Im Herbst 2007 setzten vier israelische Kampfflugzeuge Assads Atomprogramm ein Ende  

Von Marcel Serr

Die extrem feindliche Umwelt, in der der jüdische Staat sein Überleben sichern muss, ist eine bestimmende Determinante der israelischen Sicherheitspolitik. Daher erwuchs schon früh Israels Bedürfnis nach Nuklearwaffen, über die Jerusalem wahrscheinlich seit Ende der 1960er Jahre verfügt. Sie sollen als ultimative Abschreckung gegen arabische Invasionsversuche dienen.

In diesem Zusammenhang prägte Israels Premierminister Menachem Begin Ende der 1970er Jahre die nach ihm benannte Doktrin, wonach Israel keinem feindlichen Staat der Region gestatten darf, selbst Nuklearwaffen zu entwickeln und damit Israels Abschreckungsfähigkeiten zu neutralisieren. Jerusalem handelt bis heute nach dieser strategischen Maxime. Sie bestimmt auch die Bedrohungswahrnehmung des iranischen Atomprogramms. Seit Jahren spekuliert die Weltöffentlichkeit über die Möglichkeit eines israelischen Militärschlags gegen die Einrichtungen im Iran. Israels Luftwaffe (Israeli Air Force, IAF) hat bereits zweimal unter Beweis gestellt, dass sie in der Lage ist, feindliche Atomprogramme zu zerstören – 1981 im Irak und 2007 in Syrien. Anlässlich des 10. Jahrestages von „Operation Obstgarten“ gegen den syrischen Nuklearreaktor sollen die Ereignisse hier noch einmal dargestellt werden.

Die Entdeckung des syrischen Atomprogramms
Gegen Ende 2006 entdeckte Israels Geheimdienst in einer abgelegenen Gegend im Nordosten Syriens den Bau eines verdächtigen Gebäudes nahe dem Euphrat, 30 Kilometer von dem Ort Deir az-Zur entfernt. Über dem Komplex war ein großes Dach erbaut worden, das die Sicht von oben blockierte. Hier wurde offensichtlich etwas erbaut, das versteckt werden musste. Israels Geheimdienst vermutete, dass es sich um ein geheimes Atomprogramm handeln könnte.

Dieser Verdacht erhärtete sich bald. Im Februar 2007 lief der iranische General Ali Reza Askari zu den USA über. Askari war Sicherheitsberater unter Irans Ex-Präsident Chatami und langjähriger stellvertretender Verteidigungsminister. Nach der Wahl Ahmadinedschads 2005 war Askari in Ungnade gefallen und entschied sich zur Flucht. Er lieferte den USA wertvolle Informationen. Unter anderem berichtete er von einem syrischen Nuklearwaffenprogramm, finanziert vom Iran und durchgeführt von Nordkorea. Konkret arbeiteten die Nordkoreaner in der Einrichtung namens al-Kibar an einem Gas-Grafit-Reaktor zur Produktion von waffenfähigem Plutonium. Die USA teilten diese Erkenntnis umgehend mit Israel.

Die Nordkoreaner halfen
Wie sich herausstellen sollte, hatte Bashar al-Assad bereits beim Begräbnis seines Vaters im Juni 2000 Kontakt mit den Nordkoreanern aufgenommen, um über den Bau eines Reaktors zu verhandeln. Die Rüstungsbeziehungen zu Pjöngjang waren traditionell eng – das Regime hatte den Syrern in der Vergangenheit schon bei der Entwicklung von Chemiewaffen geholfen. 2002 erreichten Syrien die ersten Bauteile, Techniker und Wissenschaftler aus Nordkorea. Die Bauarbeiten blieben weitgehend unbeobachtet, da Funk- und Telefonverkehr auf der Baustelle strikt untersagt waren.

