Juni 2, 2016 – 25 Iyyar 5776

Vergessene Schätze der jüdischen Musik

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Alan Bern und das Semer-Ensemble  

Von Guido Diesing

Es ist Musik, die es nicht mehr geben sollte, wenn es nach den Nationalsozialisten gegangen wäre: Lieder, die in den 1930er Jahren auf dem jüdischen Label „Semer“ in Berlin veröffentlicht wurden und deren Aufnahmen lange als verschollen galten. Jetzt gibt es eine Auswahl von ihnen in bewegenden Neuinterpretationen zu hören.

Wenn am 10. Juni die erste CD des „Semer Ensembles“ erscheint, dann sieht man, dass Wiederentdeckungen manchmal eben mehrere Anläufe brauchen. Das Programm mit dem treffenden Titel „Rescued Treasure“, das die acht Musiker des Ensembles unter Leitung des Pianisten Alan Bern aufgenommen haben, hat eine lange Geschichte. Ab 1932 hatte Hirsch Lewin in Berlin auf seinem Label Semer Platten jüdischer Musiker veröffentlicht, die nach dem Willen der Nazis nicht mehr für nichtjüdisches Publikum spielen durften.

Die stilistische Bandbreite war enorm: Da standen jiddische Lieder neben Opernarien und liturgische Gesänge neben Chansons. Während des Novemberpogroms 1938 wurde das Lager mit Lewins Schellackplatten im Berliner Scheunenviertel zerstört. Wertvolle kulturelle Zeugnisse schienen für immer verloren zu sein, bis in den 90er Jahren der Bonner Musikethnologe Dr. Rainer Lotz sich auf die Suche nach den erhalten gebliebenen Exemplaren der Platten machte, die über die halbe Welt verstreut waren. Tatsächlich gelang es ihm, den Semer-Katalog nahezu vollständig wiederherzustellen. 2001 erschien auf dem Label Bear Family die Sammlung „Beyond Recall“, die auf 11 CDs über 14 Stunden der historischen Aufnahmen wieder hörbar machte. Doch die Resonanz auf die Veröffentlichung fiel schwächer aus, als die Bedeutung der Funde hätte vermuten lassen.

Der jüngste Versuch, den vergessenen Schätzen größere Aufmerksamkeit zu verschaffen, nahm schließlich 2012 seinen Anfang. Anlässlich der Ausstellung „Berlin Transit“ beauftragte das Jüdische Museum Berlin Alan Bern, die alten Lieder zu neuem Leben zu erwecken. Der US-Amerikaner, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, war begeistert: „Sobald ich die Stücke gehört hatte, war ich fasziniert von diesem Projekt.“ Er transkribierte die bislang nicht notierte Musik und tauchte dabei tief in die Vergangenheit ein. „Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen, die ich da hörte, wieder lebendig waren, gleich neben mir.“ Bei der Stückauswahl war es ihm wichtig, die Stil-Vielfalt der Semer-Platten abzubilden. „Den Pluralismus, der hier deutlich wird, mag ich sehr. Dass es beispielsweise einen Kantor gegeben hat, der ebenso liturgische Gesänge wie populäre Lieder gesungen hat.“

Musiker zu finden, die die unterschiedlichen Stile fundiert spielen konnten, war für Bern kein Problem. Als Leiter von Bands wie „Brave Old World“ und Festivals wie dem „Yiddish Summer Weimar“ ist er in der Szene der aktuellen jüdischen Musik bestens vernetzt und konnte so eine All-Star-Besetzung zusammenstellen, in der sich Generationen und Herkunftsländer begegnen. „Klezmatics“-Sänger Lorin Sklamberg und Trompeter Paul Brody sind ebenso dabei wie Daniel Kahn (Painted Bird), die aus Lettland stammende Sängerin Sasha Lurje und der Schauspieler und Sänger Fabian Schnedler. „Es gibt inzwischen sehr vielseitige Musiker, die Klassik und Jazz, jüdische Musik und jiddische Lieder spielen können“, erklärt Bern. „Alle Musiker in der Gruppe verstehen, was den Klang von damals ausmacht.“

Drei weitere Jahre mit Proben und Konzerten gingen ins Land, bis im November 2015 im Gorki-Theater Berlin endlich die jetzt erscheinende Aufnahme entstand. Sie bietet eine faszinierende Mischung und entführt in die Vergangenheit, ohne die Gegenwart aus dem Auge zu verlieren. Im Sinne einer funktionierenden Dramaturgie wurden einige Stücke zeitgenössisch verfremdet, am deutlichsten das tieftraurige Lied „Das Kind liegt in Wigele“. Mit dem davor gesungenen „Kaddisch“ für einen im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten bildet es ein erschütterndes Paar.

Am entgegengesetzten Ende der emotionalen Skala liegt der volkstümliche Schunkelwalzer „Im Gasthaus zur Goldenen Schnecke“, ein Stück, das rein gar nichts mit jüdischer Musik zu tun hat, aber auf einer Semer-Platte erschien, weil sein Sänger Willy Rosen jüdischer Abstammung war. Mit dem Wissen über die Hintergründe wird die scheinbare Unbeschwertheit des Liedes fadenscheinig. „Dass dieses Stück verboten war und als jüdisch galt und der Sänger später in Auschwitz umgekommen ist, zeigt, wie beliebig die Diskriminierung von Menschen sein kann“, sagt Alan Bern und stellt damit klar, dass die Bedeutung der Neuaufnahmen weit über museale Aspekte hinausgeht. Als zeitgenössisches Projekt hat das Semer Ensemble etwas über das Heute und Morgen zu sagen. Wenn es darüber hinaus hilft, der Wiederveröffentlichung von 2001 endlich größere Aufmerksamkeit zu verschaffen – umso besser. „Die Bear-Familiy-Produktion hat viel mehr Anerkennung verdient“, stellt Alan Bern klar. „Das ist ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte.“

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