Juli 3, 2014 – 5 Tammuz 5774
«Zweite Generation»

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von Michel Kichka 

Im ersten Bild dieser Graphic Novel starrt dernoch kindliche, mit dem Autor identische Ich-Erzähler ratlos auf die instinktiv in Abwehrverschränkten Arme seines Vaters und fragtsich, wer ihm wohl diese sechsstellige Nummerzwischen die Haare seines linken Unterarmsgeschrieben haben mag. Wenn der Vater beimEssen laut vernehmlich rülpst, was den Kindernausdrücklich verboten ist, heißt es: «BeiPapa ist das was anderes.

Er war im Lager.»Und wenn ihm am Mittagstisch einGericht besonders gut schmeckt,erinnert es ihn dennoch an Auschwitz:«Weil es dort so etwas nichtgab.» Der amerikanische Zeichner Art Spiegelman hat mit seinenberühmten Maus-Bänden einenin diesem Genre stilbildendenKlassiker geschaffen, in dem er aufdüster-depressive Art und Weisedas Grauen der Schoah anhand desLeidenswegs seiner Eltern Revuepassieren lässt, die auch nach demKrieg im amerikanischen Exil innerlichnie zur Ruhe kamen undauf diese Weise auch den Sohn als«typischen» Vertreter der sogenannten«zweiten Generation»in seiner Persönlichkeit nachhaltigprägten.

Diesem schwierig zugestaltenden Thema hat sich derbelgisch-israelische Karikaturistund Illustrator Michel Kichka nunauf gänzlich andere Art und Weiseangenommen. Seine innerhalb eineslangwierigen, schmerzhaftenProzesses der Bewusstwerdung und Verarbeitungder eigenen Familiengeschichte entstandeneGraphic Novel orientiert sich eindeutigam leichtfüßigeren europäischen Comic belgischerPrägung. Dabei scheut Kichka kaumeine große metaphorische Geste: auf einer fastdie gesamte Seite einnehmenden Zeichnungsteht sein Vater einsam am Stacheldraht vonAuschwitz bis zu den Knien in seinen eigenenTränen; auf einem anderen Bild hängt er inder bekannten Pose des Stummfilmstars HaroldLloyd am Zeiger einer riesigen mechanischenUhr, die exakt am Tag und in der Stundeseiner Verhaftung stehengeblieben scheint.

Michel Kichka, «Zweite Generation», aus
dem Französischen von Ulrich Pröfrock,
erschienen bei Egmont, 111 Seiten, € 19,99

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