Um diese bedenklichen Berichte zu bestätigen, durchsuchte der Mossad im März 2007 das Wiener Hotelzimmer von Ibrahim Othman, Direktor der Syrischen Atomenergie-Kommission. Unvorsichtigerweise hatte Othman seinen Laptop im Zimmer zurückgelassen, sodass die Agenten problemlos den gesamten Inhalt der Festplatte kopieren konnten. Unter den Daten waren Dutzende Farbfotos, die das Innere des verdächtigen Gebäudes zeigten. Den Analysten war schnell klar, dass es sich tatsächlich um den Bau eines Nuklearreaktors handelte. Die Fotos zeigten Nordkoreaner bei der Arbeit – darunter auch Chon Chibu, einer der führenden Experten des nordkoreanischen Atomprogramms. Der einzige Zweck dieses Plutoniumreaktors war die Herstellung von Nuklearwaffen – so die Überzeugung des Mossad. Den Fotos war auch zu entnehmen, dass der Reaktor nur noch wenige Monate von der Betriebsbereitschaft entfernt war. Erst einmal aktiv würde ein Luftschlag zu nuklearem Fallout führen – ein nicht hinnehmbares Risiko für die Zivilbevölkerung. Es galt also schnell zu handeln.

Operation Obstgarten – was sind die Risiken?
Nachdem Jerusalem sicher war, dass Syrien kurz vor Inbetriebnahme eines Kernreaktors stand, wurde mit Washington das weitere Vorgehen besprochen. Am 18. April unterrichtete Verteidigungsminister Amir Peretz seinen US-amerikanischen Gegenpart Robert Gates. US-Präsident George W. Bush ließ seine Geheimdienste die israelischen Erkenntnisse überprüfen. Bush agierte sehr vorsichtig. Im Hinterkopf der US-Administration nagte die frische Erinnerung an das PR-Desaster im Zusammenhang mit den vermeintlichen Massenvernichtungswaffen im Irak. Die CIA stimmte mit der Interpretation der Kollegen in Jerusalem zwar überein, doch es gab Skeptiker in den Reihen der Bush-Administration – allen voran Condoleezza Rice. Sie befürchtete eine unkontrollierbare regionale Eskalation. Die Bush-Administration hatte mit den Konflikten in Irak und Afghanistan ohnehin genug um die Ohren. An der Eröffnung einer dritten Front im Nahen Osten hatte das Weiße Haus daher wenig Interesse.

Notfalls auch ohne die USA
Israels Premierminister Ehud Olmert machte bei seinem Besuch im Weißen Haus im Juni 2007 unmissverständlich klar, dass er auch unilateral gegen das syrische Projekt vorgehen werde, sollten sich die USA nicht zu einer Operation durchringen können. Nachdem Präsident Bush zu verstehen gab, dass er einen israelischen Alleingang nicht zu blockieren gedenke, begannen die israelischen Streitkräfte die Vorbereitung für einen begrenzten Luftschlag auf den syrischen Reaktor. Im Juni drang ein israelisches Spezialkommando von Sayeret Matkal in Syrien ein und sammelte die letzten Informationen für den Luftschlag.

Nach wochenlangem Hin und Her fiel am 5. September 2007 in Israels Sicherheitskabinett schließlich die Entscheidung für Operation Obstgarten. Noch in derselben Nacht stiegen zehn F-15- und F-16-Kampflugzeuge vom israelischen Luftwaffenstützpunkt Ramat David in den Himmel auf. Zunächst flog die Gruppe entlang der Mittelmeerküste nach Norden, schwenkte dann nach Osten und flog entlang der syrisch-türkischen Grenze. Mit elektronischen Kampfmitteln blendeten sie die syrische Flugabwehr, zerstörten eine Radarstation und drangen dann in den syrischen Luftraum ein. Gegen 0:45 Uhr melden die Piloten den erfolgreichen Vollzug der Operation. Die syrische Anlage war vollständig zerstört worden. Die israelischen Maschinen kehrten ohne Verluste wieder zu ihrem Stützpunkt zurück.

Syrische Falschmeldung für Assads Gesichtswahrung
Am Tag danach meldete die staatliche syrische Nachrichtenagentur, dass israelische Kampfjets in den syrischen Luftraum eingedrungen seien und durch die syrische Flugabwehr gestellt wurden, ihre Munition über der Wüste abgeworfen hätten, ohne Schäden zu hinterlassen und anschließend wieder verschwunden seien. Tatsächlich hatte die syrische Flugabwehr nicht eine einzige Rakete gestartet.

