druck seines Nachfolgers erpressbar gemacht. Dass Schmidt seinen Irrtum erkannte, ehrt ihn und hatte doch furchtbare Konsequenzen. Keine zwei Monate nach der Lorenz-Entführung griff die RAF die deutsche Botschaft in Stockholm an und nahm 12 Geiseln, um weitere 26 Verbrecher freizupressen. Schmidt blieb hart, zwei Geiseln starben, ein Terrorist stolperte dilettantisch über die Elektrozündung einer Sprengladung, die er auf diese Weise auslöste. Das kostete zwei Verbrecher das Leben.

Der damals beteiligte Mörder Bernhard Rössner äußerte noch 1994, dass er keine Reue empfinde. Clais von Mirbach, der Sohn des getöteten Militär-Attachés Oberstleutnant Andreas von Mirbach, reagierte darauf: „Ich wünschte mir aber, dass die Öffentlichkeit solchen Selbstverklärungen und Verharmlosungen entschiedener entgegentritt. Rechtsradikalen Tätern ließ man derlei aus gutem Grund nicht durchgehen. Linksradikale umweht eine nicht gerechtfertigte Aura der Nachsicht und des Verständnisses.”

Tatsächlich schwamm der „linke“ Terror auf einer Woge der Sympathie in der 68er-Szene, die die Verbrecher zu Opfern eines rigorosen Polizeistaates stilisierten, der sie etwa mit „Isolationshaft“ und mit Einschränkungen der bürgerlichen Rechte drangsaliere. Der damalige Bundesinnenminister Werner Maihofer forderte eine

„Dissolidiarisierungskampagne gegen die ganz erhebliche Unterstützer- oder jedenfalls Sympathisantenszene der RAF. Das ist das Wasser, in dem diese Fische schwimmen. Weiterhin schwimmen sie auch im Wasser einer Schickeria, die in der Tat die Grenzen nicht so klar zieht.“

Der Hauch der „intellektuellen Mörder“ umwehte die Terroristen und führte dazu, dass weite Teile der Öffentlichkeit die Opfer bedauerten, ohne die Täter zu verurteilen. Das Phänomen ist Teil der DNS der „linksgrünen“ Szene und trägt viele klangvolle Namen, die in der darauffolgenden Geschichte eine Rolle spielen. Die „grüne“ Ikone Hans-Christian Ströbele – bis 2017 Mitglied des Bundestages und des parlamentarischen Kontrollgremiums – wurde 1975 wegen Missbrauchs der Anwaltsprivilegien vom Stammheim-Prozess ausgeschlossen und 1982 wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung verurteilt, weil er mit anderen RAF-Anwälten ein illegales Informationssystem aufgebaut hatte, das den bereits inhaftierten Terroristen aus dem Gefängnis hinaus die Kommunikation ermöglichte. Zur Szene der RAF-Anwälte gehörte auch Otto Schily, der schon Gudrun Ensslin 1968 verteidigte, als die ihre Sozialisation als Terroristin mit Kaufhausbrandstiftungen begann. Schily gab dann später als Bundesinnenminister den Hardliner.

Erste zarte Bande zwischen APO und PLO
Neben der Tatsache, dass der Zeitgeist des Herbstes 1977 den wehrhaften Rechtsstaat als Repressor stilisierte, machte die RAF durch das Bündnis mit dem „palästinensisch“ genannten arabischen Terror den Antisemitismus unter den „Linken“ salonfähig. 2001 berichtete der „Spiegel“, die Ikone der außerparlamentarischen Opposition und der spätere Grünen-Frontmann Joschka Fischer habe schon 1969 in Algier an einer Konferenz der PLO teilgenommen, auf der Jassir Arafat den Endsieg gegen Israel ausrief und Sympathisanten gewinnen wollte, die in der westlichen Welt seine Terrorstrategie unterstützten. Damit war die Verbindung zwischen PLO und APO geknüpft, die sich die RAF später zunutze machte. Arafat und später die „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ kooperierten auch mit den „Revolutionären Zellen“, einer weiteren westlichen Terrororganisation. Man besuchte gemeinsam Trainingscamps im arabischen Raum und die RAF erhielt Waffen und logistische Unterstützung. 

Der RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock behauptete 2002 gegenüber dem „Spiegel“, die RAF wäre ohne Unterstützung der „Palästinenser“ gar nicht mehr handlungsfähig gewesen. Die deutschen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann von den „Revolutionären Zellen“ nahmen 1976 an der Entführung einer „Air France“-Maschine ins ugandische Entebbe teil, bei der sie pikanterweise die „Selektion“ der jüdischen und israelischen Passagiere durchführten. Beide kamen bei der „Operation Entebbe“ neben drei Geiseln und dem Bruder des heutigen israelischen Ministerpräsidenten ums Leben. Die Israelis konnten 102 Geiseln befreien.

Die PFLP revanchierte sich bei den deutschen Kumpanen 1977 mit der Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt, nachdem der Bundeskanzler Schmidt keine Anstalten machte, auf die Geiselnahme Hans-Martin Schleyers mit der von der RAF geforderten Freilassung von 11 RAF-Terroristen der ersten Generation zu reagieren. Mindestens 86 Passagiere waren fast fünf Tage in der Hand der Terroristen, der Kapitän Jürgen Schumann wurde erschossen. Die Befreiung der Maschine glich wie eine Blaupause der israelischen Aktion ein Jahr früher und die Rettung der Geiseln war gleichzeitig das Todesurteil für Schleyer, der kurz darauf im Elsass ermordet wurde. Drei Terroristen verübten kollektiven Selbstmord. Die Sympathisanten der RAF haben oft behauptet der Staat habe die Inhaftierten hingerichtet. Ein Beweis dafür ließ sich nie finden.

Angesichts des islamischen Terrors erscheinen die 33 Todesopfer der RAF heute geradezu bescheiden. Aber ihre Gewalttaten fielen in der jungen Bundesrepublik auf fruchtbaren Boden in einer bigotten Generation, die ihre Eltern für die Taten des Nationalsozialismus verurteilten ohne sich auf ihrem moralisch hohen Ross zu fragen, wie sie selbst sich in der NS-Zeit verhalten hätten.

In Wahrheit waren die 68er Mitläufer, die sich nicht einmal vom RAF-Terrorismus distanzierten. Sie haben in der „linken“ Szene darüber hinaus den Antisemitismus und den „palästinensischen“ Terror hoffähig gemacht, indem sie sich von beidem nicht entschlossen distanzierten. Es erklärt die noch heute andauernde „linke“ Ignoranz gegenüber dem arabischen Terror, der im Deutschen Herbst 1977 ordentlich befeuert wurde.

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