Eine Kernüberlegung der Operationsplanung war es, die Reaktion von Damaskus so gering wie möglich zu halten. Israels Geheimdienst wusste um die syrischen Raketen, die auf sensible Ziele in Israel gerichtet waren. Daher hüllt sich Jerusalem bis heute in Schweigen. Tatsächlich ging das israelische Kalkül auf: Assad konnte sein Gesicht wahren, indem er die gesamte Existenz eines Atomprogrammes leugnete und damit auf einen Gegenschlag verzichtete. Währenddessen rätselte die Welt monatelang, was in der Septembernacht in Syrien tatsächlich geschehen war.

Um die Operation zu komplettieren, schalteten Israels Elitesoldaten von der Spezialeinheit Shayetet 13 am 1. August 2008 den Spiritus Rector des syrischen Nuklearwaffenprogramms aus – General Mohammed Suleiman. Er war die Kontaktperson für die Nordkoreaner und koordinierte den Transfer von Reaktorteilen von Pjöngjang nach Syrien. Nichtsahnend war der langjährige Freund der Assad-Familie beim Abendessen mit Freunden in seiner Villa am Meer, als er von gezielten Schüssen israelischer Scharfschützen tödlich getroffen wurde.
Aus israelischer Perspektive war die Operation ein voller Erfolg. Die Begin-Doktrin war eindrucksvoll unterstrichen worden. Kaum auszudenken, wie gefährlich die Lage in Syrien heute wäre, wenn das im Chaos versinkende Land über Nuklearwaffen verfügen würde.

Vorlage für den Iran?
Mit Blick auf den Iran verfolgt Israel nach wie vor die Begin-Doktrin. Die Bedrohungen, die sich aus nuklear-militärischen Fähigkeiten Teherans ableiten, sind mehrdimensional. Es besteht nicht nur die Möglichkeit eines iranischen Angriffs – zumal die Rationalität und damit „Abschreckbarkeit“ des theokratischen Regimes in einer Krise durchaus angezweifelt werden kann. Die Waffensysteme könnten auch in die Hände von Terroristen fallen – wie bspw. der Hisbollah. Aus der regionalen Perspektive ist es überdies wahrscheinlich, dass eine iranische Bombe ein Wettrüsten auslösen und den Nahen Osten massiv destabilisieren würde. Der unter maßgeblicher Beteiligung der Obama-Administration verhandelte Aktionsplan zur Begrenzung und Kontrolle des iranischen Atomprogramms (Joint Comprehensive Plan of Action, JCPOA) aus dem Jahr 2015 schiebt diese Problematik bestenfalls zeitweise auf.

Es gilt jedoch zu bedenken, dass eine Militäroperation gegen die iranischen Einrichtungen deutlich anspruchsvoller ist als in Syrien. Denn während es sich dort nur um eine zu zerstörende Einrichtung handelte, geht es sich im Iran um mehrere und über das Land verstreute Anlagen. Die Gebäude werden beschützt und liegen zum Teil unterirdisch. Darüber hinaus ist die Distanz größer, sodass Luftbetankungen erforderlich sind. Auch die Tatsache, dass die iranischen Anlagen schon in Betrieb sind und damit eine hohe Gefahr von Kollateralschäden besteht, erschwert ein militärisches Vorgehen. Schließlich wäre bei einer Militäroperation auch mit Gegenschlägen des Iran und seines Stellvertreters in der Levante – der Hisbollah – zu rechnen. Hinzu kommt, dass ein erfolgreicher Militärschlag das Atomprogramm lediglich zeitlich verzögern würde, doch die Intention des iranischen Regimes dadurch nicht oder nur unzureichend beeinflusst werden kann. Insofern erlaubte ein Militärschlag ohnehin keine nachhaltige Neutralisierung der Bedrohung.